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Jedes dritte Kind kommt per Sectio zur Welt
Risiken des Kaiserschnitts zu wenig bekannt
Kaiserschnittrisiken für das Kind
Kaiserschnittrisiken für das Kind FOTO: dpa, Patrick Pleul
München/Wiesbaden. Es gibt Trends, die anhalten: Jedes dritte Kind wird per Kaiserschnitt ans Licht der Welt geholt. Das war nach Daten der Techniker Krankenkasse schon 2010 so und es ist auch heute noch so, wie es Daten des Statistischen Bundesamtes belegen. Fachärzte sehen dahin Fluch und Segen zugleich, denn ein Kaiserschnitt kann Leben retten, aber auch Probleme eröffnen, die nachdauern. Von Tanja Walter

Am Anfang war der Kaiserschnitt ein Noteingriff, der Leben retten sollte. Das ist er auch heute noch, allerdings nur noch zum Teil. Manchmal ist er auch die Absicherung für den Arzt, schlimmeres verhindert zu haben oder die Wunschentbindung für die Frau, die Schmerzen scheut oder Geburt zum planbaren Ereignis machen möchte.

Zahl der Kaiserschnitte hat sich verdoppelt

Schlussendlich hat sich laut des Statistischen Bundesamtes in den letzten zwanzig Jahren die Zahl der Kaiserschnitte verdoppelt. Das Saarland, Rheinland-Pfalz und Hessen sind die Spitzenreiter in der operativen Entbindungstechnik und liegen mit der Anzahl der Kaiserschnitte sogar noch über dem Bundesdurchschnitt. Blickt man ins Ausland, so lässt sich an den von der Weltgesundheitsorganisation WHO ermittelten Daten zwar ablesen, dass der Trend zum Kaiserschnitt in allen aufgeführten Ländern ungebrochen ansteigt. Doch liegt Deutschland gemessen an der Zahl seiner Einwohner ganz vorne.

Viele Gynäkologen schreckt das, von den meisten Hebammen ganz abgesehen. So schätzt der Deutsche Hebammenverband den Kaiserschnitt als lebensrettende Operation für Mutter oder Kind, postuliert aber, dass diese operativen Eingriffe nicht zur Routine werden dürften, "sonst verkehren sich Vorteile in Nachteile und ein rettender Eingriff wird zur riskanten Operation. Mit dieser Meinung sind die Hebammen entgegen der in der Natur gegebenen Berufsstreitigkeiten einer Meinung. "Ein Kaiserschnitt scheint heutzutage ein sehr risikoarmer Eingriff zu sein – allerdings wurden die postoperativen Probleme für Mutter und Neugeborenes lange Zeit vernachlässigt", gibt die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe DGGG auf ihrem Kongress in München zu bedenken.

Wann ein Kaiserschnitt sinnvoll ist

Für sinnvoll halten die Gynäkologen und Geburtshelfer des DGGG die operative Entbindung, in Fällen, in denen das Kind sich in einer Lage befindet, die eine Geburt unmöglich machen oder das Risiko einer Verletzung des Ungeborenen gegeben ist. Auch die werdenden Mütter haben die Gynäkologen dabei im Blick und bevorzugen darum den Kaiserschnitt auch dann, wenn durch eine Vorerkrankung der Mutter der natürliche Weg nach draußen verbaut ist oder e zu Komplikationen kommen kann. Das aber sind die einzigen Indikationen, die die Fachgesellschaft für einen Kaiserschnitt vorsieht.

Wirtschaftliche Gründe für Sectio

Die Expertinnen auf dem Gebiet der Frauengesundheit kritisieren, dass Kaiserschnitte durch Zeitnot und Personalengpässe in vielen Kliniken eher aus ökonomischen Gesichtspunkten heraus angestrebt würden. "Häufig sind Kaiserschnitte das Resultat voreiliger Geburtseinleitungen und anderer Eingriffe in den natürlichen Geburtsablauf. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht besteht kein Anreiz, Vaginalgeburten zu fördern und Kaiserschnitte zu vermeiden. Die Kliniken müssen eine teure Infrastruktur für die Geburtshilfe vorhalten. Die Vergütung für die Betreuung einer normalen Geburt reicht nicht aus, um die Kosten auszugleichen", sagt der Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V. (AKF).

Was neben betriebswirtschaftlichen und ökonomischen Beweggründen aus Sicht der DGGG besonders kritisch ins Auge fällt, sind jedoch die Risiken, die ein Kaiserschnitt für Mutter und Kind birgt. "Nach der Geburt treten bei Patientinnen mit einem Kaiserschnitt im Gegensatz zu Müttern nach einer natürlichen Geburt typische postoperative Probleme und auch gehäuft Komplikationen auf", sagt Prof. Frank Louwen. Er ist Leiter der Abteilung für Geburtsmedizin an der Universitätsfrauenklinik Frankfurt/Main und Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Er nennt lebensbedrohliche Thrombosen oder Lungenembolien, Blutungskomplikationen oder Komplikationen, die sogar das Entfernen der Gebärmutter notwendig machen. Die Techniker Krankenkasse weist darauf hin, dass beim Kaiserschnitt benachbarte Organe wie Blase oder Darm verletzt werden können.

Diese Risiken sollten die Frauen kennen

Zu den gern genannten Vorteilen eines Kaiserschnitts zählt das Verhindern von Beckenbodensenkungen. Der Beckenboden schließt als große Muskelplatte unseren Bauchraum nach unten ab. In ihm sind die Verschlussmechanismen des Harn- und Darmtraktes verankert. Kaiserschnittbefürworter weisen auf die starke Belastung dieses Muskels durch die natürliche Geburt hin, infolge derer es nach der Entbindung zu einer Senkung und damit verbundenen Inkontinenz kommen kann. Das aber lässt die DGGG so nicht stehen: "Beckenbodensenkungen können durch einen Kaiserschnitt nicht verhindert werden, da sie mit der Schwangerschaft selbst im Zusammenhang stehen", kontert die Fachgesellschaft.

Risiken für die Babys

Auch an den Neugeborenen gehe ein Kaiserschnitt oft nicht unbemerkt vorüber. Neben bekannten Argumenten wie Anpassungsstörungen und Atemkomplikationen sowie einer höheren Krankheitsanfälligkeit, machen ihnen nach Einschätzung von Experten aus verschiedenen Fachrichtungen auch andere Dinge zu schaffen. US-Wissenschaftler haben jüngst an Mäusen herausgefunden, dass ein Kaiserschnitt die Hirnentwicklung beeinträchtige und bis ins Erwachsenenalter Nachteile offenbaren könne. Bei den Mäusen jedenfalls stellten die Mediziner mangelnde Orientierungsfähigkeit und Probleme bei komplexen Verhaltensweisen fest.

Eine Forschungsgruppe der Technischen Universität München fand zudem heraus, dass eine Entbindung per Kaiserschnitt die Zusammensetzung der kindlichen Darmflora verändere und damit die Entwicklung von Autoimmunkrankheiten begünstige. Mit auf der Liste: Typ-1-Diabetes. Familiär vorbelastete Kinder, die per Kaiserschnitt geholt werden, haben demnach ein mehr als doppelt so hohes Risiko an Typ-1-Diabetes zu erkranken als spontan entbundene Kinder.

Mit Blick auf solche Risiken, die bei willkürlich oder wunschgemäß vorgenommene Kaiserschnitten in Kauf genommen werden, empfehlen die WHO und auch die Experten der DGGG den operativen Eingriff nur in medizinisch begründeten Fällen.

Quelle: wat/anch/csr
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