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Mit 65 Mutter von Vierlingen
Zweifelhafter Erfolg der Reproduktionsmedizin

Schwangerschaft mit 65? Zweifelhafter Erfolg der Reproduktionsmedizin
FOTO: Pfeiffer / infoNetwork / RTL
Meinung | Düsseldorf. Sie muss sich viele kritische Fragen gefallen lassen: Die 65-jährige Berliner Lehrerin, die mit Vierlingen schwanger ist, geht hohe Risiken ein. Für sich, aber auch für ihre Kinder. Wahrscheinlich ist ihr das nicht bewusst. Von Martin Kessler

Die Möglichkeiten der Medizin stellen unser vertrautes Bild vom Kinderkriegen auf den Kopf. Seit vor 36 Jahren das erste Retortenbaby zur Welt kam, hat sich das Fortpflanzungsschema der Menschen revolutionär verändert. In-vitro-Befruchtung, wie die künstliche Verbindung von Spermium und Ei medizinisch heißt, ist längst zum Alltag geworden. Möglich ist auch die verschobene Schwangerschaft mit eingefrorenen Eizellen oder die Befruchtung durch einen unbekannten Samenspender. Doch der Fall der 65-jährigen Grundschullehrerin, die dank künstlicher Befruchtung nun Vierlinge bekommen soll, sprengt den üblichen Rahmen und wirft eine Menge moralischer und medizinischer Fragen auf.

In jedem Fall ist das Verhalten der Pädagogin angreifbar, wenn man das Wohl der Kinder zum entscheidenden Maßstab macht. Wer Kinder großzieht, weiß nur zu gut, dass sie die Erzieher körperlich und seelisch voll beanspruchen. Eine jugendlich robuste Natur ist da von Vorteil, auch weil Kinder ein Gegenüber brauchen, mit dem sie sich messen können. Wer ins Renten- oder Pensionsalter eintritt, hat eigentlich diese Phase längst hinter sich. Im Falle der 65-Jährigen haben die Kinder eine 83-jährige Mutter, wenn sie volljährig werden. Die Pädagogin mutet also nicht nur sich, sondern auch ihren Kindern einiges zu. Dass sich das Ganze bei vier multipliziert, muss nicht eigens betont werden. Das macht die Sache spektakulär. Aber es fragt sich, ob eine Pensionärin wirklich für vier Kinder eine gute Erzieherin sein kann, wenn sie obendrein schon 13 Kinder zur Welt gebracht hat, für die sie bereits Verantwortung trägt.

Auch die Risiken einer solchen Schwangerschaft sind nicht unerheblich. Der Körper ist biologisch schon längst aus der Fruchtbarkeitsphase getreten. Er muss also hormonell erst in die Lage gebracht werden, erneut zu gebären. 

Der dritte Punkt betrifft die Doppelmutterschaft und den unbekannten Vater. Kinder haben ein Recht, ihre Herkunft zu wissen. Das ist ihnen in diesem Fall erst einmal versperrt. Außerdem kann es für Kinder belastend sein, eine unbekannte biologische und eine bekannte gebärende Mutter zu haben. Wenn die Kinder aufwachsen und sich ihrer bewusst werden, sind Konflikte programmiert. Schon Adoptivkinder haben es nicht leicht und leiden an der Herkunftsfrage. Sie sind aber da und benötigen ein Elternhaus, während die Berliner Lehrerin diesen Umstand erst künstlich herbeiführt.

Die Mutter der Vierlinge muss sich auch fragen lassen, warum sie für ihr ungewöhnliches Vorgehen auf die Hilfe der Allgemeinheit zurückgreift. Zwar bezahlte sie die Eizellenspende wohl aus dem eigenen Einkommen, aber der Staat und seine Versicherungssysteme und damit die Allgemeinheit finanzieren die Ausbildung und die Erziehung der Vierlinge zu einem erheblichen Teil mit. Das ist richtig, denn diesen Kindern stehen selbstverständlich alle Leistungen zu, die die Allgemeinheit für jedes Kind bereithält. Aber wiederum ist zu fragen, ob es moralisch richtig ist, diesen Zustand künstlich herbeizuführen, wenn die Risiken viel höher sind als in einer normalen Schwangerschaft.

Die künftige Pensionärin äußert sich nicht zu den Folgen ihres Handelns. Vielleicht wartet sie auf den großen Moment, vielleicht ist sie vertraglich an eines auf solche Sensationen spezialisiertes Medium gebunden. Ethisch unanfechtbar ist ihre Haltung nicht. Und bis jetzt scheint es, dass der betagten Mutter die Folgen ihres Handelns nicht ganz klar sind.

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