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Orientierungshilfe
Wo Alleinerziehende in NRW Hilfe finden

Wo Alleinerziehende in NRW Hilfe finden
Geht eine Partnerschaft in die Brüche, steht für Frauen oft an erster Stelle die Sorge um die Existenzsicherung für die Kinder. FOTO: Shutterstock/Tomsickova Tatyana
Düsseldorf. Ich schaffe das nicht! Wie soll ich das meistern? – Solche Gedanken plagen viele Alleinerziehende. Alleine in NRW sind es 345.000. Existenzangst, emotionaler Druck und die Last, alleine verantwortlich zu sein, können eine ungeheure Bürde darstellen. Diese Hilfen gibt es für die Betroffenen. Von Tanja Walter

In großen Städten leben beinahe die Hälfte aller Kinder im Haushalt alleine mit nur einem Elternteil. Die Lebenskonzepte dahinter sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie leben: Partnerschaften, die sich als zu instabil erweisen, als dass sie der Verantwortung der gemeinsamen Kindererziehung Stand halten könnten. Menschen, die sich auseinanderleben. Frauen, die sich bewusst dafür entscheiden, ein Kind alleine groß zu ziehen oder solche, die kurz vor der Geburt des Wunschkindes sitzengelassen werden.

Diese finanziellen Hilfen gibt es für Alleinerziehende

Meist werden Frauen zu Alleinerziehenden

Meist sind es Frauen, die zu Alleinerziehenden werden – laut einer Erhebung des Statistischen Landesamtes rund sieben Mal häufiger als Männer. Manche Experten gehen jedoch von höheren Zahlen aus. Geplant haben den schmerzhaften Einschnitt die wenigsten von ihnen. So wie auch Lena Eyberg nicht.

Sie lebt mit ihrer vierjährigen Tochter und dem fast einjährigen Sohn in Essen. Wenn sich in diesem Dezember die Familienfeste aneinanderreihen, dann jährt sich für Lena Eyberg ein einschneidendes Ereignis. Einen Monat vor der Geburt des zweiten gewünschten Kindes verließ sie ihr Mann. "Das war Ende Dezember 2016", sagt sie. Damit war nichts mehr so, wie es vorher war.

"Ein halbes Jahr habe ich nur versucht zu überleben. Dann habe ich mir ein Netzwerk aufgebaut und wieder begonnen zu leben", sagt sie. Das war harte Arbeit: "In einer Welt mit heilen Familien um mich herum brauchte ich dazu ein Netzwerk von Leuten, die mich in meiner Situation verstehen." Denn nach einer Trennung stürzen viele Frauen erst einmal kopflos in Existenzangst, gefolgt von emotionaler und psychosozialer Unsicherheit.

Am Anfang kommt die Existenzangst

Was ist mit der Wohnung? Was haben wir an finanziellen Mitteln überhaupt noch zum Leben? Solche Fragen kennt auch Susann Sültemeyer aus ihrer Arbeit für den Verband alleinerziehender Mütter und Väter in Düsseldorf (KiND VAMV Düsseldorf). Die Sozialwissenschaftlerin rät darum in den meisten Fällen dazu, sich diesbezüglich als erstes neu zu orientieren. Aus ihrer Beratungserfahrung weiß sie, was Alleinerziehende stemmen: "In 87 Prozent der Fälle sind es Frauen, die mit ihrem alleinigen Einkommen die Familie ernähren." Nur ein Viertel der Kinder bekomme vom Vater eine Unterhaltssicherung.

Was das für die Alleinerziehende und ihre Kinder bedeutet, erklärt Sültemeyer genauer: "Wenn eine Mutter 30 Stunden arbeiten geht und rund 1500 Euro nach Hause bringt, dann zahlt sie hierzulande alles komplett in den Unterhalt der Kinder und sorgt für das Auskommen der Familie. Ein Vater hingegen, der 2000 Euro verdient, hat einen Selbstbehalt, den er zurückhalten kann." "Seltsam" sei das Deutsche Sozialrecht für sie, sagt sie unumwunden.

Arbeiten ist nur möglich mit Kinderbetreuung

Eng verknüpft mit der eigenen Erwerbstätigkeit ist die Frage nach der Betreuung des Nachwuchses. "Das Thema 'Kinderbetreuung' ist eine Katastrophe", findet Lena Eyberg. Um sich besser organisieren zu können, gründete sie gemeinsam mit zwei Mitstreiterinnen im September 2016 eine eigene VAMV-Ortsgruppe in Essen und eröffnete bei Facebook die Gruppe "Alleinerziehend in Essen". Das half ihr auch dabei, zumindest halbe Tage in ihren Beruf als Ärztin zurückkehren zu können.

"Über solche Netzwerke kann man sich gegenseitig helfen", sagt sie. Das sei überlebenswichtig für Alleinerziehende. Wenn man krank wird, sei die Not sonst groß, die Kinder in die Kita zu bekommen. "Oder auch dann, wenn abends um sieben auffällt, dass die Milch für das Baby alle ist und man die Kinder anziehen und wach halten muss, nur um eben um die Ecke neue Milch zu kaufen.

Als sie vor wenigen Monaten in ihren Beruf zurückkehrte, war dieses Netz noch außerordentlich dünn. Heute hat sie drei Babysitterinnen, die wechselnd einspringen, wenn es keine andere Lösung gibt. Denn als Medizinerin muss sie auch dann arbeiten, wenn die Kita geschlossen hat. "Wie auch Frauen in vielen anderen Berufen", sagt sie.

Im Einzelhandel sei das so, aber auch bei Schichtdiensten in der Gastronomie. "Ich kenne eine hochqualifizierte Intensivkrankenschwester, die nun schlechter bezahlt als Sekretärin arbeitet, weil sei niemanden gefunden hat, der in den Randzeiten die Kinderbetreuung für sie übernehmen könnte. Und das, obwohl Intensivschwestern eigentlich händeringend gesucht werden", sagt Eyberg.

Vorsichtige Vorstöße in Sachen Betreuung rund um die Uhr

Diese Situation könnten Kitas entschärfen, die flexible Betreuung rund um die Uhr anbieten. Das Bundesprogramm "KitaPlus" soll solche Vorhaben in den nächsten zwei Jahren auch in NRW massiv anschieben. Zum Start Anfang 2016 meldeten laut Informationen des Bundesfamilienministeriums gleich 155 Kitas aus NRW Interesse an der Teilnahme am Förderprogramm an. Noch aber sind nur einzelne vorsichtige Vorstöße in der Sache getan.

Modellprojekte wie "Sonne, Mond und Sterne" zeigen, wie es auch jenseits der Kitas funktionieren kann: Geschulte Kinderbetreuerinnen ergänzen die Betreuung zu nachtschlafenden Zeiten oder in den frühen Morgenstunden in den eigenen vier Wänden – allerdings gibt es das Projekt derzeit nur in Essen.

Hier findet man Unterstützung bei der Kinderbetreuung

Alleinerziehende, die tagsüber Entlastung suchen, sollten sich nach Modellen wie Familienpatenschaften umhören. In Düsseldorf hat man damit gute Erfahrungen gemacht. Ende 2014 startete dort der VAMV das Angebot. Aktuell gibt es 19 Patinnen, die Familien unterstützen. In eine ähnliche Richtung gehen Initiativen, die vor allem auf rüstige ältere Menschen als Unterstützer für Alleinerziehende setzen. Als Leih-Oma und Opas unterstützen sie junge Familien, aber auch Alleinerziehende.

Wer solche Angebote in seiner Stadt ausfindig machen möchte, muss allerdings oft erst einmal Zeit in die Suche investieren. Mancherorts laufen die Fäden für solche Initiativen in den Händen des städtischen Jugendamtes zusammen, andernorts kümmern sich kirchliche Träger wie Diakonie oder Caritas darum, Alleinerziehendenvereine wie das VAMV oder Familienzentren. In Düsseldorf koordiniert es das Jugendamt. Verschiedene Hilfen bieten auch Familientreffs des DRK, der AWO sowie das ASG-Bildungsforum.

Was die Suche insgesamt schwierig macht: Nicht nur die Ansprechpartner sind von Kommune zu Kommune unterschiedlich, auch die Art der Initiativen unterscheiden sich. In Gelsenkirchen beispielsweise gibt es weder eine Über-Nacht-Betreuung, noch ein Leihoma-Projekt. Dafür aber sogenannte "Baby-Partner". Das sind ehrenamtlich tätige Frauen zwischen 40 und 60 Jahren, die Alleinerziehenden oder Familien in besonders belastenden Lebenssituationen unter die Arme greifen.

Überall gleich: Meist sind es nicht mehr als ein Dutzend Ehrenamtliche, die ein solches Angebot für eine ganze Stadt zu stemmen versuchen. Ihnen stehen beispielsweise in Gelsenkirchen laut Sozialatlas 6819 Alleinerziehende gegenüber. Sofern sich vor Ort keine direkten Beratungsstellen befinden, kann man solche Hilfen auch übers Netz, beispielspielsweise über: http://aktivpaten.de/vermittlungen-in-ihrer-nahe/ ausfindig machen.

 

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