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Nach der Geburt depressiv und ängstlich
Jede zwölfte Depression nach der Entbindung liegt an der Schilddrüse

Wochenbettdepression liegt häufig an der Schilddrüse
Hinter einer Wochenbettdepression kann eine Schilddrüsenentzündung stecken. FOTO: Shutterstock/OndroM
Düsseldorf/Essen. Ein plötzliches Stimmungstief oder Ängste kurz nach einer Geburt – schnell wird dafür eine Wochenbettdepression verantwortlich gemacht. Doch diese Diagnose ist oft falsch. In vielen Fällen handelt es sich um ein rein körperliches Problem.  Von Tanja Walter

Der Stimmungswandel kommt von einem Tag auf den anderen und oft erst einige Wochen nach der Geburt eines Kindes. Die Mutter ist emotional labil und gereizt, kommt mit dem Kind nicht zurecht oder sogar depressiv verstimmt. Nichts liegt näher als an eine Wochenbettdepression zu denken. Jede zehnte Frau entwickelt diese nach der Entbindung, sagt der Berufsverband der Frauenärzte. Doch in vielen Fällen ist das eine Fehldiagnose. Denn die Symptome sind denen einer postpartalen Schilddrüsenentzündung zum Verwechseln ähnlich.

"Ein einfacher Bluttest kann Klarheit bringen", sagt Detlef Moka, Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Nuklearmediziner (BDN). Doch der wird meist nicht in Erwägung gezogen, weil die Schilddrüsenentzündung häufig verkannt werde. "Ein nach einer Entbindung veränderter Tag-Nachtrhythmus und die hormonelle Umstellung verschleiern die Situation zusätzlich", sagt Matthias Schott, Endokrinologe am Universitätsklinikum Düsseldorf. Ein fataler Irrtum, vor allem dann, wenn eine Therapie notwendig wird. Eine Wochenbettdepression wird psychotherapeutisch oder mit Antidepressiva behandelt, postpartale Schilddrüsenprobleme hingegen nur bei schweren Beschwerden mit Hormonersatzpräparaten oder Medikamenten, die die Symptome lindern.

Das verursacht das Schilddrüsenproblem

Wodurch aber entsteht eine solche – medizinisch auch Postpartum-Thyreoiditis genannte – Schilddrüsenentzündung? "Eine Schwangerschaft bedeutet enormen Stress für das Immunsystem. Nach der Geburt kann es überreagieren und zur hormonellen Entgleisung der Schilddrüse führen", sagt Moka. In Folge dessen richten sich Antikörper im Blut gegen das eigene Organ. Daraus resultiert die plötzliche Entzündung der Schilddrüse. Sie entwickelt sich in einem Zeitraum von etwa vier bis 24 Wochen nach der Entbindung.

In der ersten Phase führt diese häufig zu einer Überfunktion, die dann nach etwa sechs bis acht Monaten in eine Unterfunktion übergeht. Übermächtige Müdigkeit oder Antriebsarmut können Anzeichen für eine gedrosselte Schilddrüsenfunktion sein. Symptome wie Zittern, Nervosität oder beschleunigter Herzschlag weisen hingegen auf eine Überfunktion hin.

Diese Frauen sind besonders gefährdet

Besonders Frauen, bei denen bereits vor der Schwangerschaft die Schilddrüsen-Antikörper – sogenannte TPO-Antikörper – erhöht waren, entwickeln die Erkrankung. Endokrinologe Schott nennt als Beispiele dafür eine Hashimoto-Erkrankung oder Morbus-Basedow sowie Diabetes. Manchmal leiden Frauen bereits vor der Schwangerschaft unter einer Autoimmunerkrankung, die jedoch noch nicht ausgebrochen ist. Auch das kann zu der Erkrankung nach der Entbindung führen, sagt der Düsseldorfer Schilddrüsenexperte.

Die gute Nachricht jedoch: "Bei der Hälfte der Betroffenen reguliere sich die entgleiste Stoffwechsellage von alleine innerhalb eines Jahres wieder", sagt Moka. Wichtig ist bis dahin allerdings eine engmaschige Kontrolle des Schilddrüsenwerts TSH, an dem sich die Funktion der Schilddrüse ablesen lässt. Das sollte laut Schott entsprechend der Werte im ein- bis vierwöchigen Rhythmus geschehen, bis sich die Lage wieder normalisiert.

Wann und wie man die Schilddrüsenentzündung therapiert

Hält darüber hinaus die Unterfunktion an, wird diese medikamentös mit dem Schilddrüsenhormon-Ersatzpräparat Levothyroxin behandelt. Die Wochenbettschilddrüsenentzündung behandelt man hingegen nur im Bedarfsfall. "Bei einer starke Beschwerden verursachenden Überfunktion gibt man Beta-Blocker, bei einer starken Unterfunktion ebenfalls Schilddrüsenhormon", sagt Detlef Moka. Der Grund für die zurückhaltende Behandlung: "Sie kann sich in diesem speziellen Erkrankungsfall nachteilig auswirken. Man gewöhnt sich laut Moka an die Einnahme des Schilddrüsenhormons: "Auf Dauer kann es dann dazu kommen, dass die Schilddrüse schrumpft und von sich aus nicht mehr genug Hormone produziert. Die Frauen sind dann dauerhaft auf eine Einnahme angewiesen."

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