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Medizin
HIV-Medikamente bald überflüssig?

HIV: Forscher sprechen von einer "Heilung"
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Hamburg. Deutsche Forscher haben eine molekulare Schere entwickelt, die Aids-Viren-Information aus dem menschlichen Erbgut herausschneiden kann. Sie sprechen von "Heilung". Bis zur Therapie am Menschen werden aber noch Jahre vergehen. Von Wolfram Goertz

"Aids? Das ist eine langweilige chronische Infektionskrankheit, die leider keinen mehr interessiert", sagte neulich ein Mediziner in launiger Runde. Er hat Recht.

Aus dem derben Bonmot spricht ein wenig die Gemütslage der internationalen Infektions- und Sexualmedizin. Das weltweit immer noch höchst relevante Thema der HIV-Infektionen wird öffentlich als Marginalie empfunden; fast konsequent wurde es von Ehec, Ebola, Zika und anderen überholt. Dabei steigt die Zahl der HIV-Neuinfektionen auch in Deutschland wieder an, ebenso wie sich Geschlechtskrankheiten ungeniert verbreiten.

Der Leichtsinn boomt

Von den etwa 3200 HIV-Neuinfizierten im Jahr 2013 waren laut Robert-Koch-Institut 81 Prozent Männer. 66 Prozent der Neuinfizierten sind Männer, die Sex mit Männern haben; etwa 23 Prozent der Übertragungen kamen durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr zustande. Kondome? Seit HIV kaum mehr zwingend tödlich ist, weil es dank medikamentöser Therapie oft nicht mehr oder später zum Aids-Vollbild kommt, grassieren Leichtsinn und Verantwortungslosigkeit. "Safer sex" ist verblasst. Und Afrika, die furchtbare Brut- und Opferstätte von HIV, scheint uns beruhigend weit entfernt.

Mit der Schere ins Erbgut

In dieser Situation der Lethargie könnte sich auch die Mitteilung wie ein Hintergrundrauschen versenden, dass deutsche Forscher der Heilung der vom HI-Virus ausgelösten Immunschwächekrankheit Aids möglicherweise einen großen Schritt näher gekommen sind. Sie haben eine Methode entwickelt, bei der die tückische Viren-Information aus dem menschlichen Erbgut herausgeschnitten wird und die Zelle das sogenannte Provirus in der eigenen DNA abbaut, berichten die Wissenschaftler in "Nature Biotechnology".

Dieser Zugang zum Genom ist deshalb so wichtig, weil die konventionelle HIV-Therapie mit Tabletten zwar die Viruslast senken kann, aber nicht die Proviren in der DNA erreicht. Man schlägt sich sozusagen mit den feindlichen Truppen herum, dringt aber nicht zur Kommandozentrale vor.

Das Team der TU Dresden und des Heinrich-Pette-Instituts (HPI) Hamburg glaubt, dass der Ansatz die HIV-Therapie grundlegend ändern wird. Erstmals könne Heilung in Aussicht gestellt werden, berichtet Joachim Hauber (HPI). Den Versuchen mit Mäusen und Zellen soll eine Studie mit Patienten folgen.

Ein Enzym von Designern

Dabei ist die Methode ein alter Hut. Bereits 2007 hatten die Forscher ihre Technik der genetischen Schere bei HIV-Infektionen der Öffentlichkeit mitgeteilt und im Magazin "Science" publiziert. Nun sind die Methoden offenbar schärfer, zielgenauer geworden. Tatsächlich veränderten die Wissenschaftler in ihren Experimenten ein Enzym, die sogenannte Designer-Rekombinase "Brec 1", das bestimmte Erbgut-Abschnitte erkennt, dann Teile der DNA entfernt und die Enden wieder miteinander verbindet. "Damit sind wir an die Wurzel des Übels gegangen", sagt Hauber gegenüber "Spiegel Online". Hauber weiter: "Wir entfernen wirklich aus der infizierten Zelle das HI-Virus mit der Aussicht auf Heilung."

Beginnt die Genom-Chirurgie?

Rekombinasen spalten und organisieren DNA-Sequenzen neu. Natürlich vorkommende Rekombinasen eignen sich jedoch nicht, um die Gene des Virus aus dem menschlichen Erbgut herauszuschneiden. "Sie funktionieren nur bei den für sie angepassten Basenabfolgen", sagt Frank Buchholz von der TU Dresden. "Daher haben wir eine Rekombinase hergestellt, die das HIV-Erbgut genau identifiziert."

Das klappt offenbar vorzüglich. Die Rekombinase erkennt nach Angaben der Forscher mehr als 90 Prozent aller bekannten HIV-Varianten. In der Praxis wollen die Wissenschaftler HIV-Infizierten Stammzellen entnehmen; in deren Erbgut soll dann "Brec 1" eingeschleust werden. Die veränderten Zellen werden den Patienten wieder gespritzt. Und die Immunzellen, die aus den veränderten Stammzellen entstehen, sollen das HI-Virus bekämpfen.

"Das Generieren molekularer Skalpelle wie der Brec 1-Rekombinase wird die Medizin verändern. Von dieser Entwicklung werden nicht nur HIV-Patienten, sondern auch viele andere Patienten mit genetisch-bedingten Erkrankungen profitieren. Wir stehen kurz davor, das Zeitalter der Genom-Chirurgie einzuläuten", prognostiziert Buchholz. Doch bis es so weit ist, vergehen vermutlich noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Die Forscher planen eine erste Studie mit HIV-Patienten.

Doch die Hürden sind hoch. Vor allem fehlt es an Geld; die Kosten für die Pilotstudie mit zehn Patienten werden auf rund 15 Millionen Euro geschätzt. Einen großen Teil davon, rund vier bis fünf Millionen, verschluckt die Herstellung einer sogenannten Genfähre, die "Brec 1" an seinen Bestimmungsort bringen soll. Diese Genfähre muss ein Speziallabor entwickeln.

Behandlung per Cocktail

Moderne HIV-Therapie richtet sich unterdessen weltweit nach drei elementaren Kriterien: Wie geht es dem Patienten, wie ist sein klinisches Erscheinungsbild? Wie hoch ist der Wert der sogenannten CD4+-Helferzellen? Und wie hoch ist die Viruslast? Die heute gängige sogenannte HAART-Cocktailtherapie hat zum Teil starke Nebenwirkungen, weswegen man die Giftigkeit der Therapie gegen den erwarteten Nutzen in Rechnung bringen muss. Diese Therapie ist allerdings selbst bereits klug konzipiert, weil sie in die Vervielfachung des HI-Virus einzugreifen versucht. Wie geht das?

Das HI-Virus baut zur Vermehrung seine Erbsubstanz, die bei ihm als RNA-Genom vorliegt, in die Doppelstrang-DNA des Genoms der Wirtszelle ein. Diese Umwandlung von (viraler) RNA in (provirale) DNA der Wirtszelle durch ein Enzym mit den Namen "Reverse Transkriptase" ist ein entscheidender Schritt im Reproduktionszyklus der Retroviren. Diesen Umwandlungsvorgang stoppen die Medikamente, aber sie gehen auch gegen die Vervielfachung vor. Die meisten HIV-infizierten Körperzellen produzieren neue HIV-Viren. Dabei werden mit dem Virus-Enzym Protease neue Virusbausteine erzeugt, die hinterher zusammengesetzt werden. Protease-Hemmer verhindern diesen Prozess. Die sogenannten Entry-Hemmer hingegen hindern HIV daran, sich überhaupt an Körperzellen zu binden und in sie einzudringen.

Diese HAART-Kombinatiosnherapie ist für viele HIV-Patienten ein Lebensretter; sie muss allerdings auch lebenslang genommen werden. "Brec 1" könnte dem ein Ende setzen.

Quelle: RP
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