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Enttäuschte Liebe
Liebeskummer – wie das Herz in den Ausnahmezustand gerät

Enttäuschte Liebe: Liebeskummer – wie das Herz in den Ausnahmezustand gerät
Ein gebrochenes Herz kann körperlich schmerzen. (Symbolbild) FOTO: Shutterstock/solominviktor
Düsseldorf. Liebeskummer – der Appetit ist weg, Schlaflosigkeit macht sich breit und manchmal auch körperlicher Schmerz. Warum man "Herzschmerz" weit mehr als nur ein Gefühl ist und wie gefährlich gebrochene Herzen sein können. Von Tanja Walter

Schmerzen in der Brust, Herzrhythmusstörungen und Atemnot – das sind die typischen Symptome eines Herzinfarkts. Doch nicht immer lösen verstopfte Herzkranzgefäße die Beschwerden am Herzen aus. Manchmal ist es Liebeskummer.

So ernst wie ein Herzinfarkt

"Rund zwei Prozent der Menschen, die mit einem vermeintlichen Herzinfarkt in die Notaufnahme kommen, haben in Wahrheit ein Broken-Heart-Syndrom", sagt Iris Hauth, Chefärztin des Zentrums für Psychiatrie und Psychosomatik des Alexianer St. Joseph-Krankenhaus in Berlin. Eine Pumpfunktionsstörung des Herzens, wie Psychokardiologe und Psychosomatiker Christoph Herrmann-Lingen von der Universitätsklinik Göttingen sagt. Durch sie pumpt das Organ mitunter mit nicht mehr als 30 Prozent der eigentlichen Leistung. "Darum muss man es ähnlich ernst nehmen wie einen Herzinfarkt", sagt der Göttinger Psychokardiologe.

Inneres Gefühlschaos zeigt sich nicht nur in durchweinten Nächten, Appetitlosigkeit und Konzentrationsproblemen, sondern manchmal als körperlicher Schmerz. Herrmann-Lingen weiß um den engen Zusammenhang zwischen unseren Gefühlen und dem Herzen, dem Organ, in dem sinnbildlich die Liebe wohnen soll.

Die somatischen Folgen des Liebesaus

Herzklopfen und Nervosität zählen zu den möglichen Folgen nach einem Liebesaus. Aber auch Magen- und Kreislaufprobleme, innere Unruhe, Abgeschlagenheit oder depressive Verstimmungen gehören zu den möglichen somatischen Folgen unbeantworteter Liebe. Liebeskummer hat viele Gesichter. Er ist sogar imstande die Funktion des Immunsystems herabzusetzen.

Seitdem die Wissenschaft zeigen kann, was passiert, wenn Menschen etwas fühlen, kann man auch verstehen, warum Liebeskummergeplagte nicht nur sprichwörtlich vom "gebrochenen Herzen" sprechen. "Zeigt man frisch Verliebten im MRT Bilder von ihren Partnern, sind Hirnregionen aktiv, die auch bei Belohnung aktiv sind", sagt Iris Hauth, Chefärztin des Zentrums für Psychiatrie und Psychosomatik des Alexianer St. Joseph-Krankenhaus in Berlin.

So macht die Wissenschaft Liebeskummer sichtbar

Leider funktioniert das auch in ähnlicher Form umgekehrt. Experimentelle Studien aus den USA zeigen, dass bei sozialer Zurückweisung und seelischem Schmerz im Hirn ähnliche Regionen aktiv sind wie bei körperlichem Schmerz. Ein Bild des Ex-Partners zu betrachten sprach bei den Probanden ebenso den somatosensorischen Kortex an, wie die Hitzeeinwirkung einer heißen Tasse Kaffee am Unterarm. Daraus schlussfolgerten die Forscher, dass in beiden Fällen Berührungs- und Schmerzrezeptoren angesprochen werden. Besonders schmerzlich sei für den Menschen Ablehnung, ergab eine Auswertung von weiteren Daten aus mehr als 500 Studien.

Daneben sind weitere physiologische Veränderungen nachweisbar. Beim frisch Verliebten sind vor allem Botenstoffe wie Glückshormon Dopamin und der Belohnungstransmitter Serotonin dominant. Sie erzeugen das bekannte Gefühl auf einer rosa Wolke zu sitzen. Zu einem späteren Zeitpunkt sorgt das Bindungshormon Oxytocin für Nähe und Verbundenheit. Durch Liebeskummer wird das angenehme Wohlgefühl durch den Hormonkick ins krasse Gegenteil verkehrt.

Liebeskummer ist Stress pur

In den letzten 25 Jahren fanden Experten verschiedener Disziplinen wie der Neuropsychologie und Biochemie, den Auslöser von Tränen, Depression und Schmerz in Folge verwehrter Liebe. Manch Liebendem verursacht das Beziehungsaus Stress in extremster Form. Durch ihn kann der Körper in eine akute Belastungsreaktion geraten. Vergleichbar mit einem schweren Schock nach einem Autounfall, sagt Herrmann-Lingen.

Der Glückshormonlevel sackt in den Keller. Suchtexperten haben herausgefunden, dass sowohl bei Suchtverhalten als auch in der Liebe das sogenannte limbische System angesteuert wird. Dieses Hirnareal gilt als Belohnungszentrum. Der französische Arzt Michel Odent bezeichnete den Zustand des akuten Liebeskummers darum auch als Entzugssyndrom, bei dem die Neurotransmitter aus dem Lot geraten seien. Statt Haufenweise Glückshormone produziert die Hirnanhangdrüse unter Stress Botenstoffe wie Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin, sagt Hauth.

Die Folgen des Hormoncocktails beim Liebesaus:

  • Das Herz schlägt schneller und der Blutdruck erhöht sich. Das macht hellwach und erklärt, warum Liebeskummergeplagte unter Schlaflosigkeit leiden.
     
  • Stress versetzt den Körper in Alarmbereitschaft. Die Folge: der Fluchtinstinkt steigt und der Hungerreiz wird unterdrückt. Evolutionsbiologisch machte das Sinn, weil es die menschlichen Urahnen in die Lage versetzte, schnell die Flucht vor dem Säbelzahntiger antreten zu können. Die Stresshormone haben auch heute noch diese Wirkung. Aus diesem Grund bekommen Liebesbekümmerte oft keinen Bissen mehr runter, sagt Psychosomatikerin Iris Hauth.
     
  • Oft fließen unvermittelt Tränen. Sie sind ebenfalls eine Reaktion auf den hohen Stresslevel. Weinen baut Stress ab.
     
  • Das vegetative Nervensystem, das das Herz-Kreislauf-System steuert, gerät aus der Balance. Bemerkbar macht sich das beispielsweise durch Zittern, Schweißausbrüche, Nervosität oder durch diffuse Schmerzen. • In manchen Fällen reagiert der Körper auf die Überschwemmung mit Stresshormonen so massiv, dass das Herz aus dem Takt gerät. Die Betroffenen klagen dann über Symptome, die denen eines Herzinfarkts zum Verwechseln ähnlich sind, aber auf ein Broken-Heart-Syndrom zurückzuführen sind.

    Die wichtigsten Fakten zum Broken-Heart-Syndrom finden Sie hier.
     
  • Wird chronischer Stress durch Liebeskummer nicht behandelt, kann er ein Risikofaktor für das Herz sein und im schlimmsten Fall sogar einen lebensgefährlichen Herzinfarkt verursachen.

Bei anhaltenden Beschwerden raten die Experten dazu, sich Hilfe zu holen. "Vor allem dann, wenn man seinen Alltagsaktivitäten nicht mehr nachkommen kann und nicht mehr arbeitsfähig ist", sagt Iris Hauth. Unterstützung finden Betroffene dann beim Hausarzt, bei psychologischen und ärztlichen Psychotherapeuten.

 
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