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Beziehungsform der Zukunft
Mingle - Wir haben mehr Sex und weniger Beziehung

Mingle - Mehr Sex und weniger Beziehung
FOTO: Kudla/ Shutterstock.com
Düsseldorf . Wir heiraten weniger und daten mehr. Wir haben mehr Sex, aber weniger Verbindlichkeit. Mingle, nennt sich die neue Beziehungsform, bei der man weder Single noch zusammen ist. Ein Trendforscher erklärt, wie sich dieser Prozess in das Liebesleben der Deutschen einschleicht - und warum Frauen bessere Singles sind als Männer. Von Susanne Hamann

Sie trifft ihn. Er trifft sie. Man lernt sich kennen. Flirtet mit den Augen. Mit den Smartphones. Mit den Lippen. Nach dem ersten Kuss folgt der erste Sex. Dann das nächste Treffen. In größeren und in kleineren Abständen, aber irgendwie regelmäßig unregelmäßig. Ein Spiel, das in der Luft hängt - bis einer diese Frage stellt, die sich beide längst denken:

Sind wir jetzt zusammen? Lade ich den anderen zum Geburtstag mit meinen Freunden ein? Bringe ich beim nächsten Mal ein Geschenk mit? Fragen wie diese haben sich Männlein und Weiblein schon immer gestellt, aber noch nie war die Antwort darauf so schwierig wie heute. Anders gesagt: Noch nie war es so selbstverständlich, dass es auf diese Fragen keine Antworten geben muss.

Mingle - "mixed plus Single"

"Friends with benefits" oder "Mingle" also "mixed plus Single" ist ein Beziehungszustand, der immer mehr in die Gesellschaft Einzug hält. Dabei handelt es sich um Beziehungsformen, die nicht mehr zwingend auf die Ehe zulaufen, sondern an sich Selbstzweck sind. "Diese Entwicklung liegt an dem zunehmenden Trend zur Individualisierung und an der sich verändernden Arbeitswelt", sagt Zukunftsforscher Peter Wippermann. "Heutzutage gibt es nicht mehr diese geschlechterspezifischen Rollen wie früher. Frauen arbeiten genauso wie Männer und Männer können ihnen nicht mehr sagen, was sie zu tun haben." Um so mehr sich Männer und insbesondere Frauen aber selbst entdecken, um so mehr wollen sie sich auch ausleben. "So geht der Trend weg von der Familie, hin zum Single, oder eben zum Mingle." Vor allem in der Generation der rund 30-Jährigen - und noch mehr bei denen darunter.

Ansprüche und Zukunftsversprechen fallen immer mehr weg. Der Arbeitsauftrag für das Gegenüber ist ein anderer geworden. Weg vom Stützen durch Bindung, hin zum Unterstützen der Eigenständigkeit durch Feedback, Körperkontakt und Nähe auf Bestellung. "Somit dient man sich gegenseitig mehr als eine Art Coach für Unsicherheiten, Stress und Krisen, die dem Einzelnen in seinem Leben plagen", erklärt Wippermann.

Warum wir immer öfter alleine als zusammen sind

"Möglich wird der Mingle-Zustand auch deshalb, weil die Beziehung oder auch die Ehe keine Notwendigkeit mehr für den sexuellen Trieb ist." Auch er ist längst individualisiert. Küssen und enges Tanzen müssen heute nichts mehr bedeuten. Die Suche nach Körperkontakt in Beziehungen, wird ersetzt durch die Suche nach spontaner Lustbefriedigung in Apps wie Tinder. Etwas ernster wird es dann auf Datingplattformen im Internet. Aber eben auch längst nicht mehr zwingend.

Halbe Affäre, unverbindliche Beziehung. Am Ende sind sich gleich mehrere Experten einig: Frauen fällt dieses Konstrukt leichter als Männern. "Studien zeigen, dass Männer zwar besser verdienen, aber als alleinerziehende Väter deutlich häufiger versagen", weiß Wippermann. Frauen dagegen verdienen zwar immer noch schlechter, bewähren sich alleinerziehend aber deutlich besser. Weil Frauen sich zudem in ihren Freundschaften eher austauschen als Männer, kommen sie mit den psychischen Herausforderungen des Single-Lebens insgesamt besser zurecht. "Aus diesen Gründen wird sich auch ein Trend zu arbeitenden und alleinerziehenden Frauen in den nächsten Jahren herauskristallisieren", so der Forscher.

Mehr Freiheit für Männer und Frauen

Zu glauben, der Trend zur Individualisierung sei von der Emanzipation getrieben, ist allerdings ebenfalls falsch. Auch Männer driften immer mehr zur Selbstbestimmung. Das zeigt etwa die jährliche Studie der "Stiftung für Zukunftsfragen". Darin werden jedes Jahr 2000 Bundesbürger nach ihrer Einstellung zum Thema Familie befragt. "Wenn man die Studien verfolgt hat, sieht man, dass im Jahr 2014 eine Veränderung eingetreten ist", erklärt Wippermann. "In diesem Jahr gaben erstmals über 60 Prozent der Befragten, die keine Kinder wollten als Grund an, dass sie lieber frei und unabhängig sind."

Die gesellschaftlichen Folgen dieser Entwicklung sind längst bekannt. In Zukunft gibt es immer weniger Kinder und mehr Alte. Aber über einen anderen Aspekt wird eher selten gesprochen: die psychosoziale Komponente.

"Dieses Konzept des "living apart together", wie es etwa vorkommt, wenn ein Partner pendelt, oder wegen einer beruflichen Chance für ein oder zwei Jahre in eine andere Stadt geht, macht natürlich sehr viel mit den Menschen." Was Wippermann damit sagen will: Wo Flexibilität ist, entsteht auch Unsicherheit. Wo viel selbst reguliert werden muss, fehlt auch ein gesunder Bezug zu anderen. Wer immer in der Gegenwart lebt und liebt, der verliert jede  Planbarkeit.

Warum der andere doch so wichtig ist

Und nicht zuletzt, "der Mensch wächst am Du und nicht am Ich", sagt Bernhard Juchniewicz, Coach, Paartherapeut und Präsident des Berufsverbandes European Coaching Association. "Er lernt also daran, wenn er Kompromisse eingeht, wenn er Entscheidungen treffen muss, wenn er auch mal Dinge für den anderen opfert und so erkennt, was ihm wirklich wichtig ist." Welche Auswirkungen das auf Leben und Persönlichkeit hat, merken die meisten laut der Erfahrung des Coaches erst, wenn es fast schon zu spät ist. "Irgendwann wird dann deutlich, dass die berufliche Karriere doch nicht alles ist." Die ständige neue Partner- oder Mingle-Suche wird lästig. Die regelmäßigen Herzbrüche werden anstrengend und der Wunsch nach mehr Konstanten im Leben wächst im Gleichschritt mit dem Alter - da sind sich Wippermann und Juchniewicz einig. Und daran ändern auch die neuen Ansprüche der Berufswelt nichts.

Das hilft aus der Unverbindlichkeitsfalle

Was also ist die Lösung des Problems in der Gegenwart? Denn stehen bleibt die Globalisierung nicht extra für die Zweisamkeit. Und wie flexibel der Mensch in Zukunft wohnen, kommunizieren und arbeiten wird, können wir uns heute vermutlich noch nicht einmal vorstellen. "Das wichtige ist und bleibt miteinander zu reden", sagt Paar- und Sexualtherapeutin Bettina Kirchmann. "Egal, wie lange der Mingle-Zustand schon geht, die Erfahrung zeigt, einer will immer mehr. Und der muss irgendwann dazu stehen, wenn er glücklich leben will."

Dass das nicht einfach ist, gibt die Therapeutin zu. Sie räumt aber ein: "Vor allem, wenn man älter wird, muss man lernen sich immer wieder zu fragen, was einem wichtig ist - und es aussprechen. Nur so kann man zu seinem eigenen Selbstwert stehen." Wer den anerkennt, der schämt sich auch nicht das mitunter lange Schweigen über den Beziehungsstatus zu brechen. "Immerhin geht es dabei darum, wie seine Zukunft aussehen soll."

Für zukünftige Generationen dagegen wird die Überwindung der Einsamkeit ganz anders aussehen, glaubt Trendforscher Wippermann. "Die Kontakte in der Realität werden dann immer mehr durch jene im Netz ersetzt. Und gleichzeitig bauen die Nutzer sich darin eine Marke um die eigene Person auf."

So entsteht eine Art virtuelles Imperium, das den Einzelnen per Smartphone, Tablett und Laptop permanent wie eine Wolke umgibt. Die Aufgabe des Beziehungssuchenden der Zukunft ist deshalb noch reduzierter als heute: Er darf sein körperliches Selbst nicht vergessen - trotz aller Technik.

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