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Stanford Professor Greely prophezeit
Sex ist zum Kinderkriegen schon bald überflüssig

Stanford Professor Greely prophezeit: Sex ist zum Kinderkriegen schon bald überflüssig
Statt durch Sex sollen in 20 Jahren Babys im Labor entstehen, prophezeit Stanford-Professor Henry Greely. FOTO: Shutterstock/Photographee.eu
Münster. Sex – über Jahrmillionen hat er sich zur Fortpflanzung bewährt und soll nun bald nicht mehr dafür nötig sein? In 20 Jahren könnten stattdessen Babys im Labor entstehen, meint zumindest ein amerikanischer Genforscher der Stanford-University. Wir zeigen, was dahinter steckt. Von Tanja Walter

Es hört sich so an, als würde es in 20 bis 40 Jahren recht unkuschelig in den Betten der Menschheit. Dann nämlich, so prophezeit Standford-Professor Henry Greely provokant, werde menschliches Leben aus einem ausgestanzten Hautfetzen der Mutter und dem bereitgestellten Sperma des Mannes im Labor gezeugt. Aus der weiblichen Haut könnten Stammzellen produziert werden, aus denen später in Kombination mit der männlichen Keimzelle Leben entstehen.

Aufgrund der großen Fortschritte in der Reproduktionsmedizin sei Sex dann zur Fortpflanzung vollkommen unnötig, sagte der Genforscher und Medizinjurist gegenüber der Zeitung "The Times".Tatsächlich hat sich im Bereich der künstlichen Befruchtung viel getan. Was beschreibt Greely, und was ist davon tatsächlich denkbar?

  1. Aus Haut Stammzellen gewinnen, aus denen später ein Embryo wächst

    Forschern aus den USA gelang es im Jahr 2014 erstmals, aus Hautzellen Erwachsener embryonale Stammzellen zu gewinnen. Dazu tauschten die Forscher die DNA einer intakten Eizelle durch das Erbgut aus einer Hautzelle aus. Abgesehen hatten es die Wissenschaftler jedoch auf die anpassungsfähigen embryonalen Stammzellen, weil sie sich zum Nachzüchten von Gewebe und Zellen eignen. Mit solchen Zellen hoffen sie, irgendwann einmal Krankheiten wie Multiple Sklerose oder Parkinson heilen zu können oder Zellschäden nach einem Herzinfarkt beseitigen zu können. Babys jedoch lassen sich aus Haut derzeit nicht klonen, und auch ethische Aspekte verbieten das.
     
  2. Es ist zur Fortpflanzung kein Sex nötig

    Das Baby wird im Labor gezeugt. Auch diese scheinbare Sensationsmeldung kommt Jahrzehnte zu spät. Denn im Sommer 1978 erblickte in England Louise Brown das Licht der Welt. Sie war das erste im Reagenzglas gezeugte Baby. Im Jahr 2014 waren es laut der Statistik des Registers für künstliche Befruchtung (DIR) allein in Deutschland 9315 Kinder, die im Labor gezeugt wurden.

    Zur Anwendung kommen dabei auch Verfahren, mit Hilfe derer selbst unfruchtbare Männer Kinder zeugen können. Seit Beginn der 1990er Jahre  kann man bei Männern, deren Ejakulat keine Spermien enthält, aus den Hoden, Hodengewebe oder den Nebenhoden über eine Kanüle Keimzellen entnehmen. Danach wird das Spermium in einer Petrischale über eine dünne Nadel direkt in die Eizelle injiziert. Die eigentliche Befruchtung findet also fernab der leiblichen Eltern im Brutschrank statt. Sex ist also auch derzeit schon nicht mehr nötig, um ein Kind zu zeugen.
     
  3. Embryonen werden nach verschiedenen Kategorien selektiert

    Genforscher Greely stellt vier Kategorien auf, nach denen in 20 Jahren Embryonen bewertet würden. Neben Embryonen mit schweren und nicht behandelbaren Krankheiten gebe es die Kategorie der anderen Erkrankungen, eine Selektionsmöglichkeit nach äußeren Merkmalen wie Augen- oder Haarfarbe sowie eine Unterscheidung nach Intelligenzstufen und Verhalten. "Die Eltern werden die Embryonen nach Kategorien gruppiert bekommen", sagt Greely in der Zeitung. "Den zukünftigen Eltern wird gesagt: Diese fünf haben wirklich schwere Krankheiten, die wollen sie nicht."

    Machbar wäre dies schon jetzt, denn die Präimplantationsdiagnostik (PID) bietet theoretisch solche Möglichkeiten. Im Jahr 1989 untersuchten Wissenschaftler erstmals künstlich befruchtete Embryonen vor der Übertragung in die Gebärmutter. Bei diesem umstrittenen und sehr diskutierten Verfahren können Ärzte beispielsweise Chromosomenfehler aufspüren, die für erbliche Krankheiten verantwortlich sind. Auch ist es nach Angaben des Deutschen Referenzzentrums für Ethik in den Biowissenschaften möglich, "nicht krankheitsrelevante Merkmale wie beispielsweise das Geschlecht eines Embryos, das Vorhandensein einer bestimmten Behinderung oder seiner Eignung als Organ- bzw. Gewebespender für ein bereits lebendes erkranktes Geschwisterkind" aufzuspüren. In manchen Ländern ist auch letzteres erlaubt. In Deutschland jedoch nicht. 

    Hierzulande wurde jedoch im März 2014 ein erstes PID-Zentrum in Lübeck zugelassen. Dort können Paare, die in ihren Erbanlagen das Risiko für schwere Krankheiten tragen, nach engen gesetzlichen Vorlagen eine Auswahl von Embryonen durchführen lassen.

    Bereits im Jahr 2015 machte zudem ein biotechnisches Werkzeug mit dem Namen CRISPR-Cas von sich reden. Hinter ihm verbirgt sich eine Art molekulare Erbgutschere, mit der Biowissenschaftler einzelne Bausteine der embryonalen DNA gezielt "herausschneiden" können, um sie durch andere zu ersetzen. Solch ein Eingriff hat also auch Folgen auf nachfolgende Generationen, weil das Erbmaterial nachhaltig verändert wird. "Eingesetzt werden könnte ein solches Verfahren bei Eltern, die Träger einer Erbkrankheit sind, die jedoch erst bei den Kindern auftauchen würde", erklärt Professor Frank Tüttelmann, Humangenetiker an der Universität Münster und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Andrologie. "Häufige Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck kann man durch eine genetische Manipulation nicht ausschließen", sagt er.
     
  4. Was der Stanford-Professor nicht sagt, was man aber trotzdem wissen muss

    Wirkliche Designer-Babys zu schaffen, ist derzeit ein Gedankenmodell. Die real existierenden Hürden werden nach Auffassung des Münsteraner Reproduktionsmediziners Tüttelmann in 20 Jahren nicht überwunden sein. "Ein Eingriff an mehreren Genen wäre zudem ein Wagnis", sagt der Experte. "Man wird dadurch nicht jegliche Veranlagung zu Krankheiten nehmen können, zumal die meisten Krankheiten durch verschiedene Faktoren beeinflusst sind, die nicht allein im Erbgut begründet sind", so Tüttelmann weiter.

    Die Grenzen des Möglichen: Ganz unbeachtet bleiben auch ethische und moralische Grenzen. Zudem kann man durch reproduktionsmedizinische Verfahren zwar einige schwerwiegende Krankheiten nehmen, doch bergen umgekehrt Eingriffe von außen immer auch neue Gefahren für die Entstehung von schwerwiegenden Krankheiten. So zeigte beispielsweise der dänische Forscher Allan Jensen bei Kindern mit verändertem Erbgut ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen. Zudem haben Kinder, deren Mütter gegen Unfruchtbarkeit behandelt wurden, oft ein geringeres Geburtsgewicht, werden oft zu früh geboren und haben tendenziell mehr Fehlbildungen. Was nach Auffassung von Humangenetiker Tüttelmann bleibt, ist ein Restrisiko, das sich nicht ausschließen lässt.

    Der Münsteraner Experte bleibt in Anbetracht der Visionen aus Stanford gelassen: "Babys aus Laboren – das berücksichtigt auch soziale Komponenten von Schwangerschaft und Bindung zu Mutter und Vater nicht. Und der Spaß beim Kinderkriegen geht auch verloren."
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