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"Schatz es tut mir Leid, aber..."
Warum Seitensprünge passieren

Tipps gegen Stress in der Beziehung
Tipps gegen Stress in der Beziehung
Düsseldorf . Die gute Nachricht: Die Hälfte aller Frauen und Männer ist noch nie Fremdgegangen. Die schlechte: die andere Hälfte hat es mindestens schon einmal getan. Was treibt sie zum Seitensprung an? Und macht es überhaupt Sinn, zu verzeihen? Von Tanja Walter

Es ist ein Grundbedürfnis in jeder Beziehung, die Nummer eins für den anderen zu sein. Es tut gut, wahrgenommen zu werden, Interesse beim anderen zu wecken und wichtig zu sein. Zu erfahren, dass da jemand anders ist, ist wie mit dem Herzen in einen Kaktus zu fallen.

Befragt man Evolutionsbiologen zum Thema "Treue", scheint sie kaum möglich. Da es in der Arterhaltung um das Streuen des eigenen Erbguts geht, scheint monogames Verhalten widernatürlich. Vor allem der Mann steht unter dieser Betrachtungsweise im Konflikt zwischen Paarbindung, um die Aufzucht der Nachkommen mit zu sichern und dem Bestreben seine Erbanlagen möglichst weit zu streuen – also viele Nachkommen zu zeugen.

Der Berliner Paartherapeut Wolfgang Krüger, der das Phänomen seit vielen Jahren untersucht, hält das für eine billige Entschuldigung: "Dass die Männer in der Steinzeit Jäger waren und deshalb ihrem Fortpflanzungstrieb nachgehen müssen, ist Unsinn. Die Ursachen stecken dann meist in der Persönlichkeit."

Das sind die häufigsten Gründe für einen Seitensprung

Also werfen wir einfach mal einen Blick auf die Gründe für Seitensprünge. Psychologe Krüger nennt folgende drei:

  1. Narzissmus: Das Motiv eines narzisstisch veranlagten Menschen ist simpel. "Ich bin toll, wenn ich sie erobert habe." Diese Menschen gehen fremd, weil sie dadurch ihr Selbstwertgefühl steigern oder stabilisieren. Oft haben sie laut Krüger in ihrer Kindheit zu wenig Zuneigung erfahren. "Narzissten sind meist therapiebedürftig, weil sie eine Persönlichkeitsstörung haben", sagt Krüger.
     
  2. Angst vor Nähe: "Wenn man Angst hat, von einem Partner abhängig zu werden, ist eine Seitensprung die schnellste Möglichkeit, die Nähe zu regulieren", sagt der Psychotherapeut.
     
  3. Eine unglückliche Ehe: Über 60 Prozent der Seitensprünge gehen darauf zurück. Bei einer
    Untersuchung der Universität Göttingen machte Studienleiter und Psychologe Ragnar Beer neben Vertrauen und der Bereitschaft gemeinsam Probleme zu lösen an erster Stelle die sexuelle Unzufriedenheit als Ursache für Untreue aus. Neben fehlendem Vertrauen und der mangelnden Gesprächsbereitschaft sind für 76 Prozent der Männer und 84 Prozent der Frauen Defizite im Sexualleben der Hauptgrund für diesen Schritt.

Große Versuchung Seitensprung

Untreue ist auch laut Meinung des Berliner Psychiaters deshalb so hochgradig attraktiv, weil sie Anerkennung bringt und das krasse Kontrastprogramm zur eingeschlafenen Partnerschaft ist: "Man hängt emotional unter der Decke. Ein Seitensprung ist eine Explosion der Sinne. Man könnte sie darum beinahe empfehlen", sagt Krüger. Wäre damit nicht ein großes Problem verbunden: Wer Fremdgeht belastet oder zerstört seine aktuelle Beziehung. "Auch wenn der Seitensprung nicht herausgekommen ist, kann die Partnerschaft stark darunter leiden", so Beer.

Wie bedrückend ein Seitensprung für den betrogenen Partner ist, hat er ebenfalls untersucht: Viele stellen sich die Situation immer und immer wieder vor und erleben sie so, ohne dabei gewesen zu sein. Manche vermeiden Orte oder Aktivitäten, die sie an den Seitensprung erinnern. Daneben machen sich oft auch psychische Folgen wie Depressionen, Gefühlsarmut oder Verunsicherung breit. Weit mehr als die Hälfte der Betroffenen berichten über körperliche Folgen wie Schweißausbrüche, Zittern, Schlafprobleme oder Konzentrationsprobleme.

Warum es Sinn machen kann, einen Seitensprung zu verzeihen

Das mag sich niemand freiwillig antun. Dennoch gehen viele Paare unbewusst das Risiko ein, den anderen durch einen Seitensprung zu verlieren. Wie, das erklärt Krüger so: "Sie interessieren sich selbst immer weniger für ihre Beziehung. Es wird egal, wie es meinem Partner geht. Gespräche werden weniger, das Küssen eingestellt." Das zeigt aus Sicht des Paartherapeuten: Dem Seitensprung geht meist eine Geschichte voraus. Seitensprünge seien Hunger nach einer Beziehung. Dahinter stehe der Wunsch, wieder ernst und wahrgenommen zu werden.

Wer die Affäre des Partners als "Weckruf" für die Beziehung versteht, der kann sie retten. Zwar scheitern zwei Drittel aller Partnerschaften nach einem solchen Ereignis, aber "es kann auch ein Neubeginn sein, wenn sich beide erwachsen diesem Problem stellen. In zehn bis 20 Prozent der Fälle lässt sich der Vertrauensverlust nach einem Seitensprung überwinden", sagt Krüger. Bei 15 Prozent der Paare verbessere sich nach dem Fremdgehen sogar das Miteinander. Voraussetzung dafür allerdings: Der Seitensprung hat aufgehört und auch der Betrogene ist bereit über sich selbst nachzudenken. "Beide müssen zudem dafür offen sein, die Gründe aufzuarbeiten, die zur Affäre geführt haben.

Ohnmacht gibt es auf beiden Seiten

Denn auch wenn der Betrogene das Opfer ist und sich in dieser Rolle ohnmächtig fühlt – auch der Seitenspringer gerät in eine Ohnmacht. Er hat die Lunte an die Beziehung gelegt, gilt als Beziehungsmörder. Er muss sich rechtfertigen und gerät dadurch seinerseits zum Verunsicherten und Unterlegenen, sagt der Paartherapeut.

"Für den untreuen Partner lassen sich die vielfältigen möglichen Folgen kaum absehen, die das Vertuschen des Geschehenen, ein schlechte Gewissen, Zweifel an der Beziehung oder ungewollt eine neue Liebe nach sich ziehen", sagt Psychologe Beer.

Auch wenn es gelingen sollte, eine Partnerschaft nach dem einschneidenden Erlebnis zu kitten: Das ungute Gefühl und die Unbefangenheit dem anderen gegenüber wird immer bleiben. "Kommt der Mann beispielweise später aus dem Büro, weil ihm die Bahn vor der Nase weggefahren ist, kommt schnell wieder ein komisches Gefühl in der betrogenen Partnerin hoch", weiß Krüger aus Gesprächen aus seiner Praxis.

Selbstschutz vor der Untreue

Als Präventionsmittel gegen Untreue empfiehlt der Psychologe:

  • Gestalten Sie Ihr eigenes Leben interessant und spannend. Dadurch bleibt es auch die Partnerschaft.
  • Achten Sie auf die Nähe zu Ihrem Partner, so dass zwischen Sie kein Blatt Papier passt.
  • Behalten Sie aber auch zu gegebener Zeit genügen Abstand, um eine klare Sicht zu behalten.
  • Beschädigen Sie Ihren Partner in Streitsituationen nicht durch haltlose Vorwürfe oder einen unfairen Umgang.
  • Behalten Sie gemeinsame Wünsche im Blick, damit diese von Zeit zu Zeit in Erfüllung gehen.
 
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