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Do-it-yourself
Jeder fünfte Brite zieht Zähne selbst

Vereinigtes Königreich: Jeder fünfte Brite zieht Zähne selbst
Der britische Komiker Rowan Atkinson alias Mr. Bean behandelt sich in einem Sketch selbst und bohrt an seinen Zähnen. Was bei ihm komisch wirkt, ist für viele Briten allerdings bittere - und schmerzvolle - Realität. FOTO: Screenshot Youtube
London. Im Königreich setzen immer mehr Menschen bei der Zahnbehandlung auf Do-it-yourself. Grund dafür sind lange Wartezeiten im Gesundheitssystem. Die Privatbehandlung können sich nur wenige leisten. Von Jochen Wittmann

Zum Schluss blieb nur noch der Griff in den Werkzeugkasten. Ian Boynton, ein 42-jähriger Kriegsveteran aus Beverly im nordenglischen Yorkshire, konnte sich keinen privaten Zahnarzt leisten - und einen staatlichen fand er nicht. "Es ist eine fürchterliche Situation, wenn man keinen Fachmann bezahlen kann und so schlechte Zähne hat", sagte der Junggeselle. "Der Schmerz in meinem Vorderzahn wurde so groß, dass ich wusste, dass er rausmusste und ich keine Wahl hatte, als ihn mir selber zu ziehen." Boynton nahm seine Rohrzange und setzte an. "Komischerweise hat es weniger weh getan, als ich dachte." Das war vor neun Jahren. Seitdem hat er sich noch zwölf weitere Beißer gezogen: vom Schneide- bis zum Backenzahn. Jetzt hat er im Oberkiefer noch zwei Zähne übrig.

Boynton mag ein extremes Beispiel sein, aber er ist kein Einzelfall. Die Do-it-yourself-Zahnbehandlung wird im Königreich immer verbreiteter. Die "British Dental Health Foundation" fand heraus, dass 20 Prozent der Briten sich selber ihre Zähne herausreißen oder einen Freund um die Gefälligkeit bitten würden, wenn sie sich keine fachliche Behandlung leisten können. Neben dem Griff zur Rohrzange werden andere Formen der Heimwerker-Therapie beliebter. Für weniger als fünf Pfund sind in Drogerien oder über das Internet Erste-Hilfe-Sätze für die Selbstbehandlung zu bekommen, komplett mit Zahnzement, Desinfektionslösung und temporärer Krone. Für viele Geringverdiener ist dies eine attraktive Lösung, kostet doch eine Behandlung beim staatlichen Gesundheitsdienst NHS mit 51,30 Pfund (rund 70 Euro) für eine Zahnfüllung mehr als das Zehnfache der DIY-Sätze. DenTek, der größte Anbieter, verkauft pro Jahr eine Viertelmillion von "Dental First Aid Kits".

Der finanzielle Aspekt ist ein Grund, selbst Hand anzulegen. Der andere ist: Oft kann man auch für Geld und gute Worte keinen NHS-Dentisten bekommen. Während in Deutschland rund 90 000 Zahnärzte praktizieren, arbeiten in Großbritannien weniger als die Hälfte, rund 40 000, für den NHS. Die Zeitung "Daily Mail" berichtete von Fällen, in denen sich Briten bei einer Zahnarztpraxis registrieren mussten, die mehr als 60 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt ist, weil sich keine nähere Alternative finden lässt. Wartelisten für NHS-Praxen sind lang - es ist keine Seltenheit, dass man bis zu zwei Jahre warten muss, bis man sich registrieren kann.

Wer Geld hat, lässt sich privat behandeln. Weniger gut betuchte Bürger dagegen greifen erst zur Whisky-Flasche und dann zur Zange. Professor John Wildman von der Universität von Newcastle sieht einen beunruhigenden Trend etwa im Nordosten des Landes. Dort würden sich Menschen mit Zahnlücken in die Selbstbehandlung flüchten. "Untersuchungen aus den USA haben gezeigt, dass ein hässliches Gebiss Berufs- und Heiratschancen mindert - und das sind die beiden Grundlagen für ein stabiles Leben."

Die Kluft zwischen reichen und armen Briten lässt sich am Gebiss ablesen. Ein Forschungsbericht, der im vergangenen Herbst im "Journal of Dental Research" erschien, zeigte, dass die ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung acht Zähne weniger haben als die reichsten, wenn sie das Alter von 70 Jahren erreichen. Nigel Carter, Geschäftsführer der "British Dental Health Foundation", mahnte eindringlich vor jeder Form der Selbstbehandlung. "Do-it-yourself ist gefährlich. Es gibt zu viele sinnlose Beispiele von Leuten, die sich entweder die falschen Zähne gezogen oder eine Infektion bekommen haben. Ich warne jeden, der über eine Eigentherapie nachdenkt, und bitte ihn, sich das noch einmal gut zu überlegen."

Quelle: RP
 
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