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Verstopfung in der Notaufnahme

Jeder vierte Mensch landet in Deutschland im Schnitt einmal im Jahr in der Notaufnahme eines Krankenhauses. Tendenz: steigend. Der Löwenanteil besteht aus Bagatellfällen. Von Wolfram Goertz

Neulich war Herr F. in der Notaufnahme. Seitdem ist er ein erbitterter Gegner von Krankenhäusern. "Ich habe da drei Stunden warten müssen." Fragt sein Nachbar: "Was hast du denn gehabt?" Antwort Herr F.: "Mir war komisch."

Notaufnahmen sind das Nadelöhr jeder Klinik. Viele wollen hinein und zügig behandelt werden, leider oft gleichzeitig. Da kommt es zum Stau und mitunter zu großen Wartezeiten. Das hat viele Gründe. In einer Notaufnahme können die Ärzte nie einschätzen, was auf sie zukommt. Es gibt Nächte, da stellen sich drei Patienten mit heftigen Beklemmungen in der Brust vor, bei denen ein Herzinfarkt oder eine Lungenembolie in der Luft hängt. Manche kommen im Rettungswagen, andere mit dem Taxi oder mit der Ehefrau. Alle müssen von den Ärzten professionell behandelt werden, allein aus Haftungsgründen. Aber nirgendwo steht geschrieben, dass alle auch gleich schnell behandelt werden müssen.

Es ist unerlässlich, dass die Patienten sortiert werden

Damit in Zeiten, da Kliniken gern an Ärzten sparen, das Nadelöhr nicht auch zur Behandlungsfalle wird, ist eine Sortierung der Patienten nach Dringlichkeit wichtig. Hierzu werden in Kliniken Verfahren wie das "Manchester Triage System" angewendet, ein standardisiertes Modul in Notaufnahmen. Es umfasst einen Kriterienkatalog, der bei der Einschätzung hilft, wer in welchem Zeitfenster zu behandeln ist. Bagatellfälle werden als "nicht dringend" eingestuft und mit Wartezeiten bedacht. Da kommen schon mal mehrere Stunden zusammen.

Das begreifen Eltern oft nicht, die mit hohem Leidensdruck kommen, weil ihr Kind von einer Wespe gestochen wurde und nun fürchterlich schreit. Zwar hat das Kind kein Quincke-Ödem (eine heftige allergische Reaktion) entwickelt, trotzdem benötigt das Team Fingerspitzengefühl, weil das subjektive und das objektive Gefühl, wie stark ein Schmerz ist, oft nicht übereinstimmen. Wenn die Leute bei einigen Harmlosigkeiten wüssten, wie lange sie vermutlich warten müssen, würden sie zu Recht daheim bleiben und am nächsten Tag beim Hausarzt vorstellig werden.

Von Jahr zu Jahr kommen mehr Menschen in die Notaufnahmen

Die Wartezeiten haben natürlich auch damit zu tun, dass immer mehr Patienten in die Notaufnahmen strömen und dort alles verstopfen. Eine Umfrage unserer Zeitung bei mehreren Kliniken im Rheinland ergab, dass es im Schnitt jährlich drei bis fünf Prozent mehr als im Vorjahr sind. Im Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf wurden im Jahr 2015 rund 22.000 Patienten in der Notaufnahme behandelt; in diesem Jahr werden es laut Schätzung des Internisten Tim Flasbeck, der am EVK die Notaufnahme leitet, knapp 900 Patienten mehr sein. Diesen Trend bestätigt Marc Rüppel, Leiter der internistischen Notaufnahme am Krankenhaus St. Franziskus in Mönchengladbach. Zu steigenden Zahlen kommt es, wie Kliniksprecher mitteilten, auch im Elisabeth-Krankenhaus in Mönchengladbach-Rheydt sowie in den Helios-Kliniken in Krefeld und Duisburg.

Man könnte meinen, dass das gesamte Spektrum der Erkrankungen in diesem Steigflug der Fälle inbegriffen ist. Aber das stimmt offenbar nicht. Internist Rüppel: "Die Zahl der wirklichen Notfälle, um die wir uns sofort kümmern müssen, ist über die Jahre erstaunlich konstant geblieben. Die Zahl der Bagatellen dagegen explodiert."

Das hat viele Gründe. Viele Leute haben tagsüber keine Zeit oder keine Lust, sich ins Wartezimmer eines niedergelassenen Arztes zu setzen. Sie wollen schnell als wichtiger Fall identifiziert und entsprechend umfassend untersucht werden - selbstverständlich unter maximalem Einsatz der Apparatemedizin. Da kommt dann, wenn die Ärzte aus jenen Sorgfaltsgründen den Fuhrpark in Betrieb nehmen (Ultraschall, EKG, Röntgen, Blutuntersuchung), schon mal viel Aufwand für Mücken zusammen. Und eine ordentliche Summe: Jeder Notfallpatient kostet eine Klinik im Schnitt 120 Euro, der Erlös liegt bei unter 40 Euro. Apropos Insekten: Flasbeck berichtet, neulich sei tatsächlich mal ein Mann mit einem Mückenstich gekommen, "weil der so komisch ausgesehen hat".

Viele Leute gehen aber auch lieber direkt in die Notaufnahme, weil sie gar keinen Hausarzt haben. In vielen Fällen wenden sie sich direkt an einen Facharzt, ohne sich vorher überweisen zu lassen. Die Folge: Kein Arzt kennt den Patienten richtig; keiner weiß, welche Medikamente ihm im Laufe der Zeit von verschiedenen Heilkundigen verschrieben wurden.

Dabei ist es ein verhängnisvoller Fehler zu glauben, Hausärzte seien nur mäßig kompetent. Ein guter Allgemeinmediziner hat in vielen Fällen ein sehr gutes Gespür, in welche Richtung sich eine Krankheit entwickelt - falls es sich überhaupt um eine handelt. Und wenn er einen komplexen Fall vor sich hat, wird er sofort zum Telefon greifen und einen Fachkollegen anrufen. Solche Patienten haben übrigens immer schon einen Facharzt-Termin in wenigen Tagen bekommen; für sie bedurfte es nie einer gesetzlichen Regelung.

Abends wird es kaum

ruhiger in der Notaufnahme

Eine interne Analyse der Uniklinik Jena fand heraus, dass die Notaufnahme in den meisten Fällen zu einer Uhrzeit frequentiert wird, in der auch niedergelassene Ärzte erreichbar sind. In den späteren Abendstunden lässt die Belastung dann nur unwesentlich nach; nun kommen nämlich die Arbeitnehmer, die tagsüber keine Zeit hatten, und die Ärzte arbeiten ja auch noch die Überhang-Bagatellen des Tages ab. Erst nachts wird es ruhiger, obwohl: "Kürzlich hat es sich nach Mitternacht bei uns wieder gestapelt", erzählt Internist Rüppel, "man kann es wirklich nicht planen."

Die Legende sagt, dass man zur Nachtzeit besser nicht in eine Klinik gehen soll, weil dann sowieso nur junge unerfahrene Ärzte im Dienst seien. Das ist nicht mehr als ein Gerücht. Ein erfahrener Assistenzarzt ist im Haus, und manchmal lässt man die Basisdinge den PJ'ler (Studenten im Praktischen Jahr) erledigen, damit der Blutabnahme lernt. In Deutschland ist es die Regel, dass im Hintergrund immer ein Oberarzt erreichbar ist - entweder real in der Klinik oder am Diensthandy. Wenn es kritisch wird, kommt er immer rein.

Immer mehr Bagatellfälle verstopfen die Kliniken

Unlängst hat die Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie auf einer Tagung interessante Zahlen errechnet. Statistisch gelangt jeder vierte Mensch in Deutschland einmal pro Jahr in die Notaufnahme eines Krankenhauses; 21 Millionen Menschen sind es insgesamt. Und tatsächlich sind nur die wenigsten echte Notfälle. Die Epidemiologen haben mal nachgerechnet: Der Löwenanteil, nämlich 52,6 Prozent aller Fälle, besteht aus minder schweren Krankheiten und Symptomen wie Fieber, Atem- und Harnwegsinfekten, Insektenstichen oder Kopfschmerzen.

Rüppel: "Neulich hatten wir einen Patienten, der an Schwindel litt - allerdings bereits seit drei Wochen." Natürlich wurde der Mann umfangreich internistisch und kardiologisch untersucht, denn der Schwindel hätte sich ja über die Tage verschlimmert haben und Ausdruck einer gefährlichen Herzrhythmusstörung sein können. Während der Untersuchung berichtete der Patient, beim niedergelassenen Neurologen habe er gar keinen schnellen Termin bekommen; und weil die Beschwerden eher schlimmer geworden seien, habe er sich halt in die Klinik begeben. Der Mann - das kam am Ende heraus - nahm zu viele Medikamente, die seinen Blutdruck senkten, und jetzt waren die Werte regelmäßig im Keller. Dazu musste er aber auf den Kopf gestellt, befragt und am Ende stationär aufgenommen werden, während sich draußen die Atemwegs-Infekte stapelten und zu murren begannen. Noch so ein Fall, dass der Generalist fehlte, der den Patienten gut kannte.

Das Internet verunsichert

viele Menschen

Soll man mit dem Mann schimpfen? Hätte er selbst darauf kommen können? Hat man ihm nicht eingetrichtert, lieber zu häufig als zu wenig die 112 zu wählen? Heißt es nicht in jeder Broschüre: "Warten Sie nicht, bis es zu spät ist!" Und werden manche Krankheiten durch das Internet nicht regelrecht beworben, weil die dort verhängnisvoll gelisteten Kataloge der Leiden und Symptome jede, aber auch jede Verdachtsdiagnose zulassen? Flasbeck bestätigt den Trend: "Es gibt inzwischen sehr viele, die kommen, weil sie etwas plagt, sie die Symptome im Internet nachsehen und sich selbst diagnostizieren. Dabei kommt fast immer das Schlimmste heraus - und meiner Erfahrung nach stimmt es nie."

Quelle: RP
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