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Von Dr. House bis Schwarzwaldklinik
Was können TV-Ärzte eigentlich wirklich?

Grey's Anatomy - die jungen Ärzte
Grey's Anatomy - die jungen Ärzte FOTO: Touchstone Pictures
Düsseldorf. Einen Herzinfarkt behandeln und nebenbei der jungen Assistenzärztin ins Dekolleté starren – Klinikserien leben vom Nervenkitzel und von den Liebesgeschichten, die hier immer besonders kompliziert und dramatisch scheinen. Was aber können Dr. House, Meredith Grey oder das Team von Scrubs wirkich? Wir haben es uns angesehen. Von Wolfram Goertz

Die Sendungen, die wir hier vorstellen, reichen von 80er-Jahre-Schnulze bis hin zu aktueller Sitcom für junge Erwachsene. Unser Autor analysiert dabei was die Arbeit der TV-Ärzte mit der Realität zu tun hat.

"Emergency Room" (1994 bis 2009)

Diese Serie genießt Kultstatus. Ein Lehrkrankenhaus in Chicago wird hier zur lichtlose Fabrik des Leidens und Heilens, in welcher allerdings der Lichtstrahl der Menschlichkeit – Hollywood ist nie weit entfernt – auch ausweglose Fälle erhellt. Die Notaufnahme einer Klinik wird zu ihrem Brennspiegel, Katalysator, Umschlagplatz.

Medizinfachlich ist hier alles bemerkenswert kompetent und seriös angelegt, wobei die Serie durchaus kritische Züge zeigt – etwa schonungslose Analyse des US-Krankenhaussystems, das Patienten zuweilen unbarmherzig darauf befragt, ob sie sich eine Behandlung überhaupt leisten können. Inspiriert wurde die Serie, welcher der Bestseller-Autor Michael Crichton den Kurs vorgab, fraglos von Samuel Shems legendärem Roman "The House of God", einer sarkastisch-tiefgehenden Betrachtung des US-amerikanischen Krankenhauslebens. Auch in "Emergency Room" begegnen einem die sogenannten "Interns", die jungen Ärzte am Anfang ihrer Karriere, wie mutige Lehrlinge in einer bizarren Welt, in der sekündlich die Banalität eines Lippenherpes mit einem intensivmedizinischen Notfall wie dem Waterhouse-Friederichsen-Symptom abwechselt.

"Emergency Room" widmet sich stets auch heiklen Themen am Rande der Schulmedizin wie der Sterbehilfe. Nebenbei machte sie manchen Darsteller weltberühmt – vor allem den damals noch dunkelhaarigen George Clooney als vorbildlichen Kinderarzt Doug Ross.

"Dr. House" (2004 bis 2012)

Dr. House ist der Arzt, dem die Menschen nicht vertrauen, die er aber trotzdem fast immer heilt – meist in der vorletzten Sendeminute. Vorher leistet er sich mit seinem Team ein diagnostisches Feuerwerk, in dem auch die unwahrscheinlichsten Krankheiten regelmäßig abgeschossen werden, so der berüchtigte Lupus erythematodes, eine Autoimmunerkrankung. "Foreman, machen Sie die komplette Lupus-Serologie" – ein Running Gag bei House.
In dieser unterhaltsamen Serie wird der Zynismus als Waffe gegen Patienten gerichtet, er ist auch der Selbstschutz eines Arztes, den chronische Schmerzen im Bein quälen. Die Lerneffekte der Sendung sind groß, weil sie vor allem die Diagnosefindung in den Mittelpunkt rückt. Das erlaubt atemberaubende Wortwechsel. Foreman: "Es könnte eine Wegener-Granulomatose sein?" House: "Das würde das Fieber erklären, aber nicht die niedrigen Leukozyten!"

Dr. House - Quotengarant für RTL FOTO: RTL

Trotzdem passieren gelegentlich fachliche Schnitzer, so wie neulich bei einem Patienten mit akuter intermittierender Porphyrie. Bei dieser Stoffwechselerkrankung, bei der die Bildung des roten Blutfarbstoffs Häm gestört ist, gibt man einem Patienten Infusionen mit Glukose und Hämin, House verordnete aber Hämatin, was ein grober medizinischer Korken ist. Fehler bei der Übersetzung passieren auch häufig. Neulich sollte sich Dr. Cameron "die Pankreas" einer Patientin angucken. Das schüttelt's einen: Es heißt, weil es Neutrum ist, das Pankreas. Nichts für ungut!

"In aller Freundschaft" (seit 1998)

Wenn es je im deutschen Fernsehen einen Chefarzt gab, der seine Rolle als Patriarch wie ein Vorbild versah und trotzdem ein exzellenter Heilkundiger war, dann war es der legendäre Prof. Simoni, den natürlich der legendäre Dieter Bellmann verkörperte. Von der Oberschwester wurde er "Gernot" gerufen; gleichwohl war Simoni das personifizierte Prinzip, dass der Patient vor dem Techtelmechtel kommt. Seine Schlachten mit der Verwaltungsdirektorin, der ziegenhaften Frau Marquardt, waren unüberbietbar. Jetzt ist Simoni im Ruhestand, trotzdem macht sein ewiger Adlatus Dr. Heilmann wunderbar weiter; er ist die weichere Ausgabe des zugewandten Arztes, der seine Fälle mit in die Freizeit nimmt. "In aller Freundschaft" bedeutet auch: Hier sind die Akteure der Sachsenklinik auch familiär verbandelt, was zuweilen zu Schwierigkeiten im dienstlichen Umgang führt.

Die medinischen Fälle werden in der Regel sauber durchgeführt, und so wie der "Lupus" bei Dr. House zur regelhaften Vokabel wird, so ereignet sich bei "In aller Freundschaft" fast in jeder Folge ein Kammerflimmern. Das sorgt immer für kurzfristige Erregung am Tisch, bis ein Arzt – meist derjenige, der den Patienten mit den Paddles (den großflächigen Elektroden) grillt – das rettende Wörtchen "Sinusrhythmus" in die Runde ruft. Und alle atmen auf.

Die Serie erfreut sich großer Beliebtheit und hat jetzt einen Ableger im Vorabendprogramm. Motto: Oberarzt zeigt den Assis, wie's geht.

"Scrubs" (2001 bis 2010)

Dies ist keine Krankenhausserie, deren regelmäßige Betrachtung einen jungen Medizinstudenten bei der Vorbereitung aufs 3. Staatsexamen weiterbringt. Hier wird kein Lehrbuchwissen vermittelt, hier geht es nicht um den richtigen Algorithmus beim Umgang mit einer Lungenembolie, es geht um andere Kunstfertigkeiten wie das Anbaggern oder die Gestaltung der Freizeit außerhalb der Dienstzeiten. Wieder mal stehen die Youngster unter den Ärzten im Mittelpunkt, aber sie werden von den Drehbuchautoren nicht in den Fachjargon genötigt. Sie könnten auch angehende Bankkaufleute oder künftige Grundschulpädagoginnen sein; sie begegnen einer düsteren Welt, deren System und Mechanismen sie noch nicht durchschauen, indes mit viel Witz und sympathischer Offenheit.

Trotzdem werden die Ich-Erzähler auch von Neurosen und Ängsten geschüttelt, und wer je einen jungen Assistenzarzt bei seiner ersten Nacht als AvD (Arzt vom Dienst) in einer Klinik erlebt hat, der weiß, auf welche Krisen auf dem Weg zum routinierten Arzt "Scrubs" hindeutet. Lustigerweise spielt der Titel auf eine Tätigkeit an, die in Krankenhausserien nie gründlich exerziert wird: das Sterilmachen vor einer OP.

"Die Schwarzwaldklinik" (1984 bis 1988)

"Wir müssen operieren" – dieser Satz des berühmtesten Chefarztes aller Zeiten ist noch heute unvergesslich. Der Ausspruch zeigt: Hier arbeiten Menschen, nicht Maschinen. Diese Anmutung von Lebensrettung als sympathischem Alltagsgeschäft transferierte die Klinikwelt, die wir als Normalbürger meiden, in ein familienfreundliches Format. Die "Schwarzwaldklinik", die Großmutter aller Krankenhausserien, war nichts als maximale Untertreibung; sie spiegelte eine immerzu lächelnde und joviale Belegschaft, die en passant auch ein paar medizinische Fälle löste.

Fotos: "Schwarzwaldklinik" - Was wurde aus den Stars? FOTO: ZDF/Thomas Waldheim

Dass das gelang, war dem System zu danken, das die Sendung verkörperte – und dem Chefarzt, dem legendären Prof. Brinkmann alias Klausjürgen Wussow, der kurz hinter dem Herrgott kam, was in diesem Herrgottswinkel im Glottertal aber auch nicht schwerfiel. Selbstverständlich war Prof. Brinkmann, ein Brontosaurus der Medizin, ein faszinierend guter Chirurg und außerdem EKG-sicher, was im Ärztestand nicht die Regel ist. Vor allem bot die Serie jenen einwandfreien Kitsch, der sorgenfreie Unterhaltung vor malerischer Kulisse bot. Bei den Dreharbeiten fiel freilich immer sehr viel Weißwäsche an.

"Grey's Anatomy" (seit 2005)

Unter den aktuellen Krankenhausserien ist "Grey's Anatomy" mit Abstand die beste – weil sie die Fragen der Partnerwahl unter Ärzten stets dem (meist explosiven) Patienten-Alltag in der Klinik unterordnet. Abermals dreht sich alles um das Leben von fünf Assistenzärzten rund um die Hauptfigur Meredith Grey, und wir haben mit einiger Empathie verfolgt, wie diese elfenhaft-feinfühlige Ärztin allmählich in engere Verstrickung mit dem smarten Neurochirurgen Dr. Shepherd kam.

Anders als bei "Dr. House", wo jeder der Ärzte, ohne sich je steril gemacht zu haben, so komplexe Manöver wie eine Angiografie der hirnversorgenden Gefäße durchführt, sind in "Grey's Anatomy" die Ressorts strikt getrennt: Die Gynäkologin redet dem Kardiologen nicht ins Geschäft hinein, der Thoraxchirurg ruft den Pneumologen nur, wenn er ihn braucht. Und anders als in "50 Shades of Grey" sind alle weiblichen Mitarbeiter stets optimistisch-selbstbewusst, scheuen sich nicht, dem Chefarzt Chauvinismus vorzuwerfen, und tun ansonsten medizinisch einen vorbildlichen Job. "Grey's Anatomy" hat mit der Medizintechnik der Moderne Schritt gehalten, das kann man nicht von jeder Serie hier sagen.

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