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Expertenzeit
Die acht wichtigsten Antworten zu Vorhofflimmern

Vorhofflimmern: Die acht wichtigsten Antworten
FOTO: Shutterstock.com/ olesya k
Düsseldorf . Vorhofflimmern ist die häufigste Form von Herzrhythmusstörung. Trotzdem wissen viele Betroffene nichts von ihrer Erkrankung, klagen aber über Herzrasen oder Abgeschlagenheit. Drei Herz-Experten geben die wichtigsten Antworten zum Thema.

Groß war der Andrang, groß die Hoffnung auf Information. Mehr als 150 Gäste kamen ins Konferenzzentrum der Rheinischen Post, um der ersten "Expertenzeit – Gut Leben"-Veranstaltung zu einem ausgewählten Gesundheitsthema zu lauschen. Diesmal ging es um die Volkskrankheit Vorhofflimmern (VHF). Drei Kardiologen stellten sich den Fragen des RP-Redakteurs Wolfram Goertz.

Bei der ersten „Expertenzeit – Gut Leben“ am 23. Juni, ging es um die Volkskrankheit Vorhofflimmern (VHF). Drei Kardiologen (Dong-In Shin, Uniklinik Düsseldorf; Istvan Szendey, Kliniken Maria Hilf, Mönchengladbach; Heribert Brück, niedergelassener Facharzt in Erkelenz) stellten sich den Fragen von RP-Redakteur Wolfram Goertz. FOTO: Bretz, Andreas

Wie und wo entsteht Vorhofflimmern? Jeder Mensch hat vier Lungenvenen, die in den linken Vorhof des Herzens münden. In den Mündungen dieser Venen können sich elektrische Störfelder bilden, die den normalen Schlag des Herzens, den Sinusrhythmus, torpedieren. "Viele VHF-Patienten spüren Herzrasen als sehr schnellen, ungleichmäßigen Puls und fühlen sich bei Belastung schlapp", erklärt Brück. "Andere Patienten hingegen", so Dong-In-Shin, "merken gar nichts von ihrem VHF, das sind die asymptomatischen Flimmerer, die aber das gleiche Risiko etwa für einen Schlaganfall haben." Das gilt auch für jene, die ihr VHF nur selten bemerken. Es gibt weitere Erscheinungsformen: "Manche Menschen haben bei VHF einen zu langsamen Herzschlag, und wenn ihnen oft schwindlig wird bis zur Ohnmacht, muss man über einen Herzschrittmacher nachdenken", erläutert Istvan Szendey. "Das gilt auch für Patienten, die nachts aus einem sehr langsamen Herzschlag heraus ins VHF fallen; auch bei ihnen wird es meist von einem Extraschlag in der Vorkammer, einer Extrasystole, ausgelöst."

Wie stellt man Vorhofflimmern fest? Durch ein Elektrokardiogramm (EKG). "Die Symptome, die uns die Patienten schildern, lenken unseren Verdacht oft in die richtige Richtung", berichtet Brück. Shin: "Wenn die Symptome in der Praxis schon abgeklungen sind, kann man ein Langzeit-EKG verordnen. Darin findet man oft verwertbare Episoden". Szendey ergänzt: "Manchmal ist es sinnvoll, dass man einen sogenannten Event-Recorder implantiert. Der zeichnet die VHF-Episoden eigenständig auf." Bei Patienten, die bereits Herzerkrankungen haben, wird die Wahrscheinlichkeit, dass sie irgendwann auch VHF bekommen, höher.

Wird die Krankheit auf Dauer gefährlicher? Ja, meistens beginnt sie mit anfallsartigen Beschwerden, die oft von selbst wieder verschwinden. "Trotzdem müssen sie behandelt werden, erst recht, wenn die Episoden länger werden", warnt Brück. Gehen sie gar nicht mehr weg, dann muss man über eine sogenannte Katheterablation nachdenken, eine Verödung jener elektrischen Störfelder im Bereich des linken Vorhofs. Die Krankheit birgt ja ein doppeltes Risiko: zum einen für eine Herzschwäche, weil das Herz die starke Belastung auf Dauer nicht gut verträgt, zum anderen für einen Schlaganfall, weil sich durch den unregelmäßigen Rhythmus im Vorhof Blutgerinnsel bilden können, die dann in die Arterienbahn und ins Gehirn gelangen können.

Ähnelt die Krankheit dem berüchtigten Kammerflimmern? Nein, damit hat es nichts zu tun. Kammerflimmern führt unbehandelt immer zum plötzlichen Herztod, weil durch die extrem schnellen Schläge der Hauptkammer des Herzens das Blut nicht mehr rhythmisch in den Körper gepumpt wird. Das VHF spielt sich nur in den Vorhöfen ab, es kann dort zwar sehr schnell ablaufen, dringt aber nicht mit gleicher Wucht in die Hauptkammern vor.

Wie behandelt man die Krankheit? Indem man möglichst beide Risiken für eine Herzschwäche und für den Schlaganfall mindert. "Deshalb muss man bei VHF ein doppeltes Therapieregime führen", so Brück: "Wir Ärzte versuchen, den Normalrhythmus wiederherzustellen, und wir hemmen die Blutgerinnung, damit sich kein Thrombus bildet." Für den Rhythmus gibt es Medikamente, es gibt auch die Möglichkeit eines kurzen Elektroschocks. "Die nennt man Kardioversion, von der die Patienten aber nichts merken, weil wir sie medikamentös schlafen lassen", sagte Szendey. "Manchen Flimmerern müssen wir auch die sogenannte Notfall-Pille für die Tasche, die ,pill in the pocket‘, verschreiben, die sie im Bedarfsfall einnehmen", betont Shin.

Kann man das operieren? Operationen am offenen Herzen bei VHF sind selten, der Eingriff der Katheterablation wird im Krankenhaus sozusagen durchs Schlüsselloch vorgenommen. "Man schiebt zwei Katheter durch die Leistenvene nach oben, in den rechten Vorhof. Dann durchsticht man die Herzscheidewand und kann im linken Vorhof die Störfelder im Bereich der Lungenvenen-Mündungen mit Hitze oder Kälte isolieren", berichtet Shin. "Für diese Untersuchung braucht man viel Erfahrung, damit sie gut gelingt", sagt Szendey, "aber es kommt vor, dass manche Patienten diesen Eingriff mehrfach benötigen, weil das Vorhof-Gewebe durch längeres VHF schon umgebaut und vernarbt ist. Dann können die sogenannten Läsionslinien wieder aufbrechen." Für Ängstliche gibt Brück Entwarnung: "Der Patient merkt davon nichts, er bekommt eine kleine Narkose."

Wie muss das Blut verdünnt werden? Eigentlich ist es keine Verdünnung, sondern die automatische Gerinnung des Bluts wird gehemmt. "Dafür gibt es seit vielen Jahren Marcumar, das auch heute viele VHF-Patienten nehmen und das sie gut vertragen", betont Brück. "Allerdings sind manche Patienten nicht gut eingestellt, das sieht man an den Gerinnungs-Zielwerten, die sie verfehlen. Das kann dann doch zu Blutungen oder zu Embolien führen", warnt Shin. Für schlecht einstellbare VHF-Patienten kommen dann die sogenannten neuen Antikoagulanzien wie Dabigatran (Pradaxa), Apixaban (Eliquis) oder Rivaroxaban (Xarelto) in Betracht. Sie hemmen die Blutgerinnung auf einer anderen Ebene, sind allerdings deutlich teurer. Szendey: "Wir wissen, dass sie Marcumar nicht unterlegen sind. Wie bei Marcumar gibt es aber auch eine Blutungsneigung, zwar weniger im Gehirn, aber anderswo im Körper, und solange es kein Gegenmittel gibt, das eine Blutung schnell stoppt, besteht halt ein gewisses Risiko." Die drei Kardiologen sind sich einig: Wer gut und sicher auf Marcumar eingestellt ist und seine Werte möglicherweise selbst misst, der sollte bei Marcumar bleiben. Bei neu einzustellenden Patienten könnte es sinnvoll sein, dass sie direkt die neuen Gerinnungshemmer nehmen; zuvor müssten aber gewisse Kriterien von internistischer Seite genau besprochen werden.

Wie kann man einem Vorhofflimmern vorbeugen? Jeder sollte seine Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen kennen und konsequent beseitigen: Bluthochdruck senken, nächtliches Schnarchen mit Atemaussetzern (Schlaf-Apnoe-Syndrom) und die Schilddrüse kontrollieren lassen, Rauchen abgewöhnen, Gewicht reduzieren. Vor allem sollte man regelmäßig sein EKG überprüfen lassen. Gute Blutdruck-Messgeräte zeigen übrigens auch Herzrhythmusstörungen an.

Quelle: RP
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