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Ratgeber
Wann Ehrlichkeit beim Arzt überlebenswichtig ist

Wann Ehrlichkeit beim Arzt überlebenswichtig ist
Auch wenn es nicht immer angenehm ist, Ehrlichkeit beim Arzt ist wichtig, damit der die richtige Diagnose stellen kann. FOTO: Alexander Raths /Shutterstock.com
Viele Patienten erzählen in der Arztpraxis nur die halbe Wahrheit oder verschweigen wichtige Informationen über ihren Körper. Dabei vergessen sie, dass Ärzte keine Richter und Kummer gewohnt sind. Genauigkeit und ehrliche Geständnisse können überlebenswichtig sein. Von Wolfram Goertz

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold - diese Lebensregel verliert beim Arzt ihre Gültigkeit. Der Medicus muss, um einen Patienten optimal behandeln zu können, alles von ihm wissen, was die Therapie steuern und beeinflussen kann. Aber viele Patienten nehmen es mit der Wahrheit nicht so genau. Sie schämen sich beispielsweise, dass sie - auf ihre Blutfettwerte angesprochen - seit Jahren angeblich an ihrem Gewicht arbeiten, aber trotzdem immer noch versteckte Depots in der Wohnung pflegen. Andere Patienten vergessen, weitere Beschwerden zu erwähnen, weil sie scheinbar nichts mit dem Leiden zu tun haben, das sie zum Arzt geführt hat. Hier eine Checkliste für den nächsten Arztbesuch.

Medizin: Medikamente, die gefährliche Nebenwirkungen haben FOTO: dpa, Kai Remmers

Erwähnen Sie in der Praxis alle Medikamente, die Sie einnehmen!

Dieser Punkt ist der wichtigste, und es kann Ihr Leben gefährden, wenn Sie hier schludern oder sorglos sind.

Wichtig ist zum Beispiel, dass jeder seine Medikamenten-Unverträglichkeiten kennt und protokolliert hat. Von einer Penicillin-Allergie muss ein Arzt, der einen Patienten behandelt, zwingend wissen. Das gilt auch für rezeptfrei erhältliche Tabletten, die zur Stimmungsaufhellung dienen. Etwa Johanniskraut: Als dessen Nebenwirkung kann die Anti-Baby-Pille ihre Wirkung verlieren, das gilt auch für Antibiotika (etwa die sogenannten Makrolide wie Clarithromycin), für Gerinnungshemmer wie Marcumar, Herzmedikamente wie Digitalis oder Tabletten zur Behandlung der gutartigen Prostata-Vergrößerung. Die Anti-Baby-Pille ihrerseits kann das Thrombose-Risiko erhöhen und sollte jedem Arzt gegenüber erwähnt werden.

Zur Gründlichkeit zählt, dass keine Frau verschweigt, dass sie die Pille einmal zu nehmen vergessen hat. Der Viersener Gastroenterologe Walter Frasch weiß: "So manche Magenspiegelung kann ein Arzt vermeiden, wenn er die Anamnese einer jüngeren weiblichen Patientin mit scheinbar unklarer Übelkeit präzise und intuitiv genug führt." In der Verhütungsmedizin gilt der Spruch "Einmal ist kein Mal" nicht.

Da mancher Arzt keine Zeit für eine ausführliche Diagnostik zu haben scheint, sollte der Patient zur Untersuchung selbst eine vollständige Liste seiner Medikamente mitbringen. Das erleichtert dem Doc die Arbeit. Für jedes Smartphone gibt es eine Gesundheits-App, in welche sich die täglichen Tabletten eintragen lassen. Übrigens sollte man beim Arzt auch eine Liste von Nahrungsergänzungs- und homöopathischen Mitteln parat haben.

Service: Blutwerte - was sie bedeuten FOTO: Shutterstock/ JPC-PROD

Seien Sie beim Arzt korrekt bei der Schilderung Ihrer Lebensgewohnheiten und Ihrer gesundheitlichen Probleme!

"Haben Sie Luftnot beim Treppensteigen?" - "Nein, schon lange nicht mehr. Wir sind in ein Mietshaus mit Aufzug umgezogen!"

Dieses Bonmot hört jeder Hausarzt täglich. Patienten sind oft arglos und können ihr trainiertes Verhalten medizinisch nicht einordnen. Andere flunkern oder lügen sich (bewusst oder unbewusst) in die Tasche. Manchmal wollen sie auch den Arzt nicht enttäuschen. Das dürfen sie aber, er ist nicht ihr Richter und Kummer gewohnt.

Der Neusser Lungenarzt und Allergologe Johannes Uerscheln berichtet: "Bei uns in der Praxis ist es der Klassiker, dass Patienten mit einer chronischen Lungenkrankheit, der COPD, die Menge ihrer Zigaretten besonders bei der Wiedervorstellung niedrig deklarieren. Das kann, wenn ich darauf reinfalle, dazu führen, dass die Medikation unnötig erweitert wird und sich das Nebenwirkungs-Potenzial erhöht." Einem Raucher wird man bei einer Bronchitis möglicherweise früher ein Antibiotikum geben als einem Nichtraucher.

Patienten stellen sich gern in gutem Licht dar. Das betrifft auch ihre Essgewohnheiten. Gesunde Mittelmeerkost nimmt angeblich jeder zu sich; die Wirklichkeit sieht anders aus. Nicht wenige Beschwerden des Körpers lassen sich aber mit guter Ernährung lösen. Zur Wahrheitspflicht zählt auch die Angabe des aktuellen und vor allem korrekten Gewichts; für die Berechnung einer Medikamenten-Dosis oder für die Einschätzung eines Krankheitsverlaufs ist das Gewicht beinahe lebenswichtig.

Animieren Sie auch Ihre Kinder, beim Arzt nichts zu verschweigen!

Uerscheln kennt das Problem etwa bei adipösen Kindern: "Besonders bei ihnen ist die Anamnese erschwert, weil sie ihre heimlich getrunkene Cola und die Schokoladen- und Chips-Bunker in ihrem Zimmer verschweigen. So wird die Suche nach dem Grund des Übergewichts zu einer vergeblichen Angelegenheit für den Arzt, aber auch für die Eltern, da alle Diät-Bemühungen fehlschlagen. Im ungünstigsten Fall kommt es zur Ausweitung der Diagnostik, um eine endokrinologische Störung feststellen zu können, die aber nicht vorliegt." Eltern sollten ihren Kindern klarmachen, dass vom Arzt keine Schimpfe droht. Sie können auch den Raum mal verlassen; gute Ärzte haben ein Gespür dafür, wenn ihre großen und kleinen Patienten mit Informationen geizen, aber erkennbar etwas auf dem Herzen haben.

Antworten Sie korrekt auf die Frage nach dem Beginn und der Intensität der Beschwerden!

Mancher Patient rennt mit Beschwerden wochen- oder monatelang herum, weil er glaubt, sie gingen von selbst weg. Und man will dem Arzt ja nicht mit Lappalien zur Last fallen. Das kann ein verhängnisvoller Irrglaube sein.

Der Mönchengladbacher Kardiologe Klaus Dominick berichtet von einem tragischen Fall: "Ich untersuche eine Patientin, die Atemnot verspüre und seit einigen Tagen an Verstopfung und Bauchschmerzen leide. Die stark übergewichtige Frau tippt mit ihrem Finger auf ihre Magengegend, dort tue es etwas weh. Kardiologisch ist sie unauffällig. Und die Schlappheit? Die schlechte Verdauung? Die Pein in der Magengegend? Das riecht für mich zwar nicht nach Notfall, trotzdem empfehle ich ihr einen Gastroenterologen, der könne das klären, wenn sich die Beschwerden nicht bessern. Und sie müsse dann auf jeden Fall ein großes Blutbild machen lassen."

Der Fall scheint geregelt. Kardiologe Dominick weiter: "Eines Tages ruft mich jener Gastroenterologe an. Die Patientin habe nach dem Besuch bei mir noch neun Monate gewartet, bevor sie zu ihm gekommen sei. Ihm habe sie allerdings eröffnet, dass sie an vehementen Schmerzen leide, und das schon seit zwei Jahren. Und regelmäßig habe sie Sauerkrautsaft für die Verdauung genommen. Er habe sie daraufhin umfangreich untersucht. Ergebnis: Darmkrebs mit Metastasen im ganzen Bauchraum. Hätte die Patientin bei mir alle Symptome mit Beginn und Intensität und außerdem vom Sauerkrautsaft berichtet und ihren Folgetermin nicht verschleppt, hätte man ihr vielleicht helfen können. Jetzt war es zu spät."

Wie Sie Antibiotika richtig einnehmen FOTO: dpa, Franziska Koark

Nennen Sie alle Beschwerden, die Sie gleichzeitig plagen!

Typischer Fall: Ein Patient mit Rückenschmerzen begibt sich zum Orthopäden. Der untersucht kurz und gründlich, verschreibt Schmerzmedikamente und Physiotherapie. Leider vergisst der Patient zu sagen, dass er seit einigen Wochen auch mit zuweilen blutigen Durchfällen zu kämpfen hat; die führt er auf Stress, einen Reizdarm und Hämorrhoiden zurück. Hätte er von beiden Beschwerden berichtet, hätte der Arzt an eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung gedacht, die sich mit Rückenschmerzen äußern kann, und eine frühe interdisziplinäre Therapie eingeleitet.

Rückenschmerzen können allerdings auch ein Zeichen für Stress und berufliche oder familiäre Überlastung sein. Solche Aspekte sollte man immer mitbedenken und beim Arzt keinesfalls verschweigen.

Verharmlosen Sie nicht Ihren Alkoholkonsum, wenn Sie gefragt werden!

Eine Gretchenfrage in jeder Praxis. Die Zahl der Menschen, die zu viel Alkohol trinken, ist hoch, doch die meisten würden sich nicht als Alkoholiker bezeichnen. Laut Definition sind sie es aber. Für einen erwachsenen Mann gilt als Obergrenze: drei bis vier Tage in der Woche kein Alkohol, pro Gelegenheit nicht mehr als maximal 60 Gramm Reinalkohol (das sind 1,5 Liter Bier oder 0,7 Liter Wein), in der Woche insgesamt nicht mehr als 150 Gramm Alkohol. Bei erwachsenen Frauen liegt die Grenze bei der Hälfte der Mengen.

Für Ärzte ist die Information über den Alkoholkonsum ihrer Patienten wichtig - etwa vor einer Narkose. Außerdem vertragen sich Medikamente nur schlecht mit Alkohol: Entweder er verstärkt ihre Wirkung, verringert sie oder hebt sie ganz auf.

Und wie sieht es mit der Offenheit beim Sexualverhalten aus?

Für viele ein Tabuthema. Beim Arzt, der wegen unklarer Symptome im Intimbereich besucht wird, muss aber alles auf den Tisch, weil manches Leiden erstens andere Menschen gefährden kann und zweitens gut zu behandeln ist. Ein Beispiel: Ein ungeschützter Geschlechtsverkehr als zweifelhafte Krönung eines Fremdgangs muss weder zur Schwangerschaft noch zur HIV-Infektion führen. Aber die spätere Ansteckung des eigenen Partners mit Chlamydien kann Folgen haben, etwa die Unfruchtbarkeit.

Wie steht es überhaupt um die Wahrheitspflicht beim Arzt?

Mancher Patient erfindet Symptome, die der Arzt nicht direkt überprüfen kann, um eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu bekommen. Aufmerksame Ärzte sprechen die Patienten darauf an, ob sie sich überlastet fühlen. Sie spüren es, wenn die Wahrheit ans Licht will.

Quelle: RP
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