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Sprechstunde Rafael-Michael Löbbert
Wenn zu viel Druck auf den Muskeln lastet

Beim Kompartment-Syndrom ist auch der Neurologe gefragt. Es kann bleibende Schäden auslösen.

Unsere Leserin Francisca P. (52) aus Düsseldorf fragt: "Meine Nachbarin lag vor einigen Wochen nach einem Sturz mit einem Bluterguss am Unterschenkel im Krankenhaus. Die Ärzte sagten, es bestehe bei ihr die Gefahr, dass sich ein Kompartment-Syndrom entwickle. Was ist das?"

Rafael-Michael Löbbert: Unter einem Kompartment-Syndrom wird ein durch Flüssigkeitsansammlung oder äußere Kompression verursachter Druckanstieg im einem anatomisch umschlossenen Raum (Kompartment) verstanden. Es tritt vor allem in den engen Muskelkammern (Logen) der Unterarm- und der Unterschenkelmuskulatur auf, weswegen es auch als Logensyndrom bezeichnet wird. Die Muskeln, die hier, umgeben von einer straffen, bindegewebigen Muskelhaut (Faszie), in einer engen Loge liegen, können sich nicht ausdehnen und dem erhöhten Druck anpassen. Dies führt zu einer Beeinträchtigung der neuromuskulären Funktion.

Unterschieden wird zwischen einem akuten und einem chronischen (auch funktionellen) Kompartment-Syndrom. Bei der chronischen Form entwickelt sich die Symptomatik über einen längeren Zeitraum hinweg. Ursachen sind eine anhaltende muskuläre Überlastung wie etwa nach intensivem Training, langen Märschen und bei Langstreckenläufern. Auch ein übermäßiger Muskelzuwachs wie bei Bodybuildern kann ein Auslöser hierfür sein.

Das akute Kompartment-Syndrom entwickelt sich rasch und ist die Folge von Knochenbrüchen, Prellungen ("Pferdekuss") und Quetschungen der Muskulatur, seltener von zu eng angelegten Gipsverbänden oder Operationsnähten. Das Risiko ist etwa 15 bis 26 Stunden nach dem Unfall am höchsten.

Verschiedene Vorgänge tragen zur Entstehung eines Kompartment-Syndroms bei. Sogenannte vasoaktive Substanzen fördern die Flüssigkeitsansammlung im Gewebe. Die Volumenerhöhung im Kompartment beträgt dabei bis zu 60 Prozent. Es kommt zu einer Störung der Durchblutung und zur Schädigung von Muskelzellen.

Die Betroffenen klagen über Schmerzen, die für die zugrundeliegende Verletzung uncharakteristisch und die durch die Gabe von Schmerz-Medikamenten nicht beeinflussbar sind. Ferner finden sich eine Schwellung und ein Spannungsgefühl mit Angabe von Sensibilitätsstörungen. Hautfarbe und Hautemperatur können als Ausdruck der Durchblutungsstörung verändert sein.

Wird die Symptomatik nicht rechtzeitig erkannt, kann es zum Absterben von Muskulatur (Nekrosen) und Nerven kommen. Als Folge treten motorische Defizite mit Kraftverlust bis hin zu Lähmungen (Paresen) auf. Durch die Verkürzung der Muskulatur entstehen Kontrakturen angrenzender Gelenke. Die am meisten gefürchtete Komplikation ist ein Multiorganversagen in Folge einer Schädigung lebenswichtiger Organe durch Muskelabbauprodukte.

Die Diagnose wird durch die Erhebung der Krankengeschichte und eine körperliche Untersuchung gestellt und kann durch eine direkte Druckmessung im Kompartment mit einer Sonde bestätigt werden.

Die Behandlung umfasst nicht-operative und operative Maßnahmen, wobei die nicht-operativen Möglichkeiten begrenzt sind. Beim chronischen Kompartment-Syndrom stehen Kühlen und Hochlagern der Extremität mit Entlastung der betroffenen Muskulatur und ggf. einer Sportpause im Vordergrund. Dahingegen stellt die akute Form einen Notfall dar und bedarf unter Umständen eines operativen Eingriffs, bei dem die Muskelfaszie zur Druckentlastung gespalten wird (Fasziotomie).

Die Prognose, dass sich die Muskulatur wieder erholt, ist bei rechtzeitiger Behandlung gut.

Rafael-Michael Löbbert ist niedergelassener Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Sportmedizin in Düsseldorf.

Quelle: RP
 
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