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Analyse
Wie "Big Data" die Medizin verändert

Fakten: Die Fakten zur Gesundheitskarte
Fakten: Die Fakten zur Gesundheitskarte FOTO: AP
Düsseldorf. Mit Smartphones und tragbaren Computersystemen erheben wir in Zukunft immer mehr Daten über unsere Gesundheit. Daraus ergibt sich eine völlig neue Beziehung zwischen Arzt und Patient. Von Philipp Jacobs

Der Mensch besitzt rund 23 000 Gene - etwa so viele wie ein Fadenwurm. Als diese Nachricht heute vor 15 Jahren die Laborräume eines internationalen Forscherteams verließ, geriet die Welt ins Staunen. Den Wissenschaftlern war es gelungen, das gesamte menschliche Erbgut (Genom) zu entschlüsseln. Sogar anderen Wissenschaftlern klappten die Kinnladen herunter, hatten viele von ihnen doch angenommen, das menschliche Erbgut bestünde aus 80 000 bis 140 000 Genen. Der damalige US-Präsident Bill Clinton und Großbritanniens Premierminister Tony Blair machten die Entdeckung in einer gemeinsamen Presseerklärung der Öffentlichkeit bekannt. "Jetzt lernen wir die Sprache, mit der Gott das Leben erschuf", schwärmte Clinton damals.

Es war zweifellos eine der größten wissenschaftlichen Leistungen der vergangenen Jahrzehnte und zugleich ein Meilenstein für die "personalisierte Medizin" - also für Behandlungen, die exakt auf die biologischen Merkmale eines Patienten zugeschnitten sind. Menschen sind verschieden: Ein bestimmtes Medikament kann Patient A das Leben retten, während es bei Patient B, der an derselben Krankheit leidet, nur schwach oder gar nicht wirkt. Forscher und Ärzte sind deshalb auf individuelle Gesundheitsdaten angewiesen. Je mehr Informationen sie besitzen, desto besser können sie maßgeschneiderte Therapien entwickeln.

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Für die Medizin wird somit immer wichtiger, welche Gesundheitsdaten ein jeder von uns selbst über sich erhebt. Das Smartphone war in diesem Zusammenhang erst der Anfang. Beim Joggen begegnet man längst ambitionierten Läufern, die mithilfe tragbarer Computersysteme (Wearables) ihre Vitalwerte überwachen und sie anschließend ihrem iPhone als Nahrung geben. Im Alltag stolzieren Manager mit bunten Gummibändchen am Arm durch die Büros, die eifrig die Schritte zählen. Apples Smartphone-App "Health" zeichnet auf Wunsch Blutzucker- und Cholesterinspiegel sowie die Herzfrequenz auf. Auch eine Schlafanalyse ist im Sortiment. Unter drei Millionen Apps gibt es heute rund 87 000 Angebote im Bereich Fitness und Wellness sowie 55 000 medizinische Apps.

"Die Menschen sammeln keine Daten, um sie später wieder zu löschen", sagt Michael Carl, Studiendirektor beim Trendforschungsinstitut 2b AHEAD. Im Auftrag der Deutschen Apotheker- und Ärztebank hat Carl die Trendstudie "Personalisierte Medizin der Zukunft" entworfen. In mehreren Experteninterviews ging er der Frage nach, wie sich individuelle Therapien in den nächsten Jahren entwickeln werden. In 15 Jahren werde die Erhebung von Daten mit dem Smartphone Standard sein, prognostiziert die Studie.

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Insbesondere der Prävention komme das zugute: Im Idealfall kommt der Patient bald nicht mehr zum Arzt, weil er Beschwerden hat. Seine Wehwehchen wurden bereits vor ihrem Entstehen erkannt und durch eine ausgeglichene Ernährung, mehr Sport oder bestimmte Medikamente im wahrsten Sinne des Wortes im Keim erstickt - alles auf Grundlage von Daten, die der Patient tagtäglich über sich sammelt und an die Praxis schickt. Gekoppelt mit weiteren Wearables wie etwa Blutmessgeräten wird das Smartphone zur handgerechten Gesundheitsakte.

Wo Patienten früher noch auf die Datenerhebung von Ärzten angewiesen waren, verfügen sie in Zukunft selbst über die entscheidende Menge an Daten. Der Patient werde zum "Gesundheitskunden", heißt es in der Trendstudie. Als Kunde sucht er sich mit seinem medizinischen Datensatz seine Behandlungspartner gezielt nach deren Leistungsangebot aus.

Für die behandelnden Ärzte ergeben sich aus der Datenflut ("Big Data") neue Therapieansätze. Doch stehen sie auch vor der Herausforderung, der Daten selbst Herr zu werden. "Ein Arzt wird an Bedeutung verlieren, wenn er sich nicht auf den digitalen Wandel einstellt", sagt Michael Carl. Spezialisierte Teams, bestehend aus Medizinern und IT-Fachleuten, seien die Praxen der Zukunft. "Ein Einzelner kann die Informationsmenge nicht mehr bewältigen."

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Durch die ständige Übertragung von Daten verändert sich auch der Ort, an dem medizinische Behandlung stattfindet. Mit Wearables ausgestattet können sich die Menschen theoretisch an jedem Ort auf diesem Planeten über ihren Gesundheitszustand informieren. Ein Patient kann in Düsseldorf sitzen, während sein Arzt in Berlin niedergelassen ist oder im Ausland. Die Praxis oder das Krankenhaus, die bislang mit Krankheit oder gar Tod verbunden werden, wandeln sich zu Orten der Gesundheit, so die Einschätzung der Studie. In den Praxen und Kliniken würden sich nicht nur Kranke einfinden, sondern zunehmend gesunde Menschen.

Für die Leistungen, die Mediziner künftig vollbringen müssen, ergibt sich jedoch ein bürokratisches Problem: Nach heutigem Stand könnten Angebote wie eine detaillierte Datenanalyse durch einen niedergelassenen Arzt gar nicht finanziert werden, weil es keine entsprechenden Behandlungsschlüssel gibt. Der Patient kann nur von medizinischen Verfahren profitieren, wenn die Behandlungskosten auch von der Krankenkasse übernommen werden. Eine Hürde für das Gesundheitssystem.

Entscheidender wird die Frage nach Sicherheit. Datenschützer schlagen bei solchen Zukunftsszenarien die Hände über dem Kopf zusammen. Ihre Bedenken sind berechtigt: Gesundheitsdaten könnten ausgespäht und an den Meistbietenden verkauft werden. Die eigenen Blutwerte sind viel sensiblere Informationen als die E-Mail-Adresse. Unsere persönlichen Gesundheitsdaten wollen wir daher in sicheren Händen wissen. Aber dass es letzten Endes nicht die Hände, sondern die Tentakel der Datenkraken Google, Apple und Co. sind, ist nicht unwahrscheinlich.

Quelle: RP
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