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Gegen Stress, Ärger und Burnout
Die besten Übungen für mehr Gelassenheit im Alltag

Wie Sie innere Gelassenheit üben können
FOTO: RP/Schnettler
Düsseldorf . Ständig unter Druck, dauernd unter Strom, und dann noch Ärger mit dem Chef - für viele ist das im Beruf ganz normal geworden. Die Folge sind Dauerstress, Frust und Ärger. Gelassenheit hilft damit richtig umzugehen. Und sie lässt sich trainieren. Von Susanne Hamann

Immer mehr Aufgaben in immer kürzerer Zeit erledigen zu müssen, das ist ein prägendes Merkmal unserer Zeit. Dabei wird immer schwieriger, wonach sich die meisten Menschen sehnen: Entschleunigung.

Tatsächlich ist eben diese Entschleunigung nicht nur wichtig, um hin und wieder zu entspannen. Sondern sie wirkt auch wie ein natürlicher Schutzschild gegen Stress, Ärger und sogar Burnout. Das belegen zahlreiche Gesundheitsstudien. Doch wie soll man gelassen bleiben, wenn sich beruflich und privat die Aufgaben türmen?

Einer, der sich intensiv mit dem Thema Gelassenheit beschäftigt hat, ist Christian Bremer. Der Psychologe arbeitet seit 20 Jahren als Vortragsredner und Mental Coach. "Es mag paradox klingen, aber gerade weil die Arbeitsanforderungen immer weiter steigen, glaube ich, dass sich Stress und Ärger nur durch mehr Gelassenheit bewältigen lassen." Gelassenheit, das ist für den Experten kein Zeichen von Passivität, sondern die Fähigkeit, in schwierigen Situationen souverän zu handeln. "Möglich wird das indem wir eine gesunde innere Spannung finden", sagt der Trainer. "Ärger und Stress sind eine Überreaktion. Eine Unterreaktion wäre, dass einem alles egal ist."

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Was ohne Gelassenheit passiert

Während viele Menschen Gelassenheit als eine Art Gabe empfinden, weiß Bremer aus jahrelanger Berufserfahrung: Gelassenheit ist erlernbar. "Stellen Sie sich vor, Ihr Chef kommt kurz vor Feierabend zu Ihnen und brummt Ihnen eine Extraaufgabe auf, die noch am selben Tag erledigt sein muss." Bei den meisten Menschen springt in diesem Moment der Autopilot an: "Der Ärger schlägt in sie ein wie der Blitz, und es folgt ein Ärger-Stress-Reflex über den Chef und die Situation", erklärt Bremer.

Was dann geschieht, kennt jeder: Man ist nicht mehr in der Lage schlagfertig zu reagieren, und sieht nur noch, was der andere tut, statt auf sich selbst zu hören. "Es ist, als ob das Gehirn auf Erbsengröße schrumpft", so der Coach. "Und hinterher ärgert man sich dann, dass man nicht besser reagiert hat." Eine Unzufriedenheit, die auch nach Diskussionen im Privatleben häufig auftaucht.

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Was mit Gelassenheit passiert

Ein ganz anderes Ende kann das Gespräch nehmen, wenn es mit Gelassenheit erlebt wird. Der Mental Trainer erklärt: "Das funktioniert auf einem Zeitstrahl betrachtet so: Der Ärger kommt auf. Sie nehmen das unangenehme Gefühl erst mal nur wahr und sagen sich "Christian Stopp". Dann tun Sie einen Moment lang gar nichts und kommen bei sich an." Die Kombination aus Vorname und dem Wort "Stopp" soll dafür sorgen, dass es leichter ist, auf sich selbst zu hören. Das kurze Innehalten wiederum hilft, sich zu sammeln und zur inneren Souveränität zurückzufinden. Von außen ist dieser kurze Prozess nicht erkennbar. Im Inneren sorgt er Bremer zufolge aber dafür, dass der "Ärger-Stress-Autopilot" abgeschaltet wird.

"Dadurch, dass ich für einen Moment innehalte bevor ich reagiere, habe ich plötzlich die Wahl, wie ich mit der Situation umgehen will", sagt der Experte.

Die "Mal eine Minute"-Übung

Nicht ohne Grund erinnert diese kleine Unterbrechung im Handlungsfluss an eine Art Mini-Meditation. Achtsamkeit ist der gemeinsame Nenner, um den es bei der fernöstlichen Technik und bei Mental Coach Bremer geht. "Wir sind so gestresst, weil wir so selten für uns selbst da sind", sagt er. "Die Schulung unserer Achtsamkeit führt dazu, dass wir das, worum es uns geht, wieder besser wahrnehmen." Üben lässt sich das am besten mit der "Mal eine Minute"-Übung. Dabei nimmt man sich dreimal am Tag buchstäblich eine Minute Zeit und tut nichts anderes, als zu atmen. Ohne Bewertung. Ohne etwas Spezielles zu tun. Es wird nur registriert: "Aha, ich atme ein. Und jetzt atme ich aus." Das geht überall und fällt kaum auf. So kann Gelassenheit ein fester Bestandteil des Alltags werden, ohne deshalb einen Verlust an Leistungsfähigkeit mit sich zu bringen.

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Mutig handeln trotz Angst

Wer sich aufmacht, mehr innere Souveränität zu erlangen, wird aber nicht nur mehr Ruhemomente gewinnen. Denn für den Gelassenheitstrainer bedeutet dieser Weg auch, sich seinen Ängsten zu stellen. "Der Verstand gaukelt uns vor, dass die Welt untergeht, wenn wir dem Chef absagen." Die berufliche Erfahrung Bremers hat ihm jedoch gezeigt: Mutig nach dem eigenen Gefühl zu handeln, funktioniert fast immer sehr gut. "In den wenigsten Fällen wird ein Chef überreagieren, wenn man ihm in Ruhe und souverän erklärt, dass man die zusätzlichen Aufgaben zwar erledigen kann, dass dann aber eben etwas anderes liegen bleibt." Üben sollte man das jedoch in weniger brenzligen Situationen, am besten per Vorwegnahme. "Stellen Sie sich folgende Frage: Wenn mein Chef heute wieder mit einer seiner stressigen Sachen daherkommt, was mache ich dann?" Wichtig ist, sich beim Durchspielen der Situation nicht nur einen Plan A und B, sondern auch C und D zurechtzulegen. Das macht in der Situation flexibel und ermöglicht, daran zu wachsen. "Bevor Sie aber etwas aussprechen, denken Sie daran, erst zu Ihrer inneren Gelassenheit zu finden."

Gelassenheit als Lebensstil

Aus der Kombination aus Achtsamkeit und Erkenntnis entsteht für den Übenden mit der Zeit eine Art Fluss. "Sie werden merken, dass sich Ihr Handlungsspielraum erweitert und Sie immer lösungsorientierter denken", sagt der Coach. Gelassene Menschen gehen und stehen außerdem entspannter, und sie atmen ruhiger.

An diesem Punkt ist es dann auch nicht mehr so schwierig, Bremers wichtigste Botschaft zu verstehen: "Stress ist ein Geschenk", sagt der Vortragsredner. "Denn er zeigt mir, dass es eine wiederkehrende Situation gibt, die mir nicht guttut." Wer sich erlaubt, das anzuerkennen, dem kann es mit etwas Übung gelingen, dem Stress-Teufelskreis zu entfliehen. "Kein Mensch ist 24 Stunden am Tag gelassen", so Bremer. Aber mit der Zeit wird es immer leichter, in der eigenen Mitte zu bleiben. "Und das ist die beste Impfung gegen Stress."

Quelle: RP
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