| 09.35 Uhr

Düsseldorf
Zurück zu den Wurzeln

Düsseldorf. Wie körpereigene Impulse bei der Zahnbehandlung helfen: Hohlräume füllen sich von selbst, indem Knochen nachwächst. Das kann etwa bei Implantaten helfen. Von Hans Onkelbach

Wer die Begriffe Reckstange aus Stahl, Gummizüge oder Haltehaken hört, der denkt nicht unbedingt an die handwerklich anspruchsvolle und meist sehr filigrane Behandlung defekter Zähne oder ihrer Wurzeln. Aber genau diese Gegenstände kommen zum Einsatz bei einer Zahnbehandlung, die die beiden Düsseldorfer Zahnärzte Gernot Mörig und Robert Svoboda seit geraumer Zeit umsetzen und für die sie derzeit im Kollegen- und Patientenkreis werben.

Salopp gesagt, wollen sie zurück zu den Wurzeln, denn die von ihnen propagierte Methode ist im Grunde nicht etwa neu, sondern unter älteren Kollegen durchaus bekannt, entspricht aber bisher noch nicht der Lehrmeinung an den Universitäten. Man könnte auch sagen: Sie ist in Vergessenheit geraten.

Worum es geht? Vereinfacht gesagt, nutzen die beiden Dentisten die Eigenart des Kieferknochens, bei entsprechenden Zugkräften nachzuwachsen, also verlorenes Material zu ersetzen und entstandene Hohlräume wieder auszufüllen. Und zwar durch körpereigenes Material. Man könnte auch sagen: Der Knochen wächst nach, wo er vorher - aus welchen Gründen auch immer - verschwunden ist. Oder er wächst dorthin, wo er als körpereigenes Basismaterial für weitere Behandlungen gebraucht wird, also erwünscht ist.

Die beiden Düsseldorfer Ärzte nutzen dieses Phänomen entweder zur Rettung von bisher nicht erhaltungswürdigen Zahnwurzeln oder auch beim totalen Verlust von Zähnen und Wurzeln besonders als Basis für Implantate.

Körperfremdes Material wird plötzlich überflüssig

Variante 1: Wurzel und Zahn sind nicht mehr zu retten. Beispielsweise durch eine fortgeschrittene Parodontitis - also Zahnfleischentzündung, oft einhergehend mit massivem Knochenverlust.

In diesem Fall wird der befallene Zahn, der bei dieser Erkrankung bereits wackelt, auf Zahnfleischniveau abgesägt, auf dem Wurzelstumpf werden Haltehäkchen befestigt. An diese Halterungen hängt man spezielle kieferorthopädische Gummibändchen, mit deren Hilfe man die Wurzel langsam aus dem Kiefer hinauszieht. Dieser Prozess dauert mehrere Tage. Arretiert sind die Gummis beispielsweise an quer verlegten "Reckstangen" aus Stahl, die jeweils auf den beiden Nachbarzähnen fest verklebt sind und einem Gerüst gleich über der "Baustelle" schweben. Die entsprechende Wurzel wird nun langsam aus dem Zahnfach bewegt - und in den entstandenen Hohlraum wächst der Kieferknochen ganz natürlich nach. Ist er ausreichend weit nachgewachsen, wird die nicht mehr zu rettende Wurzel entfernt und daraus eine dünne Scheibe herausgeschnitten.

Gefürchtete Abwehrreaktionen des Körpers bleiben aus

Diese Scheibe wird so an ihre ursprüngliche Stelle zurückpositioniert, dass dadurch die offene Wunde abgedeckt wird. Binnen kurzer Zeit hat sich das Zahnfleisch an die Scheibe angeschmiegt, denn der Körper erkennt das eigene Material - den eigenen Zahn oder vielmehr einen Teil davon - als solches wieder, es gibt also keine Abwehrreaktionen irgendwelcher Art. Das Knochenfach wird somit gestützt und fällt daher nicht ein. Der oft übliche Einsatz von teurem körperfremden Knochenersatzmaterial und Membranen wird mit dieser einfachen Maßnahme überflüssig.

Und unter der Scheibe geht der Prozess weiter, der so viele Zahnärzte verblüfft: Der durch die gezogene Wurzel entstandene Hohlraum füllt sich komplett mit neuem Knochen. Denn durch die Scheibe aus eigenem Zahnmaterial wird ein Impuls geliefert, der zum weiteren Nachwachsen anregt. Binnen einiger Wochen ist das Loch wieder mit Knochen ausgefüllt, so dass problemlos etwa ein Implantat gesetzt werden kann, auf dem später eine Krone befestigt wird. Diese Methode erspart es dem Patienten, die unter Umständen völlig intakten, seitlich stehenden anderen Zähne für eine Brücke beschleifen zu lassen.

Nach Aussage der Ärzte ist diese Behandlung auf jeden Fall deutlich preisgünstiger als der häufig übliche Einsatz von körperfremden Materialien und zudem mit einer besseren Prognose versehen. Einer Patientin, die mit massiv fortgeschrittener Paradontitis erfolgreich behandelt worden ist, hatte man zuvor in mehreren anderen Praxen geraten, sich sämtliche Zähne ziehen zu lassen und eine herausnehmbare Prothese zu tragen. Ein weiterer Arzt hatte angeregt, aus ihrer Hüfte ein Stück Knochen entnehmen zu lassen, um den am Kiefer entstandenen Defekt in einem stationären Eingriff in Vollnarkose damit auffüllen zu lassen. Beides ist ihr erspart geblieben, sie hat heute Implantate auf dem nachgewachsenen Knochen und darauf festsitzende Kronen und ein unauffälliges Zahnbild.

Variante 2: Die Wurzel kann erhalten bleiben und als Basis für die Krone genutzt werden. Ist der Zahn, zum Beispiel durch einen Unfall, auf Zahnfleischniveau abgebrochen, aber noch als Basis erhaltungswürdig, setzt man in die Wurzel ebenfalls eine wie oben beschriebene Halterung, die übrigens einem Kleiderhaken ähnelt. An diesen Haken kommt wieder ein winziges, hochfestes Gummi. Dieses Gummi wird ebenfalls über eine "Reckstange" gezogen, die - einer Brücke gleich - zwischen den beiden Nachbarzähnen befestigt wurde und nun quer über der zu behandelnden Wurzel hängt. Die Gummis entwickeln übrigens bei besonders festen Wurzeln eine Zugkraft bis zu einem Kilopond.

Bei beiden Varianten gilt: Ist das Gummi an der winzigen Querstange fixiert, wird der Zug erhöht - die am Gummi hängende Wurzel wird nun durch permanente Kraft aus dem Kiefer hinaus bewegt. Dadurch entsteht unten ein Hohlraum im Knochen - und dort tritt der gleiche Effekt ein: Der Kieferknochen wächst in diesen Hohlraum hinein, umschließt nach und nach die nach oben gezogene Wurzel und gibt ihr neuen Halt.

Sobald sie weit genug aus dem Kiefer herausragt, um als Halterung genutzt werden zu können, wird darauf eine neue Krone befestigt. Mit dem Kieferknochen bildet sich übrigens auch das Zahnfleisch neu, so dass ein natürliches Zahnbild des Patienten nach der Behandlung nicht ahnen lässt, wie und was man dort repariert hat.

Für den Patienten ist die Behandlung schmerzfrei

Die Behandlung beider Varianten dauert einige Wochen. Im Regelfall braucht es zehn bis 14 Tage, bis man per Zug dafür gesorgt hat, dass die Wurzelreste oder jene Zahnscheibe in der richtigen Position sitzt. Und nochmals acht Wochen lässt man dem Kieferknochen Zeit, die entstandenen Hohlräume auszufüllen und neuen Halt zu geben entweder für die Wurzel oder für ein Implantat. Für den Patienten ist diese Behandlung völlig schmerz- und risikofrei, sagen die beiden Ärzte.

Dass die Methode wenig angewandt wird, liegt vermutlich an der Ausbildung der Zahnärzte. Nachwachsende Kieferknochen seien für ältere Zahnärzte keine neue Erkenntnis, und einer dieser Kollegen, der in Süddeutschland praktiziert, nutze dieses Phänomen schon seit über zehn Jahren. Aber bei Seminaren stoße man immer wieder auf Skepsis, bis man Fotos und Röntgenbilder vorlege, auf denen deutlich erkennbar sei, wie der Knochen reagiere.

Derzeit gehört diese Art der Behandlung noch nicht zu den von den gesetzlichen Krankenkassen übernommenen Leistungen. Beide Ärzte sehen in dieser Art der Nutzung körpereigener Kräfte aber große Möglichkeiten.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Düsseldorf: Zurück zu den Wurzeln


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.