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Gartenserie
Alte Pflanzenarten neu entdecken

Dormagen. Den Garten zur Arche zu machen, ist gar nicht so schwer. Alte Apfelsorten sind beispielsweise häufig pflegeleicht und robust, dazu gibt es eine große Auswahl. Auch alte Gemüsesorten wie Pastinaken kommen wieder in Mode. Von Lena Köhnlein

In den Regalen des Supermarkts gibt es viele verschiedene Apfelsorten. Sie sind süßlich oder feinsäuerlich, glänzend grün oder schimmern in mattem Rot, es gibt große und kleine Früchte. Die Sorten heißen "Cripps Pink", "Elstar", "Gala" oder "Ambrosia". Vielfalt ist das trotz des üppigen Angebotes lange nicht. Zwar finden Kunden in gut sortierten Märkten knapp 20 Sorten, doch gibt es weit über 1000 Stück. Sie sind nur in Vergessenheit geraten - so wie viele alte Obst-, Gemüse- oder Blumenarten.

Schuld daran, dass die alten Sorten zunehmend aus den Regalen verschwinden, ist die wirtschaftliche Situation. Die Ware wird häufig um die halbe Welt geflogen, um bei uns im Supermarkt zu liegen - und zwar frisch, knackig und ohne Dellen. Das ist bei vielen alten Sorten nicht möglich, etwa beim Urobst. Dabei ist gerade das so gesund, robust und vielfältig, erklärt Norbert Kleinz, Autor des Buches "Urobst". Dieses Obst geht zurück bis in die Jungsteinzeit, es wurde nicht veredelt, also geklont. Ein Vorteil ist, dass es keine menschliche Hilfe braucht und sehr pflegeleicht ist. Auch gesunde Bitterstoffe sind im Obst enthalten, denn die wurden bei vielen modernen Obstsorten längst weggezüchtet - süß soll es schließlich sein.

Generell ist das Züchten der Pflanzen nicht immer schlecht. Schließlich mussten Obst- und Gemüsesorten auch an die Wetterbedingungen der unterschiedlichen Regionen angepasst werden, erklärt Swantje Duthweiler, Professorin an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. Nur so konnte die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung gewährleistet werden. "Mit früh- und spätfruchtenden Sorten wurde beispielsweise die Erntezeit verlängert", sagt sie. Durch das Züchten wären ebenso Sorten mit einer langen Lagerzeit entstanden. "Außerdem konnte nur so das Obst von Generation zu Generation weitergegeben werden", erklärt Thomas Braun von der Biologischen Station im Rhein-Kreis Neuss. Denn aus dem Kern an sich wird nicht jedes Mal die gleiche Sorte. Schon die Römer hätten die Obstsorten daher veredelt. Auf der Station in Dormagen hat Braun etwa 100 verschiedene Apfelsorten - darunter Kultursorten, moderne Sorten wie auch Urformen. Diese alten Formen seien im Vergleich zu den neuen weniger anfällig für Krankheiten. "Ein Großteil der modernen Sorten kam Mitte der 50er auf den Markt, etwa die ,Golden Delicious'", sagt Braun. Diese ist sehr anfällig für Krankheiten, wie den Apfelschorf. Daher werden solche Sorten auch häufig gespritzt - das könnte auch ein Grund für Allergien sein, sagt Braun, der in seinem Anbau keinerlei chemikalische Substanzen verwendet.

Gartenbesitzer sollten sich überlegen, selbst die alten Sorten anzubauen - Gründe gibt es dafür viele. Für Braun bieten die alten regionalen Sorten wie etwa "Blauer Kölner" (Apfel), "Huetjansbirne" oder "Grevenbroicher Knorpelkirsche" etliche Vorteile: Sie bringen gesunde Früchte hervor, müssen nicht gespritzt werden, bieten eine große Vielfalt und verschiedene Geschmacksrichtungen. Die Vielfalt der Aromen lobt auch Willi Hennebrüder, Experte für alte Obstsorten beim BUND Lemgo. Die Farbe des Apfels sei nicht das Entscheidende. "Äpfel werden gerne auf Rot getrimmt, doch für den Inhalt interessiert sich kaum jemand." Doch wer schon mal eine alte Sorte gegessen habe, werde sich für den intensiven Geschmack begeistern - zudem punkten die alten Apfelsorten mit einem höheren Vitamin-C-Anteil.

Diese Vorteile gelten auch für alte Gemüsesorten. Viele sind längst vergessen, etwa die Haferwurzel, sagt Brigitte Bornmann vom Naturschutzbund Dortmund. "Sie wird heute gar nicht mehr angebaut." Dafür würden andere Sorten erneut Trend werden: "Die Pastinaken sind jetzt wieder in Mode, dabei waren sie schon früher ein gängiges Gemüse, das von der Karotte abgelöst wurde", so die Expertin. Die alten Gemüse, darunter Topinambur, Süßkartoffeln, Bohnen und Rüben, seien geschmacksintensiver, und auch sie enthalten häufig mehr Bitterstoffe als ihre modernen Verwandten.

Neben Obst und Gemüse, das den Menschen als Nahrung diente, wurde auch früher Wert auf schöne Blumen gelegt, bereits Kaiser und Könige ließen ihre Gärten damit gestalten. Sie sind nicht nur schön anzusehen, "sondern auch Zeitzeugen, die bestimmten Epochen zugeordnet werden können", sagt Swantje Duthweiler, die sich auf dieses Gebiet spezialisiert hat. So war Karl Foerster der Erste, der den Rittersporn zu einem intensiven Blau gezüchtet hatte (z.B. Delphinium x elatum "Berghimmel" oder "Jubelruf"). Heute seien diese Farbtöne für uns völlig selbstverständlich. Sie betont, wie wichtig es sei, die alten Arten zu erhalten. "Sie bieten die Grundlage für alle neuen Formen. Man muss den Genpool erhalten, um auch in Zukunft auf diesen zurückkehren zu können." Ebenso seien auch einige alte Sorten sehr robust, etwa die "Iris x germanica Madame Chéreau".

Die alten Sorten waren nie weg, nur wurden sie zwischenzeitlich weniger nachgefragt und sind heute meist etwas für Liebhaber. Eine Übersicht bietet die Obstsortendatenbank des BUND Lemgo. Wer Lust hat, alte Blumen-, Obst- oder Gemüsearten anzupflanzen, sollte keine Angst haben: Die Pflanzen sind meist robust. Samen oder Sämlinge gibt es in verschiedenen Fachgeschäften oder können größtenteils auch online bestellt werden.

Quelle: RP
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