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Paradiesisch hier!
Das Glück vom eigenen Acker

Paradiesisch hier!: Das Glück vom eigenen Acker
Neue Bauernregel: Das Große sind Kartoffelpflanzen, der Rest ist Unkraut. Unser Autor im Beet. FOTO: Hans-Juergen Bauer
Düsseldorf. Unser Autor hat seit kurzem einen Acker, ohne Unkraut von Kartoffelpflanzen unterscheiden zu können. Anderen Gärtnern geht's genauso, hat er festgestellt, und dass sie auf dem Feld wie ausgewechselt sind: geduldig, höflich, ruhig - gar nicht so wie im echten Leben. Von Klas Libuda

Ich acker nun seit zwei Monaten, und der erste Tag war der schlimmste. Es regnete und regnete und regnete, und ich hatte nicht einmal einen Schirm dabei und Turnschuhe an, und die waren ziemlich schnell durch. Die anderen kamen mit Gummistiefeln, alten Jeans und Regenjacken, und ich kam dann nicht einmal mit auf den matschigen Acker, sondern nur auf den Fußweg davor. In meiner Sonntagskleidung schaute ich an diesem Samstagmittag nur zu und zog schließlich tatenlos ab. Rückzug nach 20 Minuten. Ich habe das damals als Niederlage empfunden - von der Natur erledigt. Seitdem wird es besser. Vorgestern pflückte ich Erdbeeren.

Es ist kein Schrebergarten. Das ist ein Missverständnis. Es ist wirklich nur ein Acker, den ich dort bewirtschafte, in Düsseldorf, direkt am Rhein, gemeinsam mit meinem Arbeitskollegen Jan. Keine Hecken, keine Blümchen, keine Laube, bloß ein Acker mit Kartoffeln, Bohnen, Möhren, solche Sachen, wobei - unter uns - die Möhren nichts geworden sind. "Sind nicht gekeimt", hat eine Nachbarin neulich gerufen, als wir ratlos aufs Beet starrten und uns fragten, was dort überhaupt noch einmal ausgesät wurde. Wir haben der Frau dann wissend zugenickt, jaja, die Möhren, schönen Dank auch, und dann hat Jan später noch mal neue Möhrensamen im Gartencenter gekauft. Wir warten jetzt, ob die keimen.

Die Menschen jedenfalls denken immer an Schrebergärten, wenn ich vom Acker erzähle, und sie haben dann diesen spöttelnden Blick, weil sie an Gartenzwerge, Jägerzäune, strenge Regeln, Spießerhölle und so weiter denken - Vorurteile sind das. Ich bin sicher, dass an vielen nichts dran ist. Ich weiß es nicht, ich habe schließlich keinen Schrebergarten.

Wenn ich aber den Unterschied erkläre, sind plötzlich alle ziemlich zugewandt. So ein Garten macht was mit den Menschen. Sie fühlen sich vielleicht an Eden erinnert. Ein paar kamen sogar schon zu Besuch - bisschen mit auf die Möhren starren.

"Ich habe festgestellt, dass im Beet eine geradezu meditative Stimmung herrscht." FOTO: Hans-Juergen Bauer

Mein Acker misst 45 Quadratmeter und wird nur von Trampelpfaden begrenzt. Links von mir ist ein Acker und rechts ist ein Acker. Ein Hektar Acker insgesamt, aufgeteilt in 170 Gemüsegärten, die ein Online-Portal vermietet. "Wir haben rund 3000 Gärten deutschlandweit", sagt Wanda Ganders von "Meine Ernte". An 30 Standorten in Großstädten vermietet das Unternehmen die Beete in Kooperation mit Bauern vor Ort. Als es vor sechs Jahren begann, waren es sechs Standorte. "Die meisten Gärten werden zu zweit, viele auch zu dritt oder zu viert bewirtschaftet", sagt Ganders. Das macht mindestens 6000 Hobbygärtner. Die von den Konkurrenz-Portalen und selbstorganisierten Zusammenschlüssen nicht mitgerechnet. Das Ackern ist im Trend.

Ich kann gar nicht so genau sagen, warum ich dieses Beet gemietet habe. Der Balkon wurde zu klein. Ich war neugierig. Seit Jahren sprechen alle vom städtischen Gärtnern. Ich hatte Lust, das auszuprobieren. Als Kind hatte ich ein Beet hinterm Haus, und ich erinner mich noch gut an die Erbsen, die ich pflückte und gleich aufaß. Alles andere Gemüse habe ich vergessen, nur die Erbsen nicht. Die Erbsen haben komischerweise Eindruck hinterlassen. Der Garten ist nun also vielleicht die Erinnerung an die verlorene Kindheit, das Symbol für den unfreiwillig verlassenen Ort. Kann sein. Erbsen wollen wir jedenfalls auch noch anbauen.

Es heißt immer, dass die Menschen wissen wollen, wo es herkommt, darum bauten viele Großstädter nun ihre Lebensmittel wieder selber an. Sie stellen Hochbeete im Hinterhof auf, sie pflügen die Bauminseln an der Straße um, und in Rheinland-Pfalz gibt es sogar eine "Essbare Stadt". In Andernach werden seit 2010 Nutzpflanzen in städtische Beete gesetzt. Die Initiative ging von der Verwaltung aus, die nun mit dem Slogan "Andernach schmeckt" werben kann.

Eigene Erdbeeren. FOTO: Hans-Juergen Bauer

Die Motive seien sehr unterschiedlich, sagt Wanda Ganders. "Wir haben viele Menschen, die sich regional und saisonal ernähren möchten"; manche wollen ihren Kindern zeigen, wie und wo Gemüse wächst; und wieder andere wollen eben wissen, wo es herkommt "und dass die Lebensmittel frei von Chemie und Pestiziden sind". Natürlich wirkt der Rückzug in die Natur, der Wunsch nach Selbstversorgung auch seltsam anachronistisch. "Heute Disco, morgen Umsturz, übermorgen Landpartie" - die Losung hat der Autor Thomas Meineke 1981 formuliert. Die Landlust ist geblieben, die Revolution scheint erst einmal verschoben.

Es machen viele junge Leute mit auf meinem Acker, einige Familien und, mit Verlaub, auch ältere Herrschaften; es gibt drei Gärtner-Typen: erstens, die Profis, das sind alle Älteren, aber zum Beispiel auch die Jungs mit der Vogelscheuche, die ihre Erdbeeren in Fleece eingepackt haben. Zweitens, die Ambitionierten, die immer da sind, egal, wann ich vorbeikomme. Und drittens, die Anfänger, also zum Beispiel Jan und mich, die Unkraut erst einmal stehen lassen, weil sie hoffen, dass daraus noch was wird. Neulich standen wir zu fünft auf drei Beeten und versuchten, Unkraut von Essbarem zu unterscheiden. Geeint in Ahnungslosigkeit. Bemerkenswert war, dass niemand die Geduld verlor. Ich habe festgestellt, dass im Beet eine geradezu meditative Stimmung herrscht. Alles dort geht sehr gemütlich zu. Selbst sonntags, 25 Grad, wenn auf dem Deich die Hölle los ist und Rollschuhfahrer mit Lautsprechern die Toten Hosen hören, ist im Garten Stille.

Die Idylle ist durch ihr Außen gekennzeichnet, also durch Abgrenzung zu einer anderen Ordnung, die dort außer Kraft gesetzt ist. Ich glaube, dass es den allermeisten gar nicht mal so sehr auf den Ertrag ankommt, sondern auf das Machen. Etwas vorweisen zu können, spielt auf dem Acker eine nur untergeordnete Rolle. Das löst die Stimmung. Es wird geduzt - auch die Älteren - und gegrüßt - ständig-, alle sind ausnahmslos höflich. Niemand ist im Stress, niemand unfreundlich. gar nicht so wie im echten Leben. Im Garten sind die Menschen wie ausgewechselt. Es ist paradiesisch.

Ich habe vom ersten Tag erzählt und von der Enttäuschung. Seitdem läuft es richtig gut. Der Rucola ist schon geerntet, der Spinat auch. Der Kohlrabi braucht noch eine Woche, die Zucchini wächst. Die Erdbeeren wechseln die Farbe von grün zu rot, und die Leute sagen, dass sie besser schmecken als die vom Supermarkt. Ich glaube, dass die Leute diese Erdbeeren mit reichlich Emotionen aufladen, mir schmecken die einen und die anderen gut. Von den Möhren ist immer noch nichts zu sehen, keimen vielleicht nicht. Keine Ahnung. "Sind jetzt schon wieder seit zwei Wochen drin", sagt Jan.

Wir warten jetzt einfach ab.

Unser Autor auf seinem Acker. FOTO: Hans-Juergen Bauer
Quelle: RP
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