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Regionale Delikatesse zu Ostern
Der Gänse-Ei-Äquator

Delikatessen: Wo liegt der Gänse-Ei-Äquator?
Der Gänse-Ei-Äquator FOTO: Weber
Düsseldorf. Am Niederrhein wird eine Delikatesse geschätzt, die im Rest der Republik kaum jemand kennt: das Gänse-Ei. Und das schmeckt nicht nur zu Ostern. Von Martina Stöcker

Wer auf dem edlen Münchner Viktualienmarkt nach einem Gänse-Ei fragt, der erntet sehr wahrscheinlich verstörte Blicke. Ein Gänse-Ei? Zum Essen? Was sind Sie denn für einer?

Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist der Fragende aber ein Niederrheiner, denn nur dort gilt das große Ei als Delikatesse. Das Gebiet seiner größten Fans ist beschränkt auf den linken Niederrhein - begrenzt durch den Rhein im Osten, die niederländische Grenze im Norden und Westen, im Süden liegt der Gänse-Ei-Äquator kurz vor Köln, erklärt Bernd Hesseling, Inhaber des Bauernmarktes Lindchen in Uedem, der jedes Jahr etwa 200.000 Eier verkauft. "Der Niederrheiner liebt sein Gänse-Ei und gibt dafür gerne Geld aus."

In anderen Regionen ist das anders. Wenn Gänsezüchter Peter Eßer, bekannt als "Gänsepeter" aus Rommerskirchen, Fachtagungen besucht, dann wundern sich seine Kollegen immer, dass er auch die Eier verkauft. "Andere Betriebe kommen bei der Vermarktung gar nicht voran - die können sich nicht erklären, warum wir dafür Abnehmer finden." Er selbst ist eher durch Zufall dazu gekommen: Als er zu Weihnachten einige Mastgänse nicht verkaufen konnte, ließ er sie am Leben - und sie dankten es ihm mit vielen Eiern.

Das Gänse-Ei hat einen kräftigen Eigengeschmack

Hesseling mag das Ei am liebsten pur als Frühstücksei, wachsweich, etwa neun Minuten gekocht. "Es schmeckt pochiert auch hervorragend zum Spargel", empfiehlt der Landwirt. Oder man schneidet ein hartgekochtes Ei (zwölf bis 13 Minuten) in Scheiben und drapiert es auf Spargelstangen. "Das ist wirklich ein Hingucker." Eßer hingegen rät, daraus ein Rührei zu bereiten - gerne aromatisiert mit Curry, Ingwer und Knoblauch. Das Gänse-Ei kann das vertragen, dank seines kräftigen Eigengeschmacks. Für Hesseling ist der "Dotter der absolute Burner". So viele Niederrheiner könnten schließlich nicht irren. "Wer wie ich vom Vater immer das Ei-Köpfchen bekommen hat, der will darauf nicht mehr verzichten."

Hesseling findet es schade, dass sich die heimische Delikatesse im Rest der Republik so schwer tut. Übers Internet kommen aber mittlerweile Anfragen aus ganz Deutschland. "Das sind meistens Leute, die vom Niederrhein stammen und weggezogen sind", stellt Eßer fest. Als eine Bestellung aus dem Hause Thurn und Taxis in Regensburg bei ihm eintrudelte, glaubte er zunächst an einen Scherz. War es aber nicht.

Hinweise auf Gänsehaltung gab es am Niederrhein schon zu vorrömischer Zeit. Die Römer hielten sich auch das Federvieh, wie Ausgrabungen im Archäologischen Park in Xanten beweisen. Plinius der Ältere befand sogar, dass die Federn niederrheinischer Gänse die allerbesten seien. Karl der Große schrieb seinen Höfen die Haltung von Gänsen samt Stückzahlen vor. Als "weiße Weiden am Niederrhein" wurden Mitte des letzten Jahrhunderts die typischen Gänseherden bezeichnet. Sie schnatterten auf Obstwiesen und den Niederungswiesen. Die Eierbörse versorgte von Kalkar aus die gesamte preußische Rheinprovinz mit der weißen Pracht.

Eine Gans legt 40-60 Eier pro Jahr

Früher sagte man, drei Gänse fressen so viel wie ein Kuh. Heute leben sie in großen Herden von mehreren Hundert Tieren, watscheln durchs Freiland und bekommen Gras und Getreide. Beim Eierlegen sind sie aber alles andere als unkomplizierte Tiere. "Sie sind ganz schön dickköpfig. Gibt es ein Gewitter oder einen Sturm, können Sie es vergessen", sagt Bernd Hesseling. Gänse legen im Jahr zwischen 40 bis 60 Eier, ein Huhn bis zu 280 pro Jahr. Im Bauernmarkt Lindchen kostet das Ei in der Regel zwei Euro, in Peter Eßers Hofladen 2,50 Euro.

Das Ei der Gans unterscheidet sich nicht nur wegen der Größe von dem des Huhns. Durchschnittlich wiegt es 160 Gramm, ein ideales Exemplar 200 Gramm. Das größte Ei, das der "Gänsepeter" im Nest in Rommerskirchen je gefunden hat, wog 430 Gramm. In der Regel lassen die Bauern die Tiere sechs Jahre legen, denn je älter, desto größer sind die Eier. Die Schale ist härter, die Eihaut, die sich schwerer löst, fester. "Zudem ist das Eiweiß auch grobkörniger", sagt Esser. Es enthalte weniger Wasser, so dass es besonders gut zum Backen geeignet sei. "Meine Mutter hat früher immer den Biskuit mit Gänse-Eiern gemacht, der wurde viel lockerer." Beim Backen ersetzt ein Gänse-Ei drei Hühner-Eier. Auch für Allergiker, die gegen Hühner-Eiweiß allergisch sind, können die größeren Gelege eine Alternative sein. "Ich weiß von Allergikern, die damit klarkommen - das muss aber jeder für sich ausprobieren", betont Eßer.

Das Gänse-Ei ist kein Massenprodukt

Das Gänse-Ei ist kein Massenprodukt, denn es bedarf viel Handarbeit. Die Vögel gehen nämlich mit den Eiern gar nicht zimperlich um, sie sind ziemlich verdreckt. Meistens müssen sie von Hand gewaschen werden. Hesseling hat allerdings eine Kartoffel-Bürsten-Maschine für das fragile Produkt umkonstruiert. Sie säubert nun die Eier von Kot und anderem Schmutz. Auch für den Handel im Supermarkt ist das Ei wegen seiner ungewöhnlichen Größe und der damit verbundenen komplizierten Handhabung eher unattraktiv. Das Gänse-Ei gehört übrigens wie alle anderen Eier nicht in den Kühlschrank, da es leicht den Geschmack von anderen Lebensmitteln annimmt.

Für Bernd Hesseling ist ein Osterkörbchen, befüllt mit natürlich gefärbten Gänse-Eiern, ein Muss. Aber: "Ostern ist es kein Kunststück, Eier zu verkaufen", betont Peter Eßer. Seine Gänse legen ungefähr seit Februar und natürlich auch nach Ostern weiter - bis weit in den Mai und Juni hinein. Wer sich an ein Gänse-Ei kulinarisch heranwagen möchte, der braucht deshalb keine Eile. Und bei einer Berlin-Reise kann er nun sogar im KaDeWe beruhigt danach fragen. Peter Eßer liefert mittlerweile Gänse-Eier dorthin.

Bauernmarkt Lindchen, Am Lindchen 3, 47589 Uedem-Keppeln. Öffnungszeiten: montags bis freitags 7.30 bis 18.30, samstags 7.30 bis 16 Uhr. Gänsepeter, Hofladen, Kölner Straße 2, 41569 Rommerskirchen-Ramrath. Öffnungszeiten: freitags 9 bis 12 und 14 bis 18 Uhr, samstags 9 bis 13 Uhr.

Quelle: RP
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