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Gastro-Kritik: Landwirtschaft Berderhof
So niedlich das Kalb, so zart das Lamm

 Gastro-Kritik: Landwirtschaft Berderhof
FOTO: Shutterstock.com/ Gordana Sermek
Der 500 Jahre alte Berderhof im Willicher Stadtteil Schiefbahn liegt nicht mal 25 Kilometer von Düsseldorf entfernt und gefühlt doch in großer Distanz zur Großstadt: Idylle pur in typischer Niederrheinlandschaft. Ein gut sanierter Bauernhof inmitten weiter Felder und Streuobstwiesen. Im Gras vor der Terrasse stehen ein paar junge Kühe unter alten Apfelbäumen, Kälber tollen herum.

Nebenan tuckert der Landwirt auf seinem Schlepper Richtung Feld. Es gibt Scheunen, Landmaschinen und den typischen Duft von Kuhstall, von dem die Städter glauben, er mache die Landluft aus. Das Gehöft steht für eine offenbar funktionierende Landwirtschaft ohne jeden Pseudo-Bauernkitsch. Der Schein trügt nicht: Das Anwesen wird normal bewirtschaftet, aber es produziert nicht nur Fleisch, Spargel und Kartoffeln. Es lädt ein - sozusagen nebenbei -, einiges von dem, was dort geerntet und gezüchtet wird, auch gleich zu genießen.

Denn in einem geschickt an die alte Scheune angesetzten Gebäude betreibt man das Restaurant "Landwirtschaft" - draußen Landleben, drinnen kühles Design und offene Küche. Am Herd steht Peter Liesenfeld. Er ist in der Gourmet-Szene bekannt, weil er viele Jahre mit Peter Nöthel im Düsseldorfer Hummer-Stübchen einen Stern nach dem anderen erkochte. Das Team trennte sich, als Nöthel entschied, die Sterne abzugeben und im neuen "Nöthel's" ein weniger aufwändiges Konzept umzusetzen. Liesenfeld nutzte die Zäsur als Chance und ging nach Schiefbahn. Dort zeigt er nun, was rauskommt, wenn er Gutes in die Pfanne haut.

Die Karte beeindruckt mit einer Balance zwischen Umfang und kluger Begrenzung. Es gibt drei Vorspeisen (12,50 bis 14,50 Euro), zwei Suppen (7/7,50), einige Salatvariationen (15,50 bis 17,50). Man kann aus sieben Hauptgängen (19,50 bis 25,50) und einigen Spargelkombinationen wählen. Das ist angenehm wenig und ausreichend viel.

Wir waren vorab neugierig auf die Bratwurstvariationen von Reh und Wildschwein (12,50) - drei gut gewürzte, kleine Würste mit Selleriepüree und Senf. Einziger Nachteil: als Vorspeise fast schon zu groß. Zumal es als Amuse Gueule köstliche, vom Meister selbst gemachte Mixed Pickles mit sehr kräftiger Salami und krossem Brot gab - keine Chance zu widerstehen. Die zweite Vorspeise, ein Parfait von Ziegenkäse mit Walnüssen und Rosinen (13,50) überzeugte handwerklich und geschmacklich.

Höhepunkt jedoch war das auf den Punkt gegarte Lammfilet in einer Senf-Kräuterkruste (25,50) mit Schupfnudeln und Rotweinschalotten - ganz hohe Kochkunst, leicht und lecker. Genauso gut das Filet vom Schiefbahner Duroc-Schwein mit hocharomatischem Spargel (beides aus eigener Produktion!). Da brauchte es weder Sauce Hollandaise noch zerlassene Butter.

Ans Dessert (7,50 bis 10,50) trauten wir uns nicht mehr ran und entschlossen uns zum Spaziergang über den Hof. Der kann den Gast dann angesichts von niedlichen Kälbern und anderen Tieren in einen mentalen Konflikt stürzen. Er lernt: Zwischen "Ach, wie süß!" und "O, wie lecker!" liegen nur ein paar Schritte. Denn der Berderhof ist auch in seiner Kommunikation eindeutig und steht für eine klare Botschaft: Kein Fleisch kommt aus dem Kühlschrank. Du siehst, was du isst.

Fazit: ein Gruß an die Küche voller Respekt vor diesem Konzept und dieser Kochkunst. Verbunden mit der Bitte, über die Beschilderung zur "Landwirtschaft" nachzudenken. Die ist nämlich ausbaufähig.

INFO Klosterweg 32, 47877 Willich; Tel. 02154 4868630; Mi- Fr 15-24 Uhr; Sa/So 10-24 Uhr; Reservierungen unter bookatable.de/234081/landwirtschaft

Quelle: RP
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