Die Tierwelt von RP Online
| 07.00 Uhr

Hunde sollten ihre Grenzen kennen

Beim Expertentelefon mit Hundetrainer Thorsten Schedwill gab es großen Beratungsbedarf. Von Sebastian Meurer

Neun Jahre alt ist der Hund inzwischen, und Schwierigkeiten gab es für seine Besitzer mit dem englischen Cocker viele Jahre lang nicht. Seit einiger Zeit ist sein Verhalten jedoch sehr auffällig und immer schwerer zu steuern. "Es macht zum Beispiel keinen Spaß mehr, mit ihm in den Urlaub zu fahren", verriet sein Besitzer beim Expertentelefon mit Thorsten Schedwill.

Sowohl ihn als auch seine Frau hat der Hund inzwischen sogar schon mal gebissen, er knurrt und fletscht die Zähne, wenn man sich ihm nähert, berichtet der Halter, der sich Sorgen um das künftige Zusammenleben mit seinem Hund macht. Er und seine Frau seien ratlos und wüssten nicht mehr weiter, erzählt er bei dem Telefonat. Soviel jedoch steht fest: Ohne externe Hilfe bekommen sie das Problem nicht mehr in den Griff.

"Die soziale Annäherung scheint gestört", sagt Thorsten Schedwill, Betreiber der Hundeschule "Richtig verknüpft". Es herrschen Fehlverknüpfungen, die sein teilweise aggressives Verhalten hervorrufen. Nötig sei eine grundlegende Gegenkonditionierung des Hundes, die Schritt für Schritt erarbeitet werden muss, erläutert der Hundeexperte, der sich das Tier demnächst selbst einmal ansehen will.

Als "lieb und schmusig", beschreibt eine Anruferin ihren "Malteser-Pudelmix". Das gibt die kleine Hündin jedoch draußen im Garten nicht zu erkennen, wie die Besitzerin der fünfjährigen Hündin mit Blick auf das territoriale Verhalten ihres Tiers gegenüber fremden Hunden deutlich macht.

Von denen werde jeder umgehend angebellt, sofern er sich dem Grundstück nähert oder vorbeigeht, erzählt die Halterin. Thorsten Schedwill erklärt, wie mit Einsatz einer so genannten Schlepp-Arbeitsleine der Hund in seinem falschen Verhalten gestört wird und mit zeitgleichem Einsatz eines Balls oder Dummys belohnt wird.

Das Expertentelefon steht keine Minute still, wobei zwei gleich aufeinander folgende Anruferinnen nahezu diametral entgegengesetzte Probleme haben. Ein vierjähriger Havaneser-Malteser-Mix wurde 2015 von einem großen Hund gebissen und will seither immer die Straße wechseln, sobald er einen ebenso großen Hund sieht.

Ein zweijähriger Boston Terrier hingegen geriert sich als raumgreifender "Platzhirsch": Weibchen gegenüber zeigt er sich ausnehmend freundlich, bei Rüden schlägt sein Verhalten ins exakte Gegenteil um, während er Gästen seiner Besitzer kaum von der Seite weicht und sich fast schon als "Hausherr" präsentiert.

Bei dem Havaneser-Malteser empfiehlt Thorsten Schedwill der Anruferin eine so genannte "Überschattung": Dem Hund also in dem Moment ein besonderes Leckerchen vorzuhalten, wenn er auf einen großen Artgenossen trifft, könnte auf Dauer durchaus ein wirksames Mittel sein, seine negative Erfahrung in den Hintergrund treten zu lassen.

Aufmerksamkeit ist dem Experten zufolge bei dem Terrier-Rüden geboten: Konsequent unterbinden sollte seine Besitzerin das ständige Lutschen des Vierbeiners an Blättern: Was den Rüden daran anzieht, sei nämlich der Urin von Hündinnen, der daran haftet. Auch beim - überaus häufigen - Markieren seines Reviers dürfe ihn seine Besitzerin nicht gewähren lassen, sagt Thorsten Schedwill. Sein Rat: Der Hund solle beim Markieren strikt unterbrochen werden, zwei Meter weiter könne der Besitzer mit dem Hund stehen bleiben und ihn "sein Geschäft" machen lassen.

Was das Dominanzstreben zu Hause angeht, rät Schedwill, gleichermaßen konsequent zu bleiben: "Keine Begrüßungs- und Verabschiedungsrituale", der Hund sollte keinen Status erhalten, beziehungsweise verfestigen, der ihm definitiv nicht zukomme.

Neben dem Fortpflanzungstrieb ist bei vielen Hunden auch der Jagdtrieb stark ausgeprägt. Der sechsjährige Labrador Retriever einer ratsuchenden Anruferin ist ein allzu leidenschaftlicher Jäger, Abhilfe kann hier ein aufgeschlüsseltes, individuelles Anti-Jagdtraining schaffen, welches jedoch nicht den Einsatz einer Reizangel beinhalten sollte. Diese wird nämlich unter anderem auch zur Ausbildung von Vorsteh-Hunden in der Jagd benutzt, kann somit sogar ein Triebverstärker sein, betont der Hundeexperte.

Die Frage einer 68-jährigen Anruferin, ob sie sich in ihrem Alter noch einen neuen Hund, gar einen Welpen, anschaffen sollte, beantwortet Thorsten Schedwill mit einem Ja - sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind: So muss das Tier im Krankheitsfall seiner Halterin versorgt sein, von Angehörigen oder Freunden etwa, die eine Bindung zum Hund haben. Thorsten Schedwill selbst hat sogar schon mal einer 84-Jährigen zu einem Hund verholfen. Eine Altersgrenze gebe es im Prinzip nicht, ältere Menschen verfügten meist über die nötige Ruhe und Ausgeglichenheit, die einem Hund auch entgegenkomme, weiß der erfahrene Hundetrainer Schedwill.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Hunde sollten ihre Grenzen kennen


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.