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Hunde-Psychologin: Vermenschlichung ist das größte Problem

Für die meisten Menschen sind Hunde mehr als "nur" Haustiere. Doch die zunehmende Vermenschlichung bringt Probleme mit sich, sagt Hunde-Psychologin Jutta Durst. Von Antje Rehse

Tommi versteht sich nicht mit anderen Hunden, Fienchen klaut Essen vom Tisch und Idefix tut nichts lieber, als im Wald einem Kaninchen nachzujagen, statt brav bei Fuß zu gehen. Seit immer mehr Hundetrainer, Tier-Psychologen und Verhaltenstherapeuten mit ihren Trainingsstunden im TV auf Sendung sind, ist deren Arbeit auch außerhalb der Fachkreise bekannt. Doch was beim Fernsehzuschauer für so manches Schmunzeln sorgt, kann in der Realität das Leben von Mensch und Tier erheblich beeinträchtigen.

Wenn Herrchen oder Frauchen nicht mehr weiterwissen, kontaktieren sie Hunde-Psychologin Jutta Durst aus Kaarst. Und wenn sie Mensch und Tier dann in deren häuslichem Umfeld beobachtet, kommt sie häufig zu folgender Diagnose: "Der Hund weiß nicht, wo sein Platz im Rudel ist, weil er einfach alles darf." Die inkonsequente Erziehung dankt der Vierbeiner häufig mit Dominanzverhalten, manchmal kann die Frustration und Unsicherheit sogar in Aggression umschlagen.

Hundetraining kostet Zeit und Arbeit

Ein Parade-Rezept gibt es in solchen Fällen nicht, denn sowohl auf tierischer als auch auf menschlicher Seite hat es Jutta Durst natürlich mit Individuen zu tun. Nur eines kann die Tier-Psychologin pauschal sagen: "Hand auflegen funktioniert nicht. Hundetraining ist eine langwierige Angelegenheit und mit viel Arbeit verbunden." Und fast immer muss vor allem der Mensch sein Verhalten ändern, damit der Hund das Gleiche tut.

Die Therapeutin nimmt bei der Arbeit mit dem Hund nur die Rolle des Beobachters und Beraters ein. "Ich arbeite nicht selbst mit dem Hund. Das Tier muss im Team mit seinen Haltern funktionieren, nicht mit mir", erklärt Durst.

Die größte Schwierigkeit in der Hundeerziehung sieht Durst in der zunehmenden Vermenschlichung der Tiere. "Früher hatten Hunde als Nutztiere noch einen völlig anderen Stellenwert", erklärt die Therapeutin. "Der Border Collie wird häufig zum Beispiel nur wegen seines Aussehens angeschafft. Dass diese als Hütehund gezüchtete Rasse sehr intelligent ist und ständig gefordert werden muss – was natürlich sehr zeitintensiv ist – bedenken viele nicht."

Hunde sind nicht stur

Und auch die Übertragung von menschlichen Denkweisen auf tierische Verhaltensmuster entspricht nicht der Realität. "Ich höre häufig, ein Hund sei stur. Aber Sturheit gibt es bei Hunden nicht, das ist ein typisch menschliches Verhalten."

Die größte Herausforderung für die Tier-Psychologin ist die Arbeit mit Familien. "Wenn Frauchen toll mitzieht, die anderen Familienmitglieder aber inkonsequent sind, ist die Verwirrung beim Hund vollkommen." Dass es auch anders geht, zeigt ein Fall aus Dursts eigener Arbeit. "Ich hatte mal mit einer Familie mit zwei Kindern und zwei Hunden zu tun, einer der Hunde war latent aggressiv", berichtet Durst. "Da habe ich im Vorfeld gedacht: 'Das wird ein harter Brocken.' Aber die ganze Familie hat toll mitgemacht."

Jutta Durst hat die tierpsychologische Ausbildung bei der Akademie für Tiernaturheilkunde in der Schweiz absolviert. In ihrer Kolumne "Kleine Hundeschule" gibt sie in Zukunft bei pets.de regelmäßig Tipps zum Thema Hundeverhalten und -erziehung. Ab dem 1. Juli 2013 ist sie zudem jeden Montag zwischen 15 und 16 Uhr im Fressnapf Neuss, Römerstr. 122, zur kostenlosen Beratungsstunde für Hundehalter anzutreffen.
 

(RPO)
 
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