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| 13.36 Uhr

Studie aus den USA
Hunde wollen nicht umarmt werden

Hundeliebe: Hunde wollen nicht umarmt werden
"Ich sah viele glückliche Menschen", sagte der Wissenschaftler Stanley Coren beim Anblick von Tierfotos. "Aber auch viele unglückliche Hunde." FOTO: ap, MR HR
Düsseldorf. Verschiedene Studien zeigen: Schon der Frühmensch liebte seinen Hund – doch die meisten Vierbeiner können auf die menschlichen Zärtlichkeiten verzichten. Von Jörg Zittlau

Schon seit mehr als 40.000 Jahren ist der Hund der beste Freund des Menschen. Ein Dream-Team sozusagen. Das Verhältnis war zunächst allerdings ein pragmatisches: Der Zweibeiner nutzte die Nase der Vierbeiner für die Jagd und ihre Achtsamkeit fürs Hüten von Haus und Hof. Wie US-Forscher jetzt herausgefunden haben, wurde daraus schnell mehr als eine Zweckgemeinschaft, nämlich eine echte Liebesbeziehung. Doch Obacht: Nicht alles, was wir toll dabei finden, findet auch der Hund toll.

Ist es eine lachhafte Marotte, oder aber der Ausdruck echter Liebe? Über 100.000 Gräber gibt es auf dem Cimetière des chiens in Paris, dem bekanntesten Hundefriedhof der Welt. Hundelose Menschen können darüber in der Regel nur staunen. Doch eine US-Studie zeigt nun: Die innige Liebe zum Nachfahren des Wolfs ist keine moderne Marotte. Demnach liebte schon der steinzeitliche Homo sapiens seinen Canis lupus familiaris nicht weniger als heute. Ein Forscherteam der University of Alberta stieß bei Ausgrabungen am russischen Baikalsee auf etwa 8000 Jahre alte Grabstätten, in denen man neben Menschen- auch Hundeskelette fand. "Sie wurden offenbar vorsichtig ins Grab gelegt", berichtet Studienleiter Robert Losey, "und einige trugen Halsbänder, andere bekamen Löffel oder andere Beigaben mit ins Grab". Für den Anthropologen steht daher fest, dass den Vierbeinern wie dem Menschen ein Leben nach dem Tode zugesprochen wurde.

Gute Laune auf vier Pfoten FOTO: AnetaPics / Shutterstock.com

Und damit nicht genug: Ihnen wurde auch vorher ein Leben wie das ihrer Herrchen und Frauchen zugestanden. Denn chemische Analysen der Knochen belegen, dass sie weitgehend die gleichen Nahrungsmittel auf ihrem Speiseplan hatten. "Man liebte und versorgte also seinen Hund genauso wie heute", so Losey. Der amerikanische Steinzeitforscher betont außerdem, dass man weltweit von keinem Haustier so viele prähistorische Gräber gefunden hätte wie vom Hund. Selbst Pferde hätten nicht annähernd den gleichen Verehrungsstatus erreicht, obwohl sie im Alltag der damaligen Menschen ebenfalls eine wichtige Rolle spielten.

Vermutlich aber hatten die Pferde damit auch Glück. Denn ihnen blieb dadurch erspart, mit Zärtlichkeit regelrecht erdrückt zu werden. Denn sein weiches Fell, der devote Blick, der freudig wedelnde Schwanz - kein anderes Tier wird vom Menschen so inniglich geherzt und umarmt wie der Hund. Im Internet findet man Tausende Selfies und andere Fotos, auf denen Hundehalter im zärtlichen Clinch mit ihren Lieblingen zu sehen sind. Denen gefällt das jedoch meistens gar nicht, wie jetzt der amerikanische Wissenschaftler Stanley Coren herausgefunden und in einem Blog der Zeitschrift "Psychology today" veröffentlicht hat.

Welthundetag 2015: Sieger Floh zu Besuch in der Redaktion FOTO: RPO/Anja Voß

Der Psychologe durchforstete das Internet mit Eingabebegriffen wie "hug dog" oder "love dog", um nach Fotos zu suchen, auf denen ein Hund zärtlich von einem Menschen umarmt wird. "Man wird dabei von einem unendlichen Schwall von Bildern überrollt", so Coren. Am Ende entschied er sich nach dem Zufallsprinzip für 250 Bilder, auf denen man deutlich die Körpersignale, vor allem aber die Mimik des Hundes sehen und analysieren konnte.

Das Ergebnis war eindeutig. "Ich sah viele glückliche Menschen", so der Psychologe, "aber auch viele unglückliche Hunde." Auf knapp 82 Prozent aller Bilder zeigten die Vierbeiner mindestens ein Zeichen dafür, dass sie sich unwohl fühlten. Gerade mal in acht Prozent der Fälle sah man einen Hund, dem offenbar Spaß machte, was gerade mit ihm geschah.

Welthundetag 2015: Sieger Floh zu Besuch in der Redaktion FOTO: Christian Spolders

Als typische Zeichen für Unwohlsein wertete Coren, wenn der Hund vom Umarmenden wegschaute, die Ohren anlegte oder mit der Zunge die Lippen beleckte. Ein deutlicher Hinweis auf Stress oder sogar Angst ist aber auch, wenn das Tier den so genannten Halbmond-Blick aufsetzt, bei dem die Augäpfel nach oben wandern, so dass sich am innen-unteren Augenrand das Weiße in Form einer Mondsichel zeigt. Die meisten Menschen finden diesen devoten Blick niedlich, doch in der Hundesprache steht er eher für ein flehendes "Bitte lass es schnell vorüber gehen".

Coren betont, dass seine Befunde auf einer Linie mit der Einschätzung von Zoologen und Verhaltensforschern liegen. Diese warnen schon länger vor einem allzu übergreifenden Herzen der Hunde. "Denn sie sind von Natur aus Lebewesen, die fürs schnelle Laufen geschaffen wurden", erklärt Coren. Was auch bedeutet, dass sie darauf geeicht sind, bei Gefahr erst einmal das Weite zu suchen, und dementsprechend alles, was sie daran hindert, als Bedrohung empfinden. "Und das Umarmen ist eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit und damit eine Bedrohung", so der Psychologe. Es sei deshalb kein Wunder, dass Hunde sich dabei unwohl fühlen. Schlimmstenfalls würden sie zur zweiten Alternative in ihrem Verhaltensrepertoire zur Gefahrenbewältigung greifen - dem Einsatz der Zähne. "Nicht wenige Menschen werden beim Umarmen ihres Hundes gebissen", betont Stanley Coren.

Er rät Hundehaltern, die natürlichen Aversionen ihrer Lieblinge gegen das Umarmen zu respektieren. "Sie sind immer noch Tiere", so der Psychologe. Es gibt ja noch genug andere Möglichkeiten, dem Vierbeiner seine Sympathie und Liebe zu zeigen. Wie etwa das Streicheln, Kraulen und Füttern von Leckerlis. Der Mensch mag es ja auch, wenn man ihn zum Essen einlädt.

Quelle: RP
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