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Neue Hoffnung für "alte" Rassen

Neue Hoffnung für "alte" Rassen
Dr. Mareike Fellmin und Dr. Inga Tiemann (v.l.) leiten den Wissenschaftlichen Geflügelhof in Rommerskirchen. Die Vereinten Nationen haben dessen Arbeit 2016 ausgezeichnet. FOTO: Michael Reuter
Der 2004 gegründete Wissenschaftliche Geflügelhof in Rommerskirchen will die genetische Vielfalt von Hühnerrassen bewahren helfen. Von Sebastian Meurer

Das Ei ist nun einmal ein klassisches Symbol für Ostern, und da kann es nicht verwundern, dass gerade in der Zeit vor dem Fest beim Wissenschaftlichen Geflügelhof (WGH) in Rommerskirchen-Sinsteden (Rhein-Kreis Neuss) reger Besucherverkehr herrscht. Fernsehteams waren bereits wiederholt vor Ort, während Schulklassen zu den "Stammkunden" des auch als "Bruno-Dürigen-Instituts" firmierenden Geflügelhofs zählen, wenn es etwa darum geht, Küken beim Schlüpfen "live" zu beobachten. Neben Hühnern sind hier auch Gänse, Enten, Tauben und Puten heimisch. Sie alle legen Eier, davon allein die zehn Hühnerrassen ebenso viele verschiedene Sorten. Essbar sind alle, auch wenn hierzulande bestenfalls das Gänseei gefragt ist - nicht allein zu Ostern indes in ganz weitem Abstand zum Hühnerei. "Gesundheitsschädlich sind auch die anderen Eier nicht", sagt Dr. Mareike Fellmin, stellvertretende Leiterin des WGH. Bei der Frage, ob's schmeckt oder nicht, spielen kulturelle Prägungen und landsmannschaftliche Bräuche ihre Rolle. Von einem aus Sibirien stammenden, ehemaligen Mitarbeiter des Geflügelhofs weiß sie zu berichten, dass er auch Enten- und Taubeneier keineswegs verschmähte.

2004 gegründet, erfreut sich der gleich neben dem Landwirtschaftsmuseum des Rhein-Kreises Neuss liegende WGH (www.Wissenschaftlicher-Gefluegelhof.de) in der Fachwelt höchster Anerkennung. Die bemerkenswerteste Auszeichnung gab es im vergangenen Sommer seitens der Vereinten Nationen: Für den 2013 gestarteten und in diesem Jahr endenden Modellversuch "Genetische Vielfalt beim Haushuhn bewahren" erhielt das Bruno-Dürigen-Institut den Titel "Ausgezeichnetes Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt". Das vom Bund geförderte Projekt soll dazu beitragen, das Erbgut vom Aussterben gefährdeter Hühnerrassen zu sichern. Von denen gibt es derzeit noch mehr als 200, von denen zwölf an dem Modellversuch beteiligt waren. "Bei Hennen ,alter' Rassen ist die Legeleistung nach und nach verloren gegangen. Sie verlieren an Leistung, weil nicht mehr selektiert wird", sagt Mareike Fellmin. Das noch vor 50 bis 60 Jahren in der Region allgegenwärtige rheinische Geflügel "als Hobbyrassen zu erhalten, dürfte kein Problem sein. Sie in die Lebensmittelproduktion zu integrieren, ist jedoch sehr schwierig", betont WGH-Leiterin Dr. Inga Tiemann. "Alte" Geflügelrassen "setzen nicht so viel Fleisch an und brauchen länger. Als Masthähnchen sind sie daher unwirtschaftlich", sagt Inga Tiemann. Ausloten wollen die Wissenschaftler in Sinsteden nun, ob solche Rassen nicht womöglich als Delikatessen "entdeckt" werden könnten: "Ihr Fleisch ist dunkler und viel geschmacksintensiver", gibt Inga Tiemann zu bedenken.

Erstmals wurde bei diesem Projekt in Deutschland eine so genannte "Kryoreserve" angelegt: Dabei wird Hahnensperma in flüssigem Stickstoff tiefgefroren. Das Hahnensperma ist bei der Deutschen Genbank eingelagert. Die wurde 2016 beim Friedrich-Löffler-Institut eingerichtet, das im niedersächsischen Neustadt-Mariensee ansässig ist. Die über Jahrzehnte hinweg haltbare Tiefkühlreserve kann ihren Beitrag dazu leisten, dem Aussterben selten gewordener Rassen entgegen zu wirken.

Zehn Mitarbeiter sind derzeit auf dem WGH beschäftigt. Hinzu kommt eine wechselnde Anzahl von Studierenden: Die Einrichtung hat das knapp 700 Einwohner zählende Sinsteden geradezu zum Universitätsstandort gemacht: Mit der Uni in Bonn verbindet den WGH ein offizieller Kooperationsvertrag, bei der in Köln gibt es einen Lehrauftrag und zur Uni in Düsseldorf bestehen gleichfalls gute Kontakte. Fündig werden können beim WGH übrigens auch Privatleute: Immer mal wieder sind dort Hühner abzugeben. "Wir suchen derzeit händeringend ein neues Zuhause für einige Shabos", erzählt Inga Tiemann. Erfahrungsgemäß sind es insbesondere Familien mit kleinen Kindern, die sich dafür interessieren, Hühner zu halten.

Quelle: RP
 
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