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Unkrautvernichtungsmittel
Die wichtigsten Antworten zu Glyphosat in Bier

Glyphosat im Bier: Woher kommen die Pestizide?
Glyphosat ist das am häufigsten eingesetzte Unkrautvernichtungsmittel auf deutschen Äckern - und höchst umstritten. FOTO: Fotokostic/ Shutterstock.com
Düsseldorf . Das Umweltinstitut München hat 14 der beliebtesten Biersorten auf das Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat untersucht. In allen Produkten wurden Rückstände gefunden. Einige der Brauereien stammen aus NRW. Was Sie jetzt wissen müssen. Von Susanne Hamann und Jessica Kuschnik

Der Deutsche trinkt im Schnitt 107 Liter Bier pro Jahr. Eine aktuelle Untersuchung dürfte so manchem jedoch die Lust darauf verderben. Denn laut dem Umweltinsitut München  sind viele Biere mit Glyphosat belastet. Experten streiten seit Jahren darüber, ob dieses krebserregend ist. Die EU diskutiert Anfang März über dessen Wiederzulassung.

Was ist Glyphosat?

Es ist der am häufigsten eingesetzte Herbizidwirkstoff in Deutschland. Rund 5.400 Tonnen werden jährlich eingesetzt. Es kam 1974 auf den Markt und wird zum Schutz etlicher Pflanzen eingesetzt, unter anderem im Weinbau, bei Kartoffeln und vielen weiteren Feldfrüchten, im Obstbau und bei Getreide. Glyphosat steckt in Hunderten Pflanzenschutzmitteln und wird unter verschiedenen Handelsnamen vertrieben.

Warum haben die Wissenschaftler Bier darauf getestet?

Deutsches Bier wird nach dem Reinheitsgebot gebraut. Enthalten darf es nur Wasser, Hopfen, Malz und Hefe. Anlässlich des 500. Jubiläums hat das Umweltinstitut München nach eigenen Angaben stichprobenartig Biere auf eben diese Reinheit untersucht. Dafür wurden zufällig verschiedene Flaschen aus Chargen der 14 absatzstärksten Bierprodukte aus dem Jahr 2015 untersucht.

Zu welchen Ergebnissen kam die Untersuchung?

Alle Produkte enthielten Glyphosat. Die Werte lagen zwischen 0,46 und 29,74 Mikrogramm pro Liter und damit um bis zu 300-fach über dem gesetzlichen Grenzwert für Trinkwasser (0,1 Mikrogramm pro Liter).

Ist Glyphosat gesundheitsschädlich?

Im Juli 2015 stufte die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) der Weltgesundheitsagentur Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend" ein. Die Bewertung erfolgte auf der Basis von mehr als 200 Studien und wissenschaftlichen Bewertungen. Das bedeutet, dass der Wirkzusammenhang nicht gewiss ist, Wissenschaftler des IARC verweisen jedoch auf Tierversuche, die Hinweise auf Erbgut verändernde Prozesse geben.

Demgegenüber steht die Einschätzung des Deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Dieses kommt nach der Einschätzung verschiedener Studien zu dem Ergebnis, "dass nach derzeitiger wissenschaftlicher Kenntnis bei bestimmungsgemäßer Anwendung von Glyphosat kein krebserzeugendes Risiko für den Menschen zu erwarten ist". Demnach werde die toxische Wirkung nur durch eine sehr hohe Dosis von Glyphosat ausgelöst. Entsprechend sieht das BfR keine Gefahr für die Gesundheit der Verbraucher. "Um gesundheitlich bedenkliche Mengen von Glyphosat aufzunehmen, müsste ein Erwachsener an einem Tag rund 1000 Liter Bier trinken." Das Problem: Glyphosat-Rückstände finden sich in vielen anderen Lebensmitteln. Damit summiert sich die Belastung.

Wie kommt das Glyphosat ins Bier?

Das ist bislang noch unklar. Möglich ist der Weg über das Brauwasser. Wahrscheinlich ist das jedoch nicht, weil Brauwasser auf Trinkwasser basiert, für das strenge Grenzwerte für Glyphosat bestehen. Wahrscheinlicher ist, dass das Glyphosat als Spritzmittel für die Braugerste eingesetzt wird.

Woher kommt die belastete Gerste?

Der Deutsche Bauernverband (DBV) sieht das Problem bei den Importen, ebenso wie Bernhard Rüb von der Landwirtschaftskammer NRW. "Bis zu 50 Prozent der Gerste kommt aus dem Ausland", sagt er. Dort seien die Pflanzenschutzgesetze nicht so streng wie in Deutschland. Rüb erklärt, dass es vor 30 Jahren in NRW mehr als 6000 Hektar Anbaufläche für Braugerste gab. Heute seien es 3500 Hektar. Die Importware komme aus Osteuropa, Frankreich, Dänemark und sogar aus Südamerika. Zwar könnten die Landwirte in NRW ausreichend Anbaufläche für Braugerste anbieten, die nicht mit Glyphosat belastet ist, so Rüb – doch das sei eine Frage des Preises.

Was sagt das NRW-Umweltministerium?

Minister Johannes Remmel macht deutlich, dass Glyphosat "weder in Wasser und Boden noch in unseren Lebensmitteln etwas verloren" hat. Man habe bereits 2014 geregelt, dass Glyphosat auf öffentlichen Freiflächen in NRW nicht mehr benutzt wird. Die Bundesregierung dagegen ignoriere die Einschätzung der WHO und wolle Glyphosat weiter zulassen. "Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt muss endlich handeln."

Was sagen die Brauereien dazu?

Der Deutsche Brauer-Bund (DBB) weist den Vorwurf, die Brauereien würden ihre Rohstoffe nicht ausreichend kontrollieren, "als absurd und völlig haltlos" zurück. Der DBB habe ein Monitoringsystem, welches zeige, "dass die gemessenen Werte stets deutlich unter den Höchstgrenzen liegen". In Deutschland sei der Einsatz von Glyphosat beim Anbau von Getreide zu Brauzwecken nicht zugelassen. Gleichwohl könne nicht ausgeschlossen werden, dass Rückstände in Importware sei. Schuld sei die deutsche Landwirtschaft, die "allein nicht in der Lage ist, den Braugerstenbedarf deutscher Brauereien zu decken".

Verstoßen die Brauereien gegen Gesetze?

Es gibt Grenzwerte für Trinkwasser, jedoch keine für Bier. Somit ist die Studie aus München zwar für den Verbraucher als Vergleichswert interessant. Der DBB bezeichnet diesen Vergleich aber als unzulässig. Laut dem Naturschutzbund variieren die Glyphosat-Grenzwerte bei landwirtschaftlichen Produkten generell. In Sojabohnen und Gerste liegt er bei 20 Milligramm pro Kilo, bei Waldpilzen bei 50 Milligramm.

Wird es Gesetzesänderungen geben?

Am 7. oder 8. März sollen die EU-Mitgliedstaaten in Brüssel über die Wiederzulassung von Glyphosat entscheiden. Dabei geht es aber nicht um Grenzwerte. Stimmen die EU-Mitgliedstaaten der Zulassung zu, gilt diese für weitere 15 Jahre.

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