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Bauer Willi packt aus
"Heute habe ich dermaßen die Schnauze voll"

Die Top Ten der gesündesten Gemüsesorten
Die Top Ten der gesündesten Gemüsesorten FOTO: Ildi Papp /Shutterstock.com
Düsseldorf . Man liest es immer wieder: Die Lebensmittel sind so billig geworden, dass die Bauern nichts mehr verdienen. Aber ob das wirklich so ist, weiß gleichzeitig niemand so recht. Jetzt hatte ein Bauer den Mut, auszupacken: In einem offenen Brief, rechnet er mit seinem Leben und dem Konsumenten ab - und schürte heftige Reaktionen. Von Susanne Hamann

Die Online-Community "Frag doch mal den Landwirt" umfasst rund 150 Landwirte, die auf einer Internetseite und auf Facebook Antworten rund um das Thema Landwirtschaft geben. Damit wollen sie den Verbraucher aufklären und einen Blick hinter die Kulissen gewähren. Bauer Willi hat diese Möglichkeit genutzt. Aber nicht irgendwie -  sondern ganz bewusst unzensiert - denn Bauer Willi hat die Schnauze voll:

Heute habe ich dermaßen die Schnauze voll. Habe heute Morgen die Abrechnung meines Nachbar von Pommes-Kartoffeln außerhalb des Vertrages gesehen: 1 LKW = 25 t = 250 €. Für die, die nicht rechnen können: das ist 1 Cent pro Kilogramm! Und was 1 Kilo Tiefkühl-Pommes kostet, wisst ihr ja. Irgendeiner macht sich da gewaltig die Taschen voll. Dann habe ich im Internet die Preise an der MATIF für Getreide und Raps für 2015 gesehen. Und gelesen, dass die Hersteller von Dünger die Preise deutlich angehoben haben. Konsequenz: mir werden in diesem Jahr wohl 25% Gewinn fehlen werden. Wenn´s reicht! Aber mir reicht´s! Drum habe ich mich entschlossen, dir, dem Verbraucher diesen Brief zu schreiben:

Billig

Du, lieber Verbraucher, willst doch nur noch eines: billig. Und dann auch noch Ansprüche stellen! Deine Lebensmittel soll genfrei, glutenfrei, lactosefrei, cholesterinfrei, kalorienarm (oder doch besser kalorienfrei?) sein, möglichst nicht gedüngt und wenn, dann organisch. Aber stinken soll es auch nicht, und wenn organisch gedüngt wird, jedenfalls nicht bei dir. Gespritzt werden darf es natürlich nicht, muss aber top aussehen, ohne Flecken. Sind doch kleine Macken dran, lässt du es liegen. Die Landschaft soll aus vielen kleinen Parzellen bestehen, mit bunten Blumen und Schmetterlingen. Am liebsten wäre es Dir wahrscheinlich, wenn wir noch mit dem Pferd pflügen würden. Sieht doch so nett aus und Pferde findest du so süß! Und die Trecker würden dich auch nicht beim Joggen auf unseren Wirtschaftswegen behindern.

Null Ahnung

Du hast keine Ahnung und davon ganz viel. Ist dir eigentlich bewusst, dass wir Landwirte von unserer Hände Arbeit leben müssen? Dass auch wir Anspruch auf Urlaub haben, (den wir selten genug machen), dass auch wir Kinder haben, die genau wie deine, ein Smartphone haben wollen und Designerklamotten? Und studieren wollen? Wie sollen wir das den leisten, wenn wir unsere Produkte verramschen (müssen)?

Erkläre du mir mal, wie ich anders reagieren kann, als mit noch mehr ausgefeilter Technik einen noch höheren Naturalertrag zu erwirtschaften. Klar kann ich auf Bio umstellen, aber da bekomme ich genau das an Mehrerlös, was ich an Minderertrag habe. Und von einem "guten Gefühl" allein kann ich nicht leben. Darüber lässt sich gut reden, wenn man davon keine Familie ernähren muss.

Formulare

Und was mir noch gewaltig auf den Zeiger geht: Für jeden Scheiß, den ich mache, kann ich ein Formular ausfüllen, werde von Satelliten überwacht ob meine Feldgrenze auch auf den Zentimeter genau eingehalten wird, muss jedes Kilo Dünger aufschreiben, damit das von Kontrolleuren nachgerechnet werden kann. Dafür, dass meine Produkte auf Rückstände untersucht werden, bezahle ich selbst. Natürlich findet man nichts, aber ist ja Vorschrift. Wie bei BSE damals. (...)

Regional

Du sagst, du würdest regional einkaufen? Stimmt doch nicht! Wer kauft denn jetzt, im Januar (!) die Weintrauben aus Chile, den Spargel aus Südafrika, die Mangos aus Brasilien und Äpfel aus China? Du doch! Sonst würden die beim REWE das längst nicht mehr anbieten. Aber unsere Möhren bleiben liegen. Schon mal was von Wirsing gehört, oder Weißkohl? Nein, Artischockenherzen müssen es sein. Falls du dein Essen überhaupt noch selbst zubereitest! Es gibt in der Tiefkühltheke ja so viele leckere Fertiggerichte mit so viel leckeren Zutaten wie E 222 = Natriumhydrogensulfit oder E 310 = Propylgallat. Da klingt ja schon der Name eklig.

Qualität

Auch sonst behauptest du viel: dass Du auf Qualität achtest, dir die Inhaltsstoffe auf der Packung jedes Mal durchliest, auf Nachhaltigkeit achtest und überwiegend fair einkaufst. Alles Quatsch: was du liest sind die Wurfzettel vom Discounter: 10 Eier für 1 Euro. Jetzt aber schnell los, bevor die weg sind. Freiland-Eier sind teurer? Egal, die billigen sind ja nur zum Backen.

Gefühl

Warum ich das schreibe? Um dir mal ein Gefühl für meine Situation zu vermitteln. Gefühle sind etwas irreales, da gibt es kein richtig oder falsch. Die hat man einfach. Aber das mir manchmal die Lust an meinen Beruf vergeht, kannst Du jetzt vielleicht etwas nachvollziehen. Ich weiß auch, dass wir Landwirte keine Heiligen sind, dass es da auch schwarze Schafe gibt. Aber auch nicht alle Ärzte sind Pfuscher, nicht alle Handwerker Gauner, nicht alle Politiker korrupt und nicht alle Polizisten Schläger. Wir Landwirte wirtschaften aus eigenem Interesse nachhaltig. Das brauchen wir uns von keinem noch so klugen Politiker, noch so schlauem Journalisten oder irgendeinem ahnungslosen Verwaltungsfuzzi sagen zu lassen. Die bekommen ihr Gehalt nämlich jeden Monat, ohne unternehmerisches Risiko. (...)

Bauer Willi ist frustriert. Und wie ihm geht es sicher vielen Landwirten. Er will seinen Hof und die Äcker für die nächste Generation erhalten. Er will nicht, dass am Ende die meisten Produktionsstätten nach Asien verlegt werden. Und er will weiter machen Zuhause. Auf seinem Hof aus eigener Kraft. Wenn man ihn lässt.

Wie groß der Diskussionsbedarf an dieser Stelle ist, zeigen die Reaktionen. Bauer Willis Brief wurde inzwischen fast 160.000 Mal gelesen, und es wurden über 300 Kommentare geschrieben. In einem Interview mit dem Magazin Enorm sagte Willi, andere Bauern fanden seinen Brief zwar überzeichnet, wären aber froh gewesen, dass endlich mal jemandem der Kragen geplatzt ist. 

Trotzdem hat Bauer Willi noch eine Entschuldigung hinterhergeschickt. Denn eines hat auch er aus dieser Aktion gelernt, sagt er in dem Interview: vor allem Hartz-IV-Empfänger haben keine andere Wahl. Und da fand er die Pauschalisierung aller Verbraucher dann doch unfair und ungerecht. Also setzte Bauer Willi  noch einmal an:

"Lieber Verbraucher, ich bin vielleicht doch etwas über das Ziel hinausgeschossen. Aber es gibt Tage, da bekommt man nur schlechte Nachrichten und gestern war so einer", sagt er in einem zweiten Eintrag. Und gibt zu, auch er sei Verbraucher und lasse sich in der Non-Food-Abteilung von billigen Angeboten verführen.

Seine Nachricht aber bleibt klar und eindeutig: "Kauft unsere Produkte. Kauft sie frisch und werft nicht so viel weg. Unsere Produkte sind gut, werden aufwendig kontrolliert und wurden mit Vernunft, ja, mit Liebe produziert. Sie sind ihr Geld wert."

 

 

 
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