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"Ugly Foods" im Handel
"Kunden müssen lernen, dass krumme Gurken schmecken"

Verbraucherzentrale NRW: Die Möhre darf einen kleinen Knick haben
Haben "Ugly Fruits" im Handel eine Chance? FOTO: dpa, pil cul lof
Düsseldorf. In deutschen Supermärkten kommt meist nur Obst und Gemüse in den Verkauf, was nahezu perfekt aussieht. Bei einer großen Supermarktkette ändert sich das jetzt. Frank Waskow, Lebensmittelexperte der Verbraucherzentrale NRW, erklärt im Interview, was er davon hält. Von Tanja Karrasch

Herr Waskow, die Supermarktkette "Penny" der Rewe Group will krummes Gemüse in die Regale bringen. Das soll genauso viel kosten wie die schöne Ware. Was hält die Verbraucherzentrale davon?

Waskow Wir finden, es ist erst mal ein gutes Anliegen, um zu verhindern, dass die Lebensmittel im Müll landen. Oftmals liegt es ja nicht mal am Aussehen oder der Form, sondern schlicht an der Größe. Ob die Konzepte allerdings geeignet sind, wissen wir nicht. 

Wie meinen Sie das?

Waskow Der Gedanke ist ja nicht neu. Vor ein paar Jahren hat zum Beispiel Edeka auch die sogenannten "Ugly fruits" eingeführt. Die wurden dann in einer gesonderten Kiste günstiger verkauft. Die Neuheit wurde groß angekündigt, das war ein schöner Marketing-Gag. Und nach drei Wochen ist das Angebot dann sang- und klanglos wieder verschwunden. Die Gründe dafür wurden nicht mitgeteilt. Die bisherigen Konzepte waren also nicht dauerhaft ausgelegt. Die Supermärkte müssten so flexibel sein, auch umzudenken, wenn es nicht direkt von Anfang an funktioniert. 

Edeka hat als Begründung genannt, das Angebot seitens der Erzeuger sei geringer gewesen als erwartet, da es bereits andere funktionierende Vermarktungswege gibt.

Waskow Das wundert mich, denn im Rheinland gibt es zum Beispiel viele Möhrenanbauer. Und bei denjenigen, die an Ketten liefern, bleibt viel zurück. Schon aus dem Grund, da die Möhren in Plastikschalen verkauft werden. Das ist ein Verpackungsproblem. Die Möhren, die auch nur einen Millimeter zu groß sind, fliegen raus. Man müsste nur bereit sein, die Möhren in Tüten zu verpacken, dann könnte man an dieser Stelle flexibler sein. Ich kann mir also nicht vorstellen, dass es da nicht genügend Angebote gibt. 

Frank Waskow ist Experte in Ernährungsfragen bei der Verbraucherzentrale NRW. FOTO: Verbraucherzentrale NRW

Glauben Sie, die Verbraucher wären hässlichem Gemüse gegenüber toleranter, als es ihnen die Supermärkte zutrauen? 

Waskow Es ist zumindest einen Versuch wert. Ich glaube, der Verbraucher ist da schon toleranter, aber seit 30 Jahren ist in den Supermärkten alles immer nur schön. Der Verbraucher wurde ja so erzogen, er weiß gar nicht mehr wie Obst und Gemüse aussieht, wenn es am Baum hängt. Und der Handel traut sich nicht mehr, etwas anderes anzubieten – aus Angst, dass am Ende alles liegen bleibt. 

Sollten denn dann nicht andere Supermärkte mitziehen und auch krumme Möhren anbieten? Es noch mal versuchen? 

Waskow Ja, das wäre wünschenswert. Allerdings haben die bisherigen Konzepte, bei denen die krummen Möhren oder die kleinen Äpfel gesondert zum halben Preis angeboten wurden, eventuell falsche Signale gesendet. Die wurden unlieb in eine Kiste geschmissen und den Verbrauchern wurde vermittelt: "Hier sind die Sachen von der Resterampe". Ich denke da geht der Handel nicht sensibel genug mit um, die Lebensmittel sind ja nicht weniger wert. 

Aber wenn es keinen Preisvorteil gibt, greift der Verbraucher dann nicht automatisch zu den schöneren Äpfeln oder Gurken?

Waskow Das bleibt das Problem. Die Alternative ist, die Qualitätsanforderungen im Handel schrittweise wieder etwas herunterzufahren. Die Verbraucher müssen wieder lernen, dass eine Möhre auch einen kleinen Knick haben darf. Dass auch eine krumme Gurke schmeckt. Aber es wird nicht einfach, die "Ugly fruits" zu vermarkten. Ich freue mich, dass Penny es versucht. Die anderen haben mir da zu schnell aufgegeben. 

Wie könnte diese Vermarktung denn aussehen?

Waskow: Da müsste sich ein professioneller Marketingmensch dransetzen. Ich bin mir sicher, dass man unter dem Ansatz, Lebensmittelabfälle zu vermeiden, einen Teil der Verbraucher dafür gewinnen kann, wenn der Handel es anbietet. Das ist ein Lernprozess auf beiden Seiten.

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