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"Zero Waste"
In diesem Glas stecken zwei Jahre Müll

"Zero Waste": In diesem Glas stecken zwei Jahre Müll
FOTO: Phil Ninh
Bochum. Kaum jemand produziert so viel Abfall wie wir Deutschen. Eine 31-jährige Bochumerin will das ändern – und zwar radikal: Das Ziel von Shia Su heißt "Zero Waste", Null Müll. Sie ist ganz kurz davor, es zu erreichen. Von Ludwig Krause

617 Kilogramm. So viel wiegt ein großes Pferd oder ein Wohnwagen. 617 Kilogramm schwer ist aber auch der Haufen, den im Schnitt jeder von uns an Haushalts- und Verpackungsabfällen produziert, Jahr für Jahr. Nur drei Länder in Europa verursachen mehr Abfall: Luxemburger und Zyprer sind auf unserem Level, die traurige Spitzenposition besetzen die Dänen mit 747 Kilo. Länder wie Rumänien und Estland bleiben derweil unter der 300-Kilo-Grenze. Die Erklärung für diese Differenz ist einfach: Wo viel konsumiert wird, fällt auch viel Müll an.

Damit will sich Shia Su nicht zufrieden geben. Die 31-Jährige aus Bochum hat gemeinsam mit ihrem Ehemann eine Alltags-Revolution gestartet. Entzündet hat sich der Funke im September vergangenen Jahres. "Ich bin bei einer Facebook-Gruppe für Veganer auf einen Fernsehbeitrag über Bea Johnson gestoßen. Das hat mich sofort fasziniert", sagt Su. Johnson (41), eine hübsche Frau, lebt mit ihrer Familie in einem ebenso hübschen Haus in Kalifornien. Der Unterschied zu ihren Nachbarn: Seit 2008 produzieren Johnson und ihre Familie praktisch keinen Abfall mehr. "Zero Waste" lautet das große Ziel. Null Müll.

"Nicht nur, dass sie Zero Waste lebt, sie wirkt dabei auch noch so anschlussfähig", sagt Shia Su. "Weil sie ein schönes Haus hat, weil sie Lebensqualität demonstrieren kann. Dass sie wirklich nicht irgendwo im Wald lebt und es trotzdem funktioniert."

Auch Recycling-Produkte sind oft in Plastik verpackt

Auch schon bevor sie Zero Waste entdeckt hat, hatte die Bochumerin versucht, nachhaltig zu leben. Zunächst als Vegetarierin, dann als Veganerin. Ihr veganer Back-Blog "Cake Invasion" erreicht Tausende Leser am Tag. Su hat immer neue Tücken entdeckt: "Ich habe viele Sachen aus der Bio-Abteilung gekauft, das Klopapier oder Taschentücher aus Recycling-Papier. Dabei übersieht man, dass auch eingepackt ist. Ich habe immer noch nach zu vielen Einwegwaren wie Wattepads gegriffen. Meine waren zwar aus Bio-Baumwolle, aber auch die mussten weggeschmissen werden." Bis zum September vergangenen Jahres. "Das war eine große Umstellung und eine ganz große Sache für mich. Das hat unseren Alltag komplett umgekrempelt."

Am deutlichsten wird das in ihrer Wohnung: Wo früher Verpackungen in den Regalen standen, sind die Lebensmittel jetzt in Gläsern abgefüllt. Mülleimer wie in anderen Wohnungen sucht man vergebens. Dafür hat sich das Paar eine Wurmkiste angelegt – ein geruchsloser Zimmerkompost. "Die meisten realisieren anfangs gar nicht, wie weitgreifend das ist. Die halten einen dann für ein bisschen öko, das wussten die Leute in meinem Umkreis ja eh schon", sagt Shia Su.

Dabei gehe es nicht einfach darum, Produkte, die Müll verursachen, gegen solche zu ersetzen, die keinen Abfall abwerfen. "Das kann man sicher so machen, aber das ist für mich nicht Sinn und Zweck der Sache. Zero Waste ist eine Art zu leben, bei der man sein Konsumverhalten grundsätzlich zurückschraubt", sagt sie. 80 Prozent ihrer Kleidung ist aus dem Schrank verschwunden. "Ich weiß: Ich habe sieben T-Shirts. Dafür passt alles zusammen. Bisher hat mich noch keiner angesprochen, dass ich immer die gleichen Sachen trage", sagt die 32-Jährige. "Die meisten Leute haben so viele Kleider im Schrank, die kann man gar nicht alle anziehen."

"Ich bin ein eitles Stück"
 
Waschmittel, Zahnpasta oder Spülmittel stellt Su selbst her, ihre Haare wäscht sie mit Roggenmehl, auch waschbare Wattepads aus ungeblichener Fairtrade BIO-Baumwolle hat sie genäht. Statt Papiertaschentüchern werden Stofftaschentücher benutzt. Die fünf verschiedenen Chemiereiniger sind Essigreiniger gewichen. Ein Esslöffel wird mit Wasser vermischt, das mache ebenfalls tadellos sauber, sagt Su.

Bei manchen Dingen fällt die Umgewöhnung aber schwer. "Make-Up ist eine Schwäche von mir. Außerdem habe ich grellbunte Haare, die ich mir selber färbe." Der Frisör nutzt dafür immer Alufolie, die danach im Müll landet. "Ökologischer ist natürlich, sich die Haare gar nicht zu färben", räumt Su ein. "Man lernt sich eben sehr gut kennen. Ich wusste vorher nicht, dass ich so ein eitles Stück bin."

Lebensqualität habe sie aber nicht eingebüßt, sagt die Bochumerin. Ganz im Gegenteil: "Wir finden, dass wir unheimlich an Lebensqualität gewonnen haben. Früher hatte ich unzählige Cremes und Lotionen. Ständig war etwas leer, ständig musste ich in die Drogerie rennen. Die Zeiten sind vorbei. Auch die Schränke leeren sich. Unsere Wohnung hat insgesamt 65 Quadratmeter Fläche, so viel brauchen wir eigentlich auch nicht mehr. Darum wollen wir uns demnächst noch verkleinern."

Shia Su vergleicht die Umstellung ihres Lebens mit jener auf ein neues Computer-Betriebssystem. "Am Anfang muss man sich orientieren, es einrichten und nach seinen Bedürfnissen anpassen. Das ist alles Arbeit, die man einmal reinstecken muss. Aber irgendwann läuft das, man muss sich keine Gedanken mehr machen und es passt zu einem."

Mit Einmachgläsern und Trichter zum Supermarkt

Weniger Kleidung, eine kleinere Wohnung, auch sein Auto hat das Paar verkauft. So bleibt am Ende des Monats deutlich mehr vom Geld. "Wir haben immer gedacht, dass wir es uns nie leisten könnten, alles in Bio zu kaufen. Die Zeiten sind vorbei." Ebenfalls vorbei sind die Zeiten, in denen sie durch den Supermarkt gelaufen sind und nach allem gegriffen haben, was man eben so braucht.

Heute läuft ein Einkauf anders ab: "Wir packen unsere Gläser in einen Beutel mit Fächern, der eigentlich für Pfandflaschen gedacht ist. Die Gläser mussten wir nicht extra kaufen, das sind ganz gewöhnliche Rotkohlgläser, die man sonst in den Glasmüll schmeißen würde." Damit geht die 31-Jährige zur Kasse und lässt sie abwiegen. Mit einem Folienstift wird das Gewicht auf die Gläser geschrieben. "Die Waren füllen wir dann mit einem Trichter in die Gläser." An der Kasse wird dann nochmal gewogen und das Gewicht des Glases abgezogen.
 
Wirklich darauf eingestellt sind die Geschäfte aber nicht. "Sie haben vielleicht mal durch den 'Unverpackt'-Laden in Berlin davon gehört. Normalerweise sind wir aber immer die ersten, die es in ihrem Geschäft ausprobieren", sagt Shia Su. Manchmal scheitert es daran, dass an den Kassen nicht das Gewicht der Gläser abgezogen werden kann. Häufig hilft aber ein wenig Charme. Auch bekommt man im Asia-Shop losen Tofu, beim persischen Supermarkt unverpackte Oliven direkt ins Glas. "Beim Bäcker mit eigener Backstube haben wir auch schon gefragt, ob man etwas Backpulver oder Mehl direkt kaufen kann. Das ist zwar sehr seltsam für sie. Aber sie werden neugierig und man kommt ins Gespräch. Wenn man ganz normal im Supermarkt einkaufen geht, erlebt man das nicht."

Restlos auf Müll zu verzichten gelingt Shia Su aber noch nicht. "Manche grundlegende Produkte wie Mehl, Gewürze, Salz oder Zucker bekommt man einfach nicht unverpackt." Verpackungsfreie Supermärkte lassen sich an einer Hand abzählen. Der bekannteste steht in Berlin, in Nordrhein-Westfalen ist Bonn Vorreiter. "Unser Bioladen hat endlich eine Müsli-Theke, da bekommen wir jetzt Haferflocken oder Nüsse zum selber abpacken." Ansonsten müssen auch Su und ihr Mann noch Müll produzieren – gegen ihren Willen. "Man kauft Buchweizenmehl aus dem Bioladen in einer Papierverpackung und wenn man es aufmacht, ist da eine kleine Plastiktüte drin. Das weiß man dann fürs nächste Mal, dieses Mal aber fällt eine Plastiktüte als Müll an. Dumm gelaufen."

Dabei ist schon das Papier Müll, auf den das Paar gerne verzichten würde.

Eine New Yorkerin lebt vom "Zero Waste"-Erklären

Von ihrem Ziel bringt das Shia Su nicht ab. "Wenn ich einkaufe, rede ich immer viel mit den Leuten. Außerdem baue ich gerade den Blog 'Wasteland Rebel' auf, der sich um das Thema Zero Waste dreht. Vielleicht kann man dadurch ein bisschen was bewegen."
 
Lauren Singer ist schon weiter. Die 24-Jährige sorgt derzeit in New York mit Zero Waste für Aufsehen. In der Metropole ohne Müll auszukommen, würden viele für unmöglich halten, erklärt die junge Frau in ihrer Wohnung, die ebenso aus dem Einrichtungskatalog stammen könnte wie das Haus von Familie Johnson in Kalifornien. Singer tritt in Fernsehshows auf, vertreibt Zero-Waste-Produkte, gibt Anleitungen zum Herstellen von Pflegemittelchen.

Kalifornien. Bochum. New York. Immer mehr Menschen beweisen, dass es anders geht. Fotos, die Lauren Singer in Trend-Mode aus dem Second-Hand-Laden zeigen, bekommen Tausende "Gefällt Mir"-Häkchen. Ein Bild aber schlägt die anderen um Längen. Es zeigt nur ein Marmeladenglas, darin ein paar zerknautschte Zettel und Plastikschnipsel. Unter dem Bild steht: Mein Müll der vergangenen zwei Jahre.

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