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Alte Traditionen hinter neuen Mauern

Die Badehäuser an den Kärntner Seen haben eine lange Tradition - schon vor mehr als 100 Jahren kamen die Reichen und Schönen zur Sommerfrische. Von Verena Wolff

Früher ging es etwas rabiater zu beim Projekt Schwimmenlernen: Die Damen und Herren - man lernte Schwimmen erst im Erwachsenenalter - bekamen einen Strick um den Bauch gebunden, und dann ging es hinein in den Wörthersee. Auf der einen Seite die Herren, auf der anderen die Damen. Nach Geschlechtern wurde streng getrennt. Allerdings: Die Herren hätten ohnehin nicht viel zu sehen gehabt, denn die Damen gingen mit langen Gewändern ins Wasser, was die Fortbewegung nicht einfacher machte. Ort des Geschehens waren die großen und teils recht prunkvollen Badehäuser an den Seen in Kärnten im Süden Österreichs - allen voran das Badehaus in Pörtschach am Wörthersee.

Das geräumige Gebäude mit seinen zwei Flügeln, Türmchen und einem Mittelbau steht auf insgesamt 350 Lärchenholz-Pfählen. Entworfen hatte es der Architekt Josef Victor Fuchs, erbaut wurde das Holzhaus direkt am Seeufer im Jahr 1895. Hier waren die besten Schwimmlehrer des Landes angestellt. Die mehrfache Schwimm-Europameisterin Heidi Bienenfeld-Wertheimer richtete gar zusammen mit ihrem Mann Scigo Wertheimer große Wettbewerbe aus, zu denen die österreichische und europäische Elite an den Start ging.

Auch schon vor mehr als 100 Jahren ging es um den Wellness-Gedanken in dem Haus am See, das so viel mehr war als eine Badeanstalt. Masseure und Gymnastiklehrer sorgten dafür, dass es den Gästen gut ging. Doch mit der Zeit gab es immer mehr öffentliche Schwimmbäder - und die Leute lernten nicht mehr mit Hilfe eines Stricks schwimmen. Zwar wurde das Badehaus 1987 unter Denkmalschutz gestellt, aber es hatte keine rechte Funktion mehr und verfiel langsam. Doch dann beschlossen die Betreiber des "Werzer's Hotel" nebenan, zu dem das Badehaus gehört, es zu renovieren. Heute hat es ein beheiztes Bad im See und einen Beachclub, in dem man, hochmodern, chillen und loungen kann - man genießt die Sonne und schaut dem Treiben auf dem Wörthersee zu. Doch das Badehaus ist nicht nur im Sommer ein beliebter Ort, um schnell in den See zu hüpfen. Im Winter bleiben Schnee und Kälte draußen, während die Gäste in der Sauna schwitzen.

Nicht nur in Pörtschach ist man weiterhin von der Idee eines Badehauses überzeugt. Auch am Ufer des Millstätter Sees können Schwimmer und Genießer einen ganzen Tag in "Kärntens 1. Badehaus" verbringen. Dieses allerdings ist neu gebaut, ein Niedrigenergiehaus mit viel Holz und einer großen Wiese, die flach in den See abfällt. Geschäftsführer Alexander Thoma findet, die Idee der Badehäuser ist heute genauso aktuell wie vor mehr als 100 Jahren. "Früher kamen die wohlhabenden Menschen und die Aristokraten zur Sommerfrische an die Seen", sagt er.

Entschleunigung war schon damals angesagt, man schwamm, wanderte, verbrachte Zeit in der Natur - alles gemütlich, in gemäßigtem Tempo. "Und genau das brauchen die Menschen heute auch wieder", sagt Thoma. Darum bleibt die Hektik draußen - das Strandbad ist nebenan, dort ist deutlich mehr Trubel. Im Badehaus: Saunen, Dampfbäder, viele Möglichkeiten, sich einfach hinzulegen und den Blick auf den See zu genießen. Draußen: ein Infinity-Pool, der aussieht, als würde er in den dunklen Millstätter See abfallen. Und ein eigener See-Zugang.

Doch nicht nur die imposanten öffentlichen Badehäuser haben in Österreichs Süden Tradition. Wer mit dem Elektroboot über den Millstätter See oder den Wörthersee gleitet, sieht an manchem Grundstück ein kleines Häuschen, direkt am Wasser. Manchmal ist es von einem Garten eingefasst, manchmal führt ein hölzerner Steg vorbei. Während manche Häuser ganz simpel gehalten sind, haben sich an anderen allem Anschein nach Architekten mit ihren kühnsten Ideen ausgetobt. Aber immer sind sie eines: private Badehäuser.

Auch Hotelier Gottlieb Strobl kennt das eine oder andere Haus am Ufer des Millstätter Sees - und er weiß, wer die teils prominenten Besitzer sind. Regelmäßig fährt er mit seinen Gästen in aller Frühe zum Buchtenwandern vom Schillerstrand über den See zum noch recht wilden Südufer und erzählt dabei nicht nur über die Mysterien des Sees, sondern auch über die Eigenheiten der hölzernen Ruderboote, die er selbst baut - und eben über die Häuser, die die Ufer des Sees säumen.

Quelle: RP
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