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Antarktis
Jenseits der bekannten Welt

Per Expeditionsschiff durch das Eis
Per Expeditionsschiff durch das Eis FOTO: dpa, zeh
Entweder war er vom Glück beseelt oder unfassbar wütend, als der Allmächtige die Antarktis schuf. So schön, so garstig, dieses Land, dieses Eis, dieses Nichts! Wem der Mond zu langweilig ist, dem sei ein Trip ins Südpolarmeer empfohlen. Von Björn Lange

Drei Dinge braucht der Mensch, der an Bord eines Expeditionsschiffes geht, um ins ewige Eis zu gelangen: Geld, Gottvertrauen und gute Mittel gegen Seekrankheit. Die beiden letzteren sind unerlässlich für die Durchquerung der 815 Kilometer langen Drake-Passage von Ushuaia bis zu den nördlichsten Ausläufern der Antarktis. Zu viele Menschen haben in dieser oft grausam schäumenden Wasserstraße ihr Leben gelassen. Sie bildet eine natürliche Hürde, die jeder nehmen muss, der ins eisige Reich vordringen will. "It's part of the game", sagt der norwegische Kapitän Rune Andreassen, der das Schiff aus der Hurtigruten-Flotte hier schon mehr als einmal durch 18 Meter hohe Wellentürme gesteuert hat. Wir, die rund 220 Passagiere der MS Fram, haben Glück: Diesmal sind es nur sechs bis sieben Meter hohe Wellen. Ein paar Dinge fliegen durch die Kabine. Aber wer sich ordentlich betäubt und ins Bett legt, den erwartet Großartiges.

Nach etwa 36 Stunden Fahrt ist der erste Eisberg voraus, knapp zehn Stunden später endlich Land in Sicht - die südlichen Shetlandinseln. Kleine, aber sehr stabile "Polarcirkel"-Boote bringen jeweils acht Passagiere an Land der Halbmondinsel und in eine andere Welt. Wir sollen uns den mehreren Hundert Zügelpinguinen nicht weiter als fünf Meter nähern, aber die Tiere halten sich nicht daran. Einige neugierige Exemplare tapsen bis auf wenige Zentimeter an ihre Besucher heran, zupfen mit ihren Schnäbeln an einer Lasche oder einem Hosenbändchen und verlieren dann wieder das Interesse. Auf den ersten Blick führen sie ein entbehrungsreiches Leben in der kargen Ödnis, doch die Färbung ihres Kots verrät, dass sie Fisch und Krill in großen Mengen finden. Nur die "Hitze" des Hochsommers plagt sie. Bei null Grad sind sie doch etwas träge, öffnen ihre Flügel und Schnäbel und versuchen so, sich ein wenig zu kühlen.

Was wir in den nächsten Tagen erleben, ist einzigartig. Hier probt das Orchester des Universums: gigantische Tafel-eisberge, die wie riesige weiße Flugzeugträger aussehen und träge durch den antarktischen Sund treiben, kalbende Gletscher und krachende Lawinen, Tausende Adelie- und Esels-pinguine, die man zuerst hört, dann riecht und schließlich sieht, Dominikanermöven und Kapsturmvögel, Pelzrobben, Krabbenfresserrobben, Seeleoparden und riesige Seeelefanten, die dreieinhalb Meter lang und eine Tonne schwer werden. Und dann: Buckelwale. Einmal kommen wir einem Pärchen so nah, dass wir den Atem anhalten: 16 Meter lang, 100 Tonnen schwer. Als wir ihnen zu dicht auf ihre dicke Pelle rücken, heben sie effektvoll ihre Fluken und verabschieden sich in die Tiefe.

Besonders intensiv erlebt man das Hurra und Schubidu der Natur bei einer Eiskreuzfahrt im Polarcirkel-Boot oder auf einer Kajaktour. Auf diese Weise kommt man den Hauptdarstellern des polaren Spektakels ganz nah, sieht faule Robben auf glitzerndem Eis und gewaltige schwitzende Eisberge, die vor etwa 15 bis 20 Jahren unter mächtigem Getöse von einem Gletscher abgebrochen sind, der seinerseits in der letzten Eiszeit vor etwa 30.000 Jahren entstanden war. Unter immensem Druck wurde das Eis im Laufe der Jahrtausende so stark komprimiert, dass es je nach Lichteinfall tiefblau, hellblau, türkis oder grünlich leuchtet. So bizarr und verlockend die Formen der Eisberge sind, zu nah sollte man nicht an sie heranfahren. Denn die instabilen Gebilde können plötzlich brechen, ihr Gewicht verlagern und rollen. Und wenn ein zehn Meter hoher Eisberg, der 90 weitere Meter unter der Oberfläche verbirgt, ins Wanken gerät und sein Unterstes zuoberst dreht, ist man allein wegen der folgenden Welle lieber in sicherer Entfernung.

Die weiteren Stationen heißen Brown Bluff, Neko Harbour, Danco Island, Cuverville, Port Lockroy, Jenny Island, Rothera, Hufeisen-Insel und Deception Island - völlig egal, es sieht hier sowieso überall gleich aus. Schwarz und weiß, poetische Einfachheit. Eine Landschaft, die an Mordor aus "Der Herr der Ringe" erinnert. Licht und Schatten haben hier seit Jahrtausenden Geometriestunde. Geröllformationen und Lavabrocken liegen da wie luftgetrocknetes Gehirn, das auf einen Gedanken wartet. Eine Fahrt wie ein Jesuitenexerzitium, jede Insel ein unendlicher Rosenkranz: Lava, Geröll, Fels, Lava, Geröll, Fels. Man muss diese eigentliche Trostlosigkeit des Nichts nur in ausreichend hohe Potenz heben, damit sie grandios wird. Nackter Stein, nacktes Sein. Jetzt wäre ein guter Moment, um eine Religion zu gründen.

Einer der Höhepunkte der Reise ist die Fahrt durch den schmalen Lemaire-Kanal, an dessen Seiten mächtige Felsflanken steil in den Himmel aufschlagen. Als die Sonne untergeht, schweben wir wie in einer Raumfähre über glitzernde Eisteppiche und bleischweres Wasser. Langsam passiert unser Raumschiff seltsam geformte Gebilde aus Eis, die um ein Vielfaches bizarrer aussehen, als alle Science-Fiction-Autoren sie sich jemals ausdenken könnten. Am goldenen Horizont erscheinen immer neue Fantasien aus Eis - spitz und hoch, flach und rund, Türme, Zacken, Säbel und Monster. Landmarken einer fernen Pagodenstadt, Silhouetten aus dem Jenseits. Geisterhaft.

Einige Tage später bleibt uns der Weg nach Stonington verwehrt - zu schwerer Eisgang. So erreichen wir den südlichsten Punkt unserer Reise bei 68°14´S, fast 1000 Kilometer südlich des südlichen Polarkreises. Es geht wieder nach Norden. Und wenn man nun das Erlebte reflektiert und dem Rhythmus der Antarktis nachspürt, ist da auch das Fehlen menschlicher Worte, die Armut der Sprache, wenn man versucht, das Unaussprechliche zu beschreiben. Wenn wir dann auch noch eine Karte der uns bekannten Welt betrachten, und wenn unser Startpunkt Ushuaia an der Spitze Feuerlands das Ende dieser Welt ist, dann haben wir unsere Erde wahrhaftig 2500 Kilometer hinter uns gelassen. Wir waren jenseits.

Die Redaktion wurde von Hurtigruten zu der Reise eingeladen.

Quelle: RP
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