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Breslau
Breslau bietet ein Jahr volles Programm

Breslau. Die polnische Stadt hat immer kulturinteressierte Besucher angesprochen. Als Europäische Kulturhauptstadt 2016 fällt das Angebot besonders vielfältig aus. Aber auch abseits des Veranstaltungsmarathons lohnt sich ein Abstecher. Von Andreas Heimann

Breslau ist 2016 neben dem baskischen San Sebastian Europäische Kulturhauptstadt. Sieben Programmtipps:

Markt Der Marktplatz von Breslau gilt als einer der schönsten in ganz Polen. Gleich hinter dem in Krakau ist er auch der größte und immer noch das Herz der Stadt, die heute Wroclaw heißt. Auf und rund um den Rynek wird dann noch einiges mehr los sein als sonst. Der Marktplatz hat die höchste Dichte an Restaurants, Cafés, Bars und Clubs der Stadt. Hier treffen sich jeden Tag Touristen und Breslauer, am Wochenende sind es abends Tausende, so als gäbe es ein ungeschriebenes Gesetz, das verbietet, dann zu Hause zu bleiben.

Dass an jeder Ecke des Platzes eine Band spielt, ist nichts Besonderes. Mitten auf dem Marktplatz steht das Rathaus, eines der markantesten Gebäude der Stadt. Treppengiebel und roter Backstein, kleiner Balkon, gotische Fenster samt Blumenkästen, verspielte Türmchen und eine astronomische Uhr. Zahlreiche ansehnliche Häuser, teils mit geschwungenen Giebeln, rahmen den Platz ein. Fast alle wurden im Krieg zerstört und mit großem Aufwand von den neuen polnischen Einwohnern wieder aufgebaut.

Dom An die Anfänge der Stadt vor gut 1000 Jahren erinnert die Dominsel, ein Muss für Touristen. Man erreicht sie über die Dombrücke (Most Tumski), die hier über die Oder führt, nach der Weichsel der zweitgrößte Fluss Polens. Das Geländer ist voller Schlösser von Liebespaaren, die mit dieser Geste ihre unverbrüchliche Zuneigung beschwören. An einem Brückenpfeiler zeigt ein historisches Foto, wie es hier im Sommer 1945 aussah: die Domkirche zerstört, die Straße voller Trümmerhaufen. Heute nimmt die Touristendichte spürbar zu, je mehr man sich dem Dom nähert. Auf der Dominsel steht auch ein Denkmal für Boleslaw Kominek. Stadtpräsident Rafal Dutkiewicz nennt ihn voller Respekt den "vergessenen Vater der europäischen Integration". Im Kulturhauptstadtjahr will man an den aus Schlesien stammenden Kardinal erinnern, 1965 Verfasser des Hirtenbriefes der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder.

Musikforum Einer der neuen kulturellen Hotspots der Stadt ist das Musikforum. Dort ist jetzt das Philharmonieorchester zu Hause. Schon das Gebäude ist eindrucksvoll: Mit seiner ausladenden Fassade vor einem großen freien Platz überragt es die Nachbargebäude ebenso wie sämtliche Bäume der Umgebung. Noch ungewöhnlicher ist es von innen: Die Säle verteilen sich auf sieben Stockwerke - die untersten liegen 15 Meter unter der Erde. "Da sind keine Geräusche von außen zu hören, nicht einmal Vibrationen", sagt Andrzej Kosendiak, seit gut zehn Jahren Direktor der Philharmonie. Der größte Saal mit absenkbarem Dach bietet Platz für 1800 Zuhörer. "Eine Akustik wie in einer Kathedrale", versichert Kosendiak. Für die erste Saison sind rund 700 Konzerte und Veranstaltungen angekündigt. Die Wiener Philharmoniker sollen genauso kommen wie das London Symphony Orchestra. Die Auswahl ist riesig. Auch Führungen durch das Musikforum sind im Angebot.

Denkmal Etwas abseits der Innenstadt liegt das Monumentum Memoriae Communis. Das "Denkmal der gemeinsamen Erinnerung" ist ein besonderer Ort. Bürgermeister Dutkiewicz hat den früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker hierher begleitet. Eine Wand aus Grabsteinen gibt es, die von zerstörten deutschen Friedhöfen stammen - christlichen und jüdischen. Auf einem Gedenkstein steht auf Polnisch und Deutsch: "Zum Andenken an die früheren Einwohner unserer Stadt, die auf Friedhöfen beigesetzt wurden, die heute nicht mehr bestehen." Auf einer Steinplatte sind die Namen der ehemaligen Friedhöfe genannt.

Museum Einige Ausstellungsstücke im Historischen Museum erinnern an den Widerstand gegen die kommunistische Einparteienherrschaft: Fotos aus der Zeit des Kriegsrechts Anfang der 1980er Jahre gehören dazu, eine Schreibmaschine, mit der illegale Flugblätter getippt wurden oder eine Solidarnosc-Fahne. Das Museum ist im ehemaligen Schloss untergebracht, in dem die preußischen Könige residierten, wenn sie in Schlesien waren. Friedrich der Große zum Beispiel oder Friedrich Wilhelm III., der während der Befreiungskriege gegen Napoleon ein Vierteljahr dort gewohnt und hier seinen "Aufruf an mein Volk" verfasst hat, mit dem er zum Kampf gegen den französischen Kaiser mobilisieren wollte. Seine Zimmer sind noch zu sehen, auch der Schreibtisch, an dem er gesessen hat.

Jahrhunderthalle Zur Einweihung der Jahrhunderthalle 1913 reiste dagegen Kaiser Wilhelm II. an. Damals war sie der größte Betonbau der Welt, bot 10.000 Zuschauern Platz und galt als Beispiel dafür, was moderne Architektur möglich macht. Weil sowjetische Bomber sich gut an ihr orientieren konnten, wurde sie im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört. Mittlerweile gehört die Jahrhunderthalle zum Weltkulturerbe. An den Wochenenden kommen neben den Touristen auch viele Breslauer hierher, um mit Blick auf die Wasserspiele am Beckenrand zu sitzen, ein Eis zu essen oder zwischen der Pergola spazieren zu gehen.

Zoo In unmittelbarer Nähe liegt ein weiterer Besuchermagnet: der Zoo, der gerade 150 Jahre alt geworden ist. Es ist zugleich der älteste und der modernste Zoo Polens. "Und mit 1100 Arten die Nummer drei in Europa", sagt Zoodirektor Radoslaw Ratajszczak. Einige Eichen auf dem Gelände stammen noch aus der Zeit der Zoogründung 1865. Hauptattraktion ist heute das Afrikanum, das 2014 eröffnet hat. Das Gebäude ist zwölf Meter hoch und reicht noch sieben Meter in den Boden. Das größte Becken fasst sechs Millionen Liter Wasser, an Scheiben wurde glücklicherweise nirgendwo gespart. Das macht es nicht nur möglich, Tiere aus ungewöhnlichen Perspektiven zu beobachten - es ist auch ein ideales Kontrastprogramm zum Veranstaltungsreigen im Kulturhauptstadtjahr.

(dpa)
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