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Schweiz
Der alten "2" richtig einheizen

Die Brienz Rothorn Bahn im Berner Oberland ist die einzige Zahnradbahn der Schweiz, die planmäßig von Mai bis Oktober mit Dampf fährt. Bei einem Heizer-Schnupperkurs lernen "Pufferküsser" die alte Dame zu bedienen. Von Dagmar Krappe

Die Luft riecht nach verbrannter Kohle. Schon vor ein paar Stunden haben Lokführer Kurt Amacher und Heizer Christian Flück die 125 Jahre alte grün-schwarze Zahnradlok mit der Nummer "2" angeheizt. Das Licht der 800-Millimeter-Schienenwelt erblickte die betagte Dame 1891 in der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik in Winterthur. Ihren Dienst verrichtet sie im Schnitzerdorf Brienz am Brienzersee. An diesem Frühsommermorgen ist sie für eine besondere Veranstaltung auserkoren: Nicht nur wie üblich ein Heizer, sondern gleich fünf Vertreter der Spezies "Pufferküsser" werden sie während eines Heizer-Schupperkurses "betütteln".

Frei nach dem Film "Die Feuerzangenbowle" heißt es: "Wat is'n Dampfmaschin?" Kursleiter Kurt Amacher sagt es zwar auf Schweizerdeutsch, aber gemeint ist dasselbe. Er kennt jede Schraube, jede Niete. Ein Lokführer steht hier nicht nur im Führerstand, sondern pflegt, wartet und prüft die Funktionstüchtigkeit und Sicherheit seiner Lok eigenhändig. Putzen und Schmieren stehen dabei ganz oben im Pflichtenheft. Auch die Heizer-Neulinge dürfen nach kurzer theoretischer Einweisung gleich Hand anlegen. "60 Prozent des Heizerjobs besteht nicht daraus, Kohlen zu schaufeln, sondern aus Wischen und Polieren." Die sauberen Putzlappen, die die Lok auf Hochglanz bringen sollen, liegen schon bereit. "25 Stellen müssen wir ölen und schmieren", verrät der Kursleiter. "Das ist ,Wellness' für die alte Dame, damit die Gelenke nicht einrosten. Der Heizer ist ihr Masseur. Er spürt jede Verspannung und jedes Wehwehchen der Maschine."

1892 ging die Zahnrad-Bahn aufs Brienzer Rothorn in Betrieb. 15 Monate dauerte der Bau auf den 2350 Meter hohen Berg. Noch heute bestehen Teile des Schienenmaterials und die Zahnstangen aus den Anfangsjahren. "Eine Elektrifizierung hat auf dieser Linie nie stattgefunden", so Simon Koller, Direktor der Brienz Rothorn Bahn. "Da die Gäste während des Ersten Weltkriegs und in den darauffolgenden Jahren ausblieben, fehlte das Geld für diese Investition. Heute betrachten wir es als große Chance, denn die BRB ist die einzige Zahnradbahn der Schweiz, die planmäßig von Mai bis Oktober mit Dampf fährt."

Auf dem Bahnsteig beginnen inzwischen erste Trainingsübungen. Die richtige Haltung und der Bewegungsablauf des perfekten Schaufelns wollen gelernt sein. Bei viel Platz im Freien sieht alles ganz einfach aus, aber im schmalen Führerhäuschen ist es neben dem Lokführer reichlich eng. Wenn dieser die Feuerklappe öffnet, hat einer der Heizer-Lehrlinge mit Schwung eine Ladung Kohlen ins Innere der Lok zu befördern und an der richtigen Stelle zu platzieren.

Während die übrigen vier Teilnehmer im angehängten Wagen entspannt die Fahrt mit Aussicht auf den blauen Brienzersee und schneebedeckte Zweitausender wie Schwarzhorn und Wildgärst genießen, wischt sich "Praktikant" Aliran den Schweiß von der Stirn. Schaufel um Schaufel schiebt er in den nimmersatten, heißen Schlund, bis die Lok ein Ausweichgleis auf halber Strecke zur Mittelstation Planalp erreicht. Nun kommt ein Hut ins Spiel, den Ausbilder Kurt bei der morgendlichen Einweisung kurz erklärte: "Diese Haube wird jedes Mal vor einem Tunnel über den Kamin gezogen, damit der Qualm sich nicht an der Tunneldecke sammelt, sondern nach unten gedrückt wird. So verhindern wir, dass Rauch und Asche zu den Passagieren in den Wagen gelangen."

Am Ziel Planalp angekommen, darf die "alte Dame" ihren Durst am Wasserkran stillen. "Wir brauchen kaltes Wasser", informiert Amacher. "Bei der Talfahrt wird die Dampfmaschine als Luftpumpe betrieben. Sie bremst den gesamten Zug. Darum müssen wir zur Kühlung kaltes Wasser einspritzen." Drei weitere Male zuckelt die alte "2" noch bis zur Planalp. Bei jeder Fahrt haben die Hilfsheizer die Chance, ihre Schaufelhaltung zu verbessern. Nach der Rückkehr in den Bahnhof Brienz beginnt Teilnehmerin Stephanie damit, die Asche aus der Rauchkammer zu kratzen. Alle anderen Kursteilnehmer dürfen noch einmal die Maschine auf Hochglanz polieren. Als Lohn winken ein Zertifikat und ein "Heizerwürstli", das direkt über dem Dampfkessel erwärmt wird.

Die Redaktion wurde von Schweiz Tourismus zu der Reise eingeladen.

Quelle: RP
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