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100 Jahre Scham
Briten lernen die Titanic zu lieben

100 Jahre Titanic – Impressionen
100 Jahre Titanic – Impressionen FOTO: Alexei Makartsev
Belfast. Er beugt sich nicht, er will dem "Schicksal in den Rachen greifen". Einen Monat nach dem tragischen Tod seiner Frau wirft Tommy Millar seinen Job bei der Belfaster Werft Harland & Wolff hin und heuert bei der Reederei White Star Line an. Von Alexei Makartsev

Der 33-jährige Maschinenmechaniker soll die Jungfernfahrt eines fantastischen neuen Dampfers beaufsichtigen. Millar hofft, an Bord der Titanic sein Elend zu vergessen und in New York eine neue Existenz für sich und die Kinder aufzubauen. Beim Abschied am 2. April 1912 gibt er seinen kleinen Söhnen zwei Pennys und bittet sie, das Geld nicht auszugeben, ehe sie ihren Vater wiedersehen. Doch Tommy kehrt nie zurück.

100 Jahre später läuft Susie Millar durch die Straßen von Belfast. "Hier hat er gewohnt", sagt die blonde Journalistin, als sie vor einem Reihenhaus aus roten Ziegeln hält. Susie ist heute die Hüterin der Pennys, die in der Familie Millar als Andenken an Tommy aufbewahrt werden. "Meine Geschichte ist untrennbar mit dem Schicksal des berühmtesten Schiffes der Welt verbunden", sagt die 44-Jährige.

Am 15. April wird sie ihrem Urgroßvater ganz nahe sein, wenn der Luxusliner Balmoral über der Stelle im Atlantik stoppt, wo der stählerne Riese mit 2198 Menschen gesunken war. Bei aller Trauer über Tommys kurzes, unglückliches Leben freut sich Susie darüber, dass die Welt wieder vom Titanic-Fieber ergriffen ist. "Dieses Unglück war schlimm, doch unser Schiff war kein Desaster gewesen", sagt sie stolz.

Das Schiff wurde faktisch totgeschwiegen

So denken zurzeit viele ihrer Landsleute. Die Briten haben 100 Jahre gebraucht, um die Gefühle von Scham und Reue loszuwerden. Sie hatten versagt und wurden für ihre Überheblichkeit und ihren blinden Glauben in die Ingenieurskunst bestraft. Denn die Titanic war mehr als nur ein luxuriöses Transportmittel – sie galt 1912 als das größte je von Menschenhand gebaute Objekt und ein Technikwunder, das "unsinkbar" war. Nach der Katastrophe mit 1513 Todesopfern wies die Leitung von Harland & Wolff ihre Mitarbeiter an, das Schiff nicht zu erwähnen. Auch woanders wurde es faktisch totgeschwiegen.

Doch der neu entdeckte Stolz hat das britische Trauma geheilt. Seit Wochen befindet sich die Insel im Titanic-Rausch. Es vergeht keine Woche ohne TV-Dokus über den Unglücksdampfer, es erscheinen neue Bücher und Musikalben, es werden Festivals veranstaltet, die Fans werden mit Ausstellungen, Konzerten, Musicals und Führungen gelockt.

Die meisten Titanic-Ereignisse finden in drei wichtigsten Hafenstädten des Königreichs statt: Southampton als Startpunkt der Reise, Liverpool als Sitz der White Star Line und Belfast als Heimat der Legende. Vor allem die Menschen in Nordirland schwelgen gerne in Erinnerungen an ihr Schiff. "Seine Geburt ist die beste Geschichte, die die Welt leider nie erfahren durfte", sagen sie.

Susie Millar hat sich lange auf das "Jahrhundert-Ereignis" vorbereitet. 2008 gab die Belfaster TV-Reporterin ihre Arbeit auf, um sich ganz auf die Geschichte der zwei Pennys konzentrieren zu können. Sie nennt ihren Großvater einen Helden: "Er blieb unten im Maschinenraum, um das Schiff mit Energie zu versorgen – damit hat er andere Menschen gerettet". Susie schrieb 2011 ein Buch über Tommy. Heute zeigt sie Besuchern aus aller Welt die ehemaligen Viertel der Werftarbeiter und den Hafen.

"Ein Sinnbild der Hoffnung"

"In dieses 'Loch‘ passen 168 Millionen Pint Guinness hinein", erklärt der Historiker Richard Cobb vor dem 259 Meter langen und 13 Meter tiefen Becken, in dem die Schrauben der Titanic montiert wurden. Die Hightech-Pumpen des Thompson-Docks waren imstande, jede Sekunde zwei Schwimmbecken voller Wasser leeren. Erstaunlicherweise bleibt die alte Technik heute voll funktionsfähig.

Auch Richard ist stolz auf die Titanic – und zugleich traurig darüber, dass das Wunder von 1912 nur so kurzlebig war. "Das passiert, wenn man ein irisches Schiff einem englischen Kapitän, einem schottischen Navigator und einem kanadischen Eisberg überlässt", sagt er mit einem schiefen Lächeln.

Um das Dock herum entstehen teure Luxus-Appartements. Bäume werden gepflanzt und rostende Schrotthaufen werden entfernt. Der Katalysator der Veränderungen im heruntergekommenen Hafenviertel ist das neue, interaktive Titanic-Belfast-Museum. Das 100 Millionen Pfund teure Zentrum aus vier sternförmig angeordneten, glitzernden Schiffsrümpfen macht auf neun Stockwerken mittels Hologramme, Touchscreens, Projektionen und Spezialräume wie der "3D-Höhle" den Mythos erlebbar.

"Sie mögen in Las Vegas ein größeres Zentrum bauen, aber niemand kann die Titanic-Geschichte so authentisch erzählen wie wir", freut sich die Marketingchefin Ally Hill, die 100.000 Tickets in 20 Länder der Welt verkauft hat. "Die Titanic wird Belfast berühmt machen", hofft Ally. "Sie ist nicht länger ein Symbol des Versagens, sondern ein Sinnbild der Hoffnung und unseres Aufbruchs zu glänzenden Zeiten".

Aber warum fesselt der 100 Jahre alte Mythos heute so viele Menschen auf der ganzen Welt? Die Briten sind sich uneinig darüber. "Es war eine Superkatastrophe, an der alle späteren Unglücke gemessen wurden", erklärt Richard Cobb. "Die Titanic hat unser Denken verändert und die Menschen gelehrt, dass sie niemals unfehlbar sein werden". Eine andere Theorie hat Phil Coppell aus Liverpool. "Dieses Schiff war eine schwimmende 'Seifenoper‘ mit Reichen und Armen, die gemeinsam untergingen. Die wahre Geschichte der Titanic ist besser als jeder Roman". Phil kennt sich mit "Seifenopern" auf See gut aus, weil er lange auf Kreuzfahrtschiffen gearbeitet hat.

Heute zeigt der frühere Fotograf den Touristen die Titanic-Orte in seiner Heimatstadt: das leer stehende Ex-Hauptquartier der White Star Line (WSL) aus roten Ziegeln und weißem Portlandstein. Das imposante Haus des Firmenchefs J. Bruce Ismay, das alle vorbeifahrenden WSL-Schiffe anhupen mussten. Den Lieblingspub des Carpathia-Kapitäns Arthur Rostron, der in der Unglücksnacht Hunderte Passagiere von der Titanic gerettet hat.

Eine von Phils Lieblingsgeschichten handelt vom Namen der Rose. "Als James Cameron seinen Kassenhit drehen wollte, haben seine Leute das Haus des Titanic-Kapitäns Edward J. Smith in Liverpool besichtigt, in dem heute Rose Gallagher wohnt. Der Klang dieses englischen Namens gefiel Cameron so gut, dass er Kate Winslets Filmfigur Rose genannt hat".

Eine Stadt unter Schock

114 Menschen aus Liverpool waren an Bord der Titanic, 87 starben. Unter ihnen war auch der Violinist Fred Clarke, der mit seinen Musikerkollegen gespielt hat, bis das Schiff in den eisigen Wellen verschwand. "Die ganze Stadt stand unter Schock, überall wurden Trauergottesdienste abgehalten", erzählt der Experte. Nach dem Ruin der White Star Line (die 1933 mit dem Rivalen Cunard verschmolzen wurde) galt die Titanic-Vergangenheit an den Mersey-Ufern als ein Makel. In der anglikanischen Kathedrale von Liverpool bleibt Phil Coppell vor einem im Stein eingeritzten Bild des Dampfers stehen, das einen Pfeiler ziert. Es ist winzig. "Selbst die Kirche schämte sich für das Unglück, darum wurde dieses Andenken an das Schiff so gut versteckt", erklärt der Fremdenführer.

Phil warnt davor, das Drama im Ozean zu romantisieren: "Es war eine schlimme Tragödie. Wir sollten sie nicht feiern, sondern der Opfer gedenken". Aber auch Liverpool will sich im Jubiläumsjahr gerne im Titanic-Glanz sonnen. Am 20. April steigt hier ein dreitägiges Open-Air-Festival mit Straßentheater und Umzügen, zu dem etwa 250.000 Menschen erwartet werden. Zuvor soll im Liverpooler Hafen das frisch renovierte "Denkmal für die Helden des Maschinenraums" eröffnet werden, das die Stadt 1916 zum Andenken an alle getöteten Techniker auf englischen Schiffen aufstellen ließ. Auch der Mechaniker Tommy Millar wurde damit geehrt.

In wenigen Tage will Susie Millar den Traum ihres Urgroßvaters vollenden. Die Titanic-Gedenktour des Kreuzfahrtschiffs Balmoral mit 1309 Passagieren endet am 20. April im Hafen von New York. "Ich werde oben auf dem Deck stehen und die Freiheitsstatue begrüßen – für Tommy, der sie niemals gesehen hat", sagt leise die Journalistin. Susie möchte dabei nicht von den mitfahrenden Fernsehteams gefilmt werden, um von Herzen weinen zu können.
 

(chk/das/sap)
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