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Sommerserie
Das große Glück im hohen Norden

Im Dreiländereck des hohen Nordens
Im Dreiländereck des hohen Nordens FOTO: dpa, Kathrin Dorscheid
Auswanderin Tanja Handke aus Leverkusen betreut Touristen in Alta - 250 Kilometer vom Nordkap entfernt. Von Bernd F. Meier

Heimweh? "Nein, eigentlich nicht", antwortet Tanja Handke. Doch dann bricht es aus der 44 Jahre alten Leverkuserin heraus: "Feiern lässt sich immer noch am besten im Rheinland!" Während in ihrer Heimat närrische Hoch-Zeit herrschte, hatte die Mutter von drei Kindern arbeitsreiche Wochen: Die winterliche Kreuzfahrtsaison im norwegischen Alta, hoch oben in der Finnmark.

Ein Dutzend dicke Pötte mit tausenden Passagieren legte in Alta bis Ende März an, manche blieben gleich mehrere Tage. Hauptsaison und jede Menge zu tun: Sind die englisch- und deutschsprachigen Guides rechtzeitig am Hafen? Klappt es mit dem Busshuttle? Laufen die Schiffe planmäßig ein? Oder gibt es wetterbedingt Verspätungen, die alle Planungen über den Haufen werfen?

Tanja Handke arbeitet mit ihrer norwegischen Chefin Henriette Bismo Eilertsen und vier Kollegen im Büro von North Adventure, in der Nachbarschaft des modernen Einkaufszentrums von Alta. Von dort aus organisieren sie Landausflüge für die Kreuzfahrer: nächtliche Fahrten mit dem Minibus entlang des Altafjordes unter dem Motto: "Hunting the Light", der Beobachtung des geheimnisvoll schimmernden Nordlichtes. Oder Abstecher mit Hundeschlitten von der Holmen-Huskyfarm aus in die endlose Schneelandschaft zwischen Alta und Kautokeino.

Und die Touren zum Eishotel Sorrisniva, das in jedem Winter aus 250 Tonnen Eis und 6000 Kubikmeter Schnee aufs Neue entsteht. Dort erfüllt sich so mancher Passagier einen Lebenstraum: Die Übernachtung in der größten norwegischen Eisherberge, bei minus sieben Grad ein eiskaltes Vergnügen.

Rückblende ins Jahr 2003: Mit 32 Jahren schließt Tanjas Mann Jens sein Architekturstudium erfolgreich ab. Und findet in Deutschland keinen Job. "Zu alt, und dann haben sie auch noch Familie", wird dem Bewerber mehr oder weniger hinter vorgehaltener Hand signalisiert. Eineinhalb Jahre schreibt Jens Handke Bewerbungen - erfolglos. Nach dem 300. Stellengesuch entdecken Tanja und Jens ein Angebot auf der Webseite des norwegischen Arbeitsamtes: Architekt in Alta gesucht.

Jens Handke bewirbt sich. Und erhält schon wenige Tage später die Einladung zum Bewerbungsgespräch und zur Probearbeit. Heute kann Tanja Handke darüber lachen, was dann passierte: "Wir haben auf die Landkarte geschaut und gemerkt, wo dieses Alta liegt." Ganz oben in Norwegen, rund 3000 Kilometer entfernt von Leverkusen, dafür dem Nordkap nur 250 Kilometer nah.

"Doch wir haben uns gesagt: Das ist die Chance", erinnert sich Tanja Handke. Am Dienstag fliegt ihr Mann Jens nach Alta, am Freitag kehrt er mit dem Arbeitsvertrag zurück. Das große Glück beginnt für die Handkes im hohen Norden von Europa.

Im August 2004 startet Jens Handke in Alta ins Berufsleben, die Familie - Tanja mit den Kindern Emilie und Jonathan - folgt im Dezember 2004. Doch die nächste Hürde steht an: Alle können kein einziges Wort Norwegisch! Tanjas erster Weg führt ins Rathaus, um Kindergartenplätze für den Nachwuchs zu organisieren. "Die Gemeinde hat uns sehr unterstützt, sogar Geld bereitgestellt, um einen deutschsprachigen Betreuer für unsere Kinder einzustellen".

Tanja und Jens, die beide in Opladen das Landrat-Lucas-Gymnasium besucht haben, drücken abends zusammen mit Neubürgern aus Holland, Polen, Russland und Afghanistan wieder die Schulbank und büffeln - Norwegisch für Anfänger. "Und dann bin ich zum Tourismusbüro gegangen und wurde im Sommer 2005 gleich als Fremdenführerin eingestellt, das war mein Quereinstieg in die Tourismuswelt", berichtet die ehemalige Sekretärin.

Das tägliche Leben verläuft in Nord-Norwegen ruhiger als im Rheinland. Norweger leben im Einklang mit der Natur und neigen nicht zur Hektik. Manches ist viel positiver: Als Jens Handke nierenkrank und im März 2012 zum Dialysepatienten wird, bekommt er 16 Monate später in Oslo eine neue Niere transplantiert - erfolgreich. "In Deutschland hätte Jens mindestens sechs Jahre auf ein Spenderorgan warten müssen", vermutet seine Ehefrau. Die Handkes sind mit dem Lebensstil im Norden inzwischen vertraut geworden, bewohnen ein schmuckes Holzhaus über dem Altafjord. Handkes jüngste Tochter Josefine (7) kommt im Krankenhaus von Hammerfest zur Welt, 150 Kilometer nördlich von Alta.

In den Monaten von Juni bis Oktober werden die nächsten 15 Kreuzfahrtschiffe in Alta erwartet, darunter alleine vier Mal "Mein Schiff 1" mit jeweils 2000 Reisenden an Bord. "Dafür bereiten wir ebenfalls die Landausflüge vor", sagt Tanja Handke. Und im kommenden Winter 2015/2016 werden erstmals direkte Charterflüge von Deutschland aus nach Alta starten. Touristikerin Handke: "Auch für die Flugreisenden werden wir Touren mit den Schlittenhunden und Nordlichtsafaris organisieren. Langweilig wird's hier oben in Alta also auf gar keinen Fall."

Quelle: RP
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