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Schweiz
Das Iglu-Dorf am Weissfluhjoch
So mancher träumt von einer Nacht im Iglu: In Einsamkeit den Sternenhimmel bewundern und sich dann im Eispalast in einen Schlafsack kuscheln. Von Dietlind Castor

Tiefblauer Himmel und gepflegte Hänge mit idealen Schneeverhältnissen finden die Skifahrer auf der Parsenn/Gotschna, dem größten der sechs Skigebiete in der Skiarena Davos Klosters. "So ein Wetter hatten wir die letzten Wochen ständig", sagt Sybill. Sie ist eine der Führerinnen, die im Panorama-Restaurant Weissfluhjoch jene Skifahrer abholen, die eine Nacht im Iglu gebucht haben, um wie die Eskimos zu schlafen.

Es geht etwa 200 Meter hinab ins Iglu-Dorf auf 2620 Meter Höhe. Von oben sind nur einige Wölbungen im Schnee zu erkennen; außerdem ein Holzbau für die Sauna. Armin Fritsche, ein anderer Führer, erzählt dann im breitesten Sächsisch, wie es zu diesem Iglu-Dorf kam. Gründer und Geschäftsführer ist Adrian Günter. Der hatte sich in der Tradition der Inuit in einem Skigebiet der Schweizer Alpen ein Iglu aufgebaut, um als Erster morgens die frischen Pisten zu genießen. Als snowboardbegeisterte Freunde ihn immer wieder baten, ebenfalls darin übernachten zu können, kam er auf die Idee, ganze Dörfer mit den eisigen Behausungen anzulegen und sich das Modell patentieren zu lassen.

"Wir haben fünf Wochen vor Weihnachten mit dem Bauen angefangen und in 2500 Arbeitsstunden diese Anlage erstellt. Dabei wurde rund ein Kilometer Zuglänge Schnee verbraucht", erzählt Fritsche.

Aufblasbare Ballons hatten sie zuerst im Boden verankert. Nach der Verkleidung mit Eis und Schnee wurden sie herausgezogen. Sie waren das Gerüst für die teils recht hohen Räume.

Zum Schutz vor Sonnenstrahlen werden die Gebäude immer wieder neu mit der Schneefräse eingeschneit. Küche, Bar und Speiseraum bilden einen Trakt, die Schlafräume weiter unterhalb ein Labyrinth aus Gängen und Wohnhöhlen.

"Für die Ausgestaltung hatten wir Künstler aus USA, Lettland und Finnland", ergänzt Fritsche. Ein Thema im Iglu-Dorf ist "Tausendundeine Nacht". Daher zieren Reliefs von Turban tragenden Männern die Wände. Auch die kristallklaren Skulpturen stehen unter dem Motto. Das in großen Blöcken für die Bildhauer angelieferte Eis ist so klar und durchsichtig, weil das Wasser beim Erkalten gerührt wurde.

Großartig die Romantik-Suite mit ihrem Doppelschlafsack, dem aus Eis gestalteten Waschbecken – das natürlich reine Zierde ist –, dem Whirlpool und der eigenen Toilette. Ein stummer eisiger "Diener" bietet in seinen Armen allerlei Gutes an von Champagner bis Ricola-Bonbons.

Einfacher geht es in der Standard-Höhle zu, auch wenn sie mit Schneereliefs und einem kleinen Muck aus Eis geschmückt ist. Dort liegen bis zu sechs der warmen Eskimo-Schlafsäcke nebeneinander, und von der Toilette nebenan dringt ein leichter Geruch von Chemikalien.

Entschädigt werden die weniger Privilegierten durch den Sonnenuntergang, der die Spitzen der grandiosen Bergkulisse in ein rötliches Licht taucht. Zum Aperitif geht es zur eisigen Bartheke. In dem Speisesaal macht das Lammfell auf den Schneesitzen zwar einen kuscheligen Eindruck, erweist sich dann aber als feucht und frostig. Besser, man schiebt es beiseite und setzt sich auf die Isoliermatte darunter.

Die Raumtemperatur liegt bei null Grad. Heiße Tomatensuppe wärmt ein wenig. Das anschließend servierte Käsefondue sättigt sehr schnell. Was aber dann anfangen mit dem langen Abend? Zum Sitzenbleiben verlockt die über eine Treppe erreichbare obere Lounge nicht. Die einen stehen draußen und rauchen, andere genießen die Sauna.

Sauna, ohne hinterher duschen zu können? Da bleibt nichts anderes, als sich mit Schnee abzureiben. Und dann ist da noch der Whirlpool mit einem Loch in der Decke, durch das der Sternenhimmel zu sehen ist. Damit der Kopf nicht auskühlt, sitzen die meisten mit Mütze im Wasser.

Das Schönste aber ist der gewaltige Sternenhimmel, der nach dem Verschwinden des Mondes besonders gut zu sehen ist. Nur mit Funktionsunterwäsche sollte man später am Abend in die Schlafsäcke krabbeln und die Bekleidung für den nächsten Tag mit hineinnehmen.

Wer Glück hat, schläft gleich ein. Wer Pech hat, lauscht einem schnarchenden Nachbarn. Der eine oder andere hat Probleme mit der Höhe. Das Herz klopft schneller als normal. Die Hände bleiben kalt. Ein Frösteln überzieht den Rücken. Jedes Herauswühlen aus dem Schlafsack wird zur Kraftanstrengung.

Als Betreuerin Sybill am Morgen mit einem Kräutertee zum Wecken kommt, erscheint es wie eine Erlösung. Doch es gibt auch Iglubewohner, die gut geschlafen haben, wie die Schweizerin aus einem der Romantik-Iglus. Die Sonne schaut langsam über die Gipfel, und die Pisten sind wirklich noch unberührt.

Quelle: RP
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