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Der alte Platzhirsch rüstet nach

Einst war Borowez das größte und berühmteste Skigebiet in Bulgarien, dann verkam es zu einem Billigziel für Sauftouristen. Jetzt will es sich als Familien-Skigebiet neu erfinden - und irgendwann wieder die Nummer eins im Land werden. Von Florian Sanktjohanser

Die Gondeln in Borowez sehen aus, als würde gleich James Bond aussteigen. Allerdings nicht gespielt von Daniel Craig, sondern von Roger Moore. Außen sind die Kabinen orangefarben und rundlich, innen eng und mäßig bequem. Ihr Retro-Futurismus im Stil der 80er Jahre löst sofort eine heftige Nostlagieattacke aus, ebenso wie der Indiana-Jones-Flipper und der Terminator-II-Ballerautomat im Spieleraum des Riesenhotels. Besonders, wenn man vor 30 Jahren als Kind das Skifahren lernte. Damals war Borowez das größte und modernste Skigebiet Bulgariens.

Französische Firmen bauten Hotelkästen direkt an der Piste, gemäß dem Stil von Monsterresorts wie Paradiski oder Trois Vallées. Aus ganz Bulgarien kamen die Familien, Unterkunft und Skipass waren billig. Heute könnten sich nur noch wenige Familien in Bulgarien den teuren Sport leisten, sagt Lyuba Klenova, Marketingdirektorin von Boro Sport. Und wer genug Geld hat, fahre lieber ins Ausland. Nach Österreich oder Italien, wo die Pisten länger und sportlicher und die Skipässe nicht viel teurer sind. Oder nach Bansko, zum Emporkömmling unter den bulgarischen Skigebieten. Seit dort 2003 die neue, hochmoderne Gondel eröffnete, ist der große Skizirkus dorthin weitergezogen.

Klenovas Job ist es, das zu ändern. Dafür soll das Skigebiet nun schrittweise modernisiert werden. Denn mit Nostalgie und Patina lassen sich wahrscheinlich nur wenige Wintersportler locken. Momentan punktet Borowez vor allem mit seiner günstigen Lage. Aus Sofia fährt man nur eine knappe Stunde, deshalb fallen jedes Winterwochenende Horden von Hauptstädtern ein. Viele kommen für einen Tag, manche sogar nur für einen Abend.

Tagsüber können sie 58 Kilometer Piste hinabwedeln, die sich in drei Gebiete aufteilen. Sitnyakovo ist der älteste Teil, 1969 lief hier der erste Einser-Sessellift an. Die Pisten winden sich flach durch den Bergwald - Anfängerterrain. Im Skicenter Yastrebets liegen die beliebtesten Pisten wie die rote Popangelov, benannt nach dem erfolgreichsten Rennläufer der bulgarischen Skigeschichte. Sie sind steiler und länger: richtig zum Carven.

Ebenso sportlich, aber viel kürzer sind die Pisten in Markudjik, dem höchstgelegenen Teilgebiet. Bei klarer Sicht hat man hier oben, auf 2144 bis 2550 Metern Höhe, einen fantastischen Ausblick: auf den Musala, mit 2925 Metern der höchste Berg Bulgariens, und über die Ebene bis zum Witoscha, dem Hausgebirge Sofias. Aber man sieht auch einen weiteren Grund, warum Borowez dringend investieren muss. "Früher lag hier so viel Schnee, dass die Bäume nicht zu sehen waren", sagt Lyuba Klenova, als sie im Lift zwischen den Pisten hinauffährt. Nun ragen die Kiefern mehr als einen Meter aus dem Weiß. Im Rila-Gebirge fällt immer weniger Schnee, wie auf vielen Bergen. Im Winter 2013/2014 war deshalb Markudjik, wo keine Schneekanonen stehen, nur 19 Tage geöffnet.

Da der natürliche Schnee knapp wird, muss jetzt künstliches Weiß her. Mittlerweile lassen 160 Schneekanonen Kunstschnee auf die Pisten von Borowez rieseln, vor ein paar Jahren waren es nur 70. Ein weiteres Vorhaben ist es, das Skigebiet mit dem kleinen Konkurrenten Maljowiza zu "Super Borowez" zu verschmelzen. Derzeit liegt das Projekt allerdings auf Eis. Das Rila-Gebirge ist als Nationalpark geschützt. Jede Veränderung muss genehmigt werden. Viel Bürokratie, klagt Klenova. Bis alle Genehmigungen vorliegen und Investoren gefunden sind, ist sie mit dem Imagewandel beschäftigt. "Wir versuchen, ein Familienresort zu werden", sagt sie. "Aber das ist schwierig, weil wir über viele Jahre nicht diesen Ruf hatten."

Wofür Borowez derzeit bekannt ist, sieht man bei einem abendlichen Spaziergang durch den Ort. Jedes dritte Haus an der Vergnügungsmeile ist ein Stripclub. Im Minimarkt kosten zwei Liter Bier umgerechnet zwei Euro. Für jene Besucher, die zum Skifahren kommen, ist der zweifelhafte Rummel allerdings ein Segen: Morgens, wenn die jungen Feiertouristen ihren Rausch ausschlafen, kann man ungestört über die frisch präparierten Pisten kurven. Dann ist Borowez ein herrliches Skigebiet, auch ohne schicke Gondeln.

Quelle: RP
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