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Zeitreise in die DDR
Der alte Spreepark wird zum Museum
Der alte Spreepark wird zum Museum
Der alte Spreepark wird zum Museum FOTO: Christopher Flander
Berlin. Zu DDR-Zeiten lockten die Fahrgeschäfte in den Freizeitpark. Jetzt genießen die Besucher die morbide Atmosphäre. Von Arne Lieb

Das Riesenrad steht einsam im Gestrüpp. Die Schienen der Achterbahn sind von Unkraut überwuchert. Die ausgetrocknete Rinne der Wasserbahn rostet vor sich hin. Seit zehn Jahren ist der Spreepark in Berlin dem Verfall preisgegeben. Der stillgelegte Freizeitpark im Stadtteil Treptow, einst der größte der DDR, sieht aus, als sei er in einen Dornröschenschlaf gefallen.

Am Wochenende erwacht dieser faszinierende Ort aber seit kurzem wieder zum Leben, auch wenn die Fahrgeschäfte nicht mehr fahren. Tausende Besucher strömen an schönen Tagen auf das Gelände. Sie kommen, um die morbide Atmosphäre des Parks zu genießen, Fotos zu schießen oder den Nachmittag in dem improvisierten Biergarten gleich neben den verfallenen Kassenhäuschen zu verbringen - Berlin ist um eine kuriose Sehenswürdigkeit reicher.

Aufstiegt und Fall der DDR

Bei einer Führung über das Gelände erfahren die Besucher mehr über die faszinierende Geschichte des Parks. Die erzählt vom Aufstieg und Fall der DDR, dem krassen Schicksal einer Schaustellerfamilie - und einem jungen Idealisten, der sich in den Park verliebt hat.

Zu seinen größten Zeiten hatte der Park, der 1969 als "VEB Kulturpark Berlin" eröffnet wurde, 1,5 Millionen Besucher im Jahr. Anlass für den Bau war das 20-jährige Bestehen der DDR gewesen. Deshalb war der Rummel ein Prestige-Projekt: Um ihn abzuheben, importierte man Fahrgeschäfte aus nichtsozialistischen Ländern. Nach der Wende ging das Interesse der Berliner schnell zurück.

Der Hamburger Schausteller Norbert Witte eröffnete 1992 den Rummel als "Spreepark" neu, schaffte es aber nie, ihn wieder ans Laufen zu bringen. 2001 meldete die Spreepark GmbH Insolvenz an. Für Witte begann ein persönliches Drama, das kürzlich in dem Kino-Dokumentarfilm "Achterbahn" erzählt wurde. Er ging nach der Pleite nach Peru, geriet dort an die Drogenmafia und versuchte 2003 in einer Kirmes-Attraktion Kokain zu schmuggeln. Die Sache flog schon im Hafen von Lima auf. Sein Sohn Marcel sitzt in Peru immer noch seine 20-jährige Haftstrafe ab.

Für den Spreepark fand sich kein neuer Betreiber. Die Anlage verrottet seitdem hinter Stacheldrahtzaun vor sich hin. Ein Sicherheitsdienst vertreibt die Jugendlichen, die dort nachts Abenteuer erleben wollten.

Dass jetzt doch wieder Leben in den Park eingekehrt ist, ist Christopher Flade zu verdanken. Der Ostberliner, Jahrgang 1988, hatte als Kind den Park oft mit seinen Eltern besucht - und blieb auch als Jugendlicher fasziniert. Zwei Jahre nach der Schließung startete er eine Internetseite, auf der er die Geschichte des Parks erzählte und Fotos sammelte. Inzwischen hat er auch ein Buch über den Park geschrieben.

Flade stellte schnell fest, dass er nicht der einzige ist, der noch an dem Rummel im Plänterwald hängt. "Die Seite hatte unheimlich viele Besucher", erzählt er. Er kam in Kontakt mit Pia Witte, der Ex-Frau von Norbert Witte, die immer noch auf dem Gelände wohnt. Mit anderen Helfern entwickelten sie die Idee für den Museums-Park. Der ist ein Liebhaberprojekt: Der Kostenbeitrag, den Besucher für die Führungen zahlen, geht wie auch der Erlös des Getränkestands an den Sicherheitsdienst, der dafür den Betrieb am Wochenende ermöglicht.

Biergarten mit freiem Eintritt

Ein Besuch lohnt sich - im ehemaligen Eingangsbereich des Parks ist das "Café Mythos" entstanden, ein typisch berlinerisch improvisierter Biergarten mit freiem Eintritt, in dem auch Pia Witte und ihre Tochter häufig aushelfen. Es gibt eine Getränkebude und einen Crêpes-Stand mit kleinen Preisen. Auf der Wiese stehen im Sommer ein paar Liegestühle, auf denen sich hippe Berlin-Besucher fläzen. Dazwischen findet man Überbleibsel aus dem Park für ein Gruppenfoto - ein riesiges Mammut, dem der Rüssel abhandengekommen ist, oder ein verwitterter Wagen aus einem Karussell.

Wer von hier weiter will, hat zwei Möglichkeiten: eine Fahrt mit der instand gesetzten Bummelbahn oder eine Führung. Eine Erkundung auf eigene Faust ist verboten, aus "versicherungstechnischen Gründen", wie es heißt - niemand will die Verantwortung für Besucher übernehmen, die über die Attraktionen kraxeln und sich dabei verletzen.

Die Fahrt mit der Schmalspur-Eisenbahn, die zwei Euro kostet, gibt einen ersten Eindruck. Die Schienen führen allerdings an der Außenseite um den Park herum und damit nur an einigen Attraktionen vorbei. Außerdem ist das Gestrüpp sehr hoch, was den Blick häufig behindert. Dafür hat die Fahrt einen echten Gruselmoment: Sie geht durch einen verwitterten Tunnel, in dem es einen Moment komplett dunkel wird. Da verstummen plötzlich die Gespräche der Touristen.

Wer mehr über den Park erfahren will, sollte an der mehrstündigen Führung mit Flade oder einem seiner ortskundigen Mitstreiter teilnehmen. Nur auf diese Weise finden Besucher außerdem die besten Fotomotive, wie zum Beispiel das verfallene Piratenschiff, das heute in einem Teich mit grünem Wasser steht, oder die rostigen Achterbahnschienen, die in einem Monstermaul verschwinden.

Wie es mit dem Park weitergeht, weiß niemand. Bislang hat sich noch kein Interessent gefunden, der auf dem Gelände bauen will. So lange bleibt er als Erinnerungsstück erhalten. Die Park-Liebhaber basten an weiteren Ideen - und haben einen großen Traum: Das Riesenrad ist zwar lange nicht mehr gefahren, aber technisch noch intakt - vielleicht wird es sich eines Tages wieder drehen. 

Quelle: anch/csi/anch
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