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Skihalle Neuss
Eindrücke vom rheinischen Alpenidyll

Skifahren im schönen Neuss
Skifahren im schönen Neuss FOTO: dpa, pla
Neuss. Die Winter werden immer milder, auf Schnee ist in vielen Region nicht immer Verlass. Eine Alternative für das ganze Jahr: die Skihalle. Eine von ihnen steht in Neuss am Niederrhein - mitten im Flachland. Kommt dort überhaupt so richtig Alpenfeeling auf? Ein Ortsbesuch.

Zugegeben, es ist weiß und kalt. Die Skier baumeln während der dreiminütigen Fahrt nach oben vom Sessellift herunter, der Blick schweift auf die Piste, die an diesem Freitagnachmittag angenehm leer ist. Doch der Schnee, der auf dem Gipfel rieselt, kommt aus der Kanone. Das Bergpanorama von Kaprun ist auch nicht echt, sondern auf riesigen Plakaten abgebildet. Und wer nach oben schaut, blickt statt auf den Himmel auf ein schmuckloses Dach.

Die dazugehörige Halle steht am Niederrhein, am Stadtrand von Neuss. Sie ist eine von sechs Skihallen in Deutschland. Hier kann man das ganze Jahr über um den Gefrierpunkt Skifahren oder Snowboarden - auch dann, wenn es draußen herbstlich mild ist. Oder im Hochsommer. In Zeiten schneearmer Winter ist das ziemlich praktisch. Eines haben alle Hallen gemein: Sie liegen viele Autostunden von den großen Skigebieten der Alpen entfernt, wo im Winter Schnee garantiert ist.

Atemberaubende Alpen FOTO: dpa, zeh

300 Meter bergab - mitten in der Stadt

Wer im Herbst für den baldigen Skiurlaub üben möchte - der muss in die Halle. So wie Christiane Wöstmann und ihre Tochter Stefanie. Die beiden stehen startklar auf ihren Skiern und blicken vom höchsten Punkt der Strecke nach unten. Es geht los. Während Mutter Christiane ganz gemütlich die 300 Meter bergab fährt, rast die zehnjährige Stefanie schon aufs Ziel zu. "Oben ist die Piste steiler, unten wird sie auf Dauer ein bisschen langweilig", analysiert die Schülerin, die Ski fährt, seit sie ein Kleinkind war.

In der Tat entspricht der Oberhang der Strecke mit 28 Prozent Gefälle in etwa einer mittelschweren roten Piste in den Skigebieten. Danach wird es in Neuss aber schnell flacher, und das Niveau kommt dem einer blauen Anfängerpiste gleich. Was für Profis wie Stefanie schnell öde werden kann, bereitet weniger geübten Fahrern wie ihrer Mutter umso mehr Spaß: "Für Flachlandtiroler, die wieder ein bisschen in Übung kommen wollen, ist die Halle super", sagt Christiane Wöstmann und lacht.

Die schönste Aussicht auf der Rigi FOTO: dpa, Luzern Tourismus

Die Skihallen sind auf Anfänger und weniger erfahrene Skifahrer spezialisiert. Wie in Neuss gibt es auch auf allen anderen deutschen Indoor-Pisten Skischulen mit Kursen für Anfänger oder Wintersportler, die ihre Kenntnisse auffrischen wollen. Zu den Besuchern zählten nicht nur Menschen aus der Region, sagt Hauke Bochem von der Skihalle Neuss: "Wir hatten auch schon Skandinavier zu Gast, die hier ihren kompletten Skiurlaub verbracht haben." Tatsächlich trifft man in Neuss vereinzelt ausländische Gäste - ironischerweise sogar aus einem Mutterland des Wintersports, der Schweiz.

Doch Schnee allein macht kein Wintersportvergnügen. Das Ambiente ist wichtig. Was hat Neuss da zu bieten? Gleich im Eingangsbereich der Halle sollen Holzhütten an ein alpines Dorf erinnern. Das Personal trägt Dirndl und Lederhosen, und in den Restaurants, die ebenfalls rustikal gestaltet sind, gibt es wie in Österreich Schnitzel oder Kaiserschmarrn. Die Betreiber der Halle arbeiten eng mit der Wintersportregion Salzburger Land zusammen, einige Mitarbeiter kommen aus dem Nachbarland. Man wolle den Wintersportfreunden auf diese Weise ein authentisches österreichisches Lebensgefühl vermitteln, sagt Bochem. "Hier können die Gäste üben, später buchen sie ihren Skiurlaub im besten Fall im Salzburger Land." Ob Almdudler und Sessellift authentisch sind, wenn man sich gerade unweit der Niederlande, aber gewiss nicht in Alpennähe befindet - das sei dahingestellt. Doch den Gästen scheint es zu gefallen.

"Man fühlt sich hier wie im Kurzurlaub, nur ohne große Kosten", sagt Rosie Löb und nippt an ihrem Cappuccino. Gemeinsam mit ihrem Mann Horst und ihrer erwachsenen Tochter Annika sitzt sie an einem Tisch in einem der Restaurants. Skifahren kann keiner der drei, für sie erfüllt die Halle eher die Funktion eines Vergnügungsparks. Denn zur Halle gehören auch ein Biergarten, ein Hochseilgarten mit Kletterwand und ein Minigolfplatz. "Im Biergarten waren wir schon öfter, bald wollen wir auch mal die Golfanlage ausprobieren", erzählt Löb.

Tagungen zwischen Kunstschnee 

Kitzbühel ist mehr als Streif und Hahnenkamm FOTO: dpa, pla gab

Sie und ihre Familie sind nicht die einzigen Gäste, die nicht zum Skifahren in die Halle gekommen sind. Da ist der kleine Junge, der im Selbstbedienungs-Restaurant an einem bunt geschmückten Tisch sitzt und mit seinen Freunden Kindergeburtstag feiert. Da ist die lustige Truppe aus Mönchengladbach, ein paar befreundete Paare in den Vierzigern, die sich zum Eisstockschießen und Glühwein trinken verabredet hat. Und da sind die Menschenmengen, die an diesem Abend in ein eigens aufgestelltes Bierzelt pilgern, um in bayerischer Tracht ein Oktoberfest zu feiern. Ein solches Event findet nicht nur in der Skihalle Neuss regelmäßig statt. So lädt die Halle in Wittenburg östlich von Hamburg zum Sonntagsbrunch oder zum Zumba, in Bispingen in der Lüneburger Heide soll eine große Silvesterparty Menschen aus der Region anlocken.

Vielleicht auch wegen der vielen Aktivitäten haben sich einige der Skihallen ähnlich wie manche Freizeitparks als Ort für Tagungen etabliert. So baute der Betreiber in Neuss 2011 ein Hotel mit 50 Betten und zehn Seminarräumen neben die Halle. Die Zimmer tragen Namen wie Edelweiß und Bärenfell, an Deko-Hirschgeweihen wurde nicht gespart - und selbst am Frühstückstisch begegnet einem Butter aus dem Salzburger Land. Mangelnde Konsequenz könnte man den Betreibern beim Bier vorwerfen. Denn das kommt nicht aus der Alpenrepublik, sondern aus Friesland. Der Namensponsor der Halle verpflichtet.

Es ist spät geworden in Neuss, keiner fährt mehr Ski. Man trifft sich nun im Hasenstall, der Diskothek - oder auf dem Oktoberfest. Aus dem Bierzelt dröhnt der "Anton aus Tirol", die Partygäste schunkeln und singen laut mit. Beim Après Ski kommt es offenbar nicht darauf an, ob Österreich nun im Süden oder am Niederrhein liegt.

(ham/dpa)
 
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