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Urlaub in Deutschland
Ostfrieslands Kirchen und ihre Orgeln

Ostfriesland und seine Kirchenorgeln
Ostfriesland und seine Kirchenorgeln FOTO: dpa
Rysum/Weener. Kostbares verbirgt sich in ostfriesischen Dorfkirchen: Mit über 300 historischen Orgeln gilt die Region in Nordwestdeutschland als reichste Orgellandschaft der Welt. Musikliebhaber kommen von Ostern bis Oktober zu zahlreichen Konzerten in die Gotteshäuser.

"Am besten nehmen Sie auf einer Bank in der Kirchenmitte Platz", rät Organistin Jutta Tammeus den Besuchern der Rysumer Dorfkirche. Dort ist das Hörerlebnis am besten. Über enge, knarrende Stiegen steigt die Musikerin zur Orgel hinauf und bringt das mehr als 550 Jahre alte Musikinstrument zum Erklingen.

Nur rund 750 Einwohner zählt das idyllische Warftendorf inmitten der sattgrünen Weiden der Krummhörn, wie der platte Landstrich zwischen Emden, Greetsiel und Norden heißt. "Mit unserer Orgel hüten wir einen Schatz", sagt Tammeus. Die Rysumer Orgel ist die älteste unter den mehr als 300 Orgeln in Ostfriesland und der benachbarten niederländischen Provinz Groningen. "Mit ihren sieben Registern ist sie auch heute noch voll bespielbar und damit sogar eine der ältesten Orgeln weltweit", erklärt die Musikerin.

Um das Jahr 1442 wurde die Orgel mit ihrem gotischen Pfeifenwerk in einer Groninger Werkstatt gebaut, das genaue Baujahr liegt heute im Dunkeln. Belegt ist nur die Bezahlung des Instrumentes: mit "vette Beeste", also wohlgenährten Rindern. Die wohlhabenden Rysumer Marschenbauern verschifften ihre Tiere zum Markt nach Groningen und konnten sich mit dem Verkaufserlös ihre Orgel leisten.

Rysum ist keine Ausnahme im fruchtbaren Marschenland hinter der ostfriesischen Küste: Vom 15. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zeigten die Bewohner ihren Wohlstand in der prunkvollen Ausstattung ihrer Dorfkirchen. "Ostfriesland gilt als reichste Orgellandschaft der Welt. Bei uns ist die historische Orgel in einer Kirche der Normalfall", sagt Winfried Dahlke, Direktor der Orgelakademie Organeum in Weener. Das 1997 gegründete Orgelzentrum dokumentiert und präsentiert die historischen Orgeln zwischen Dollart und Jadebusen und auch in der Provinz Groningen hinter der Grenze.

Musiker aus aller Welt kommen zur Fortbildung ins Organeum. Gruppen von Orgelfreunden starten von hier aus zu musikalischen Exkursionen in die viele Jahrhunderte alten, trutzigen Dorfkirchen. "England, Frankreich und Italien liegen bei uns ganz nah beieinander - orgelhistorisch betrachtet. Zwischen Rhede und Jemgum sind wir auf der kleinen europäischen Orgelstraße unterwegs", erzählt Heikens.

Da steht in der Georgskirche von Weener die Orgel aus der Werkstatt des berühmten norddeutschen Orgelbauers Arp Schnitger von 1710. In der Kreuzkirche des Nachbardorfes Stapelmoor erklingt eine französische Orgel, die nach dem Vorbild des Orgelbauers Louis-Alexandre Clicquot von 1734 erbaut wurde. Im Dorf Jemgum ertönt eine englische Orgel von 1844, sie gehörte einst dem Bürgermeister von London. Und nur ein paar Autominuten südlich, schon im Emsland gelegen, lauschen Orgelfans in der Alten Rheder Kirche den feinen Klängen einer italienischen Orgel aus dem 18. Jahrhundert, die wohl von dem sizilianischen Orgelbauer Fabrizio Cimino stammt.

Zahlreiche Orgelkonzerte finden in den Dorfkirchen zwischen Ostern und Oktober statt. Organist Heikens entführt die Gäste im Organeum manchmal in seine niederländische Heimat, in die kleine Dorfkirche von Midwolda: "Hier steht die größte Dorforgel der Niederlande mit 33 Registern." Sie stammt aus dem Jahr 1772, wurde in Groningen gebaut und ist noch im Originalzustand erhalten geblieben. "Ihr Klang ist einmalig", schwärmt Heikens.

Ein Höhepunkt in der Region ist der Krummhörner Orgelfrühling. Das Festival findet 2015 vom 2. bis 7. Juni statt und unterstreicht die Bedeutung der einzigartigen Orgellandschaft. Kräftig in die Pedale ihrer Fahrräder treten müssen die Orgelfans während der Krummhörner Kirchturm-Tour am Samstag, den 12. September 2015. Die Rundtour durch 19 Dörfer zwischen Rysum und Greetsiel ist 65 Kilometer lang, 23 Kirchengemeinden öffnen ihre Gotteshäuser. Ostfriesische Teetafeln in den Orten stärken die Besucher.

In Ostfriesland gibt es auch heute noch viele Orgelbauer. Einige Werkstätten gibt es in der Ems-Dollart-Region zu sehen. Eine der bedeutendsten ist die Orgelbauwerkstatt Jürgen Ahrend in Leer-Loga. Dort entstehen einerseits neue Orgeln, andererseits werden viele historische Instrumente restauriert.

Orgeln der Leeraner Spezialisten erklingen etwa in Japan, Kanada oder in den USA. In Ostfriesland hat die Werkstatt während der vergangenen 60 Jahre etliche der historischen Kirchenorgeln restauriert. Die Instrumente etwa in Rysum, Dornum, Marienhafe, Westerhusen, Uttum, Pilsum und die bedeutende Arp-Schnitger-Orgel der Ludgerikirche in Norden erklingen so wieder in glanzvollen Tönen. In der evangelisch-reformierten Großen Kirche von Leer jedoch steht die endgültige Restaurierung der Orgel noch aus - wegen Geldmangels.

(dpa)
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