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Deutschlandreise
Trier: Goethe, komm bald wieder

Das müssen Sie in Trier gesehen haben
Das müssen Sie in Trier gesehen haben FOTO: LianeM/Shutterstock
Trier. Für den Großdichter war Trier noch ein "altes Pfaffennest". Doch die Stadt hat sich gemausert: Sie bietet auf engstem Raum Baudenkmäler aus zwei Jahrtausenden. Fünf Stätten gehören sogar zum Unesco-Weltkulturerbe, darunter die berühmte Porta Nigra. Von Roland Morgen

Als Johann Wolfgang von Goethe im August 1792 erstmals in Trier weilte, da fiel dem sonst so Sprachgewaltigen Kleinkariertes ein. Es sei ein "altes Pfaffennest", schrieb er an Christiane Vulpius in Weimar. Heutzutage würde es dem Dichterfürsten kaum mehr in den Sinn kommen, derart Despektierliches über Trier zu äußern, das seit 1987 Partnerstadt von Weimar ist. Gleichwohl traf Goethe mit seinem Pfaffennest-Geläster einen wahren Kern. Alt war Trier damals schon, gegründet 17 vor Christus als erste Stadt auf heutigem deutschen Boden. Den Namen des kaiserlichen Gründervaters trug sie bis etwa 300: Augusta Treverorum - Stadt des Augustus im Land der Treverer. Frisch zur Hauptstadt des weströmischen Teilreichs erkoren, nannte sie sich Treveris.

Mit den Kaisern kamen die Vorläufer von Pfaffen ins Spiel. Unter Konstantin & Co. mussten Triers Christen keine Heimlichtuerei mehr betreiben. Die Herrscher förderten eines der gewaltigsten Kirchenbauprojekte im ganzen Imperium, und das ohne Maß und Ziel. Gotteshäuser sollten nicht aussehen wie Heidentempel, aber es gab ja noch keine Vorbilder. Also wurde geklotzt. Der Dom und die Liebfrauenbasilika bilden einen imposanten und immer noch gewaltigen Komplex, bedecken aber nur etwa die Hälfte der Fläche, auf der ihre Vorgänger-Kirchenanlage des 4. Jahrhunderts stand.

Die Römer gingen, zerstörungswütige Germanen kamen, der Dom aber blieb. Er ist seit der Antike die Konstante in Trier - mit allen Vor- und Nachteilen für die mittelalterliche Bevölkerung, die nicht dem Klerus angehörte. Nachdem Normannen 882 das, was von der römischen Stadt übrig geblieben war, weitgehend vernichtet hatten, betrieben die Erzbischöfe unermüdlich den Wiederaufbau. Sie verhinderten aber auch, dass das aufkommende Bürgertum schnell allzu selbstständig wurde. Maßgebliche Politik wurde in der Domstadt, quasi ein nordalpiner Klein-Vatikan, gemacht. Basta.

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Die Einnahme 1794 durch französische Revolutionstruppen bedeutete das Ende des Kirchenstaates Trier. Adieu, Pfaffen! Adieu, altes Stadtbild. Napoleon ließ ein Dutzend Kirchen und Klöster abreißen. Auch die Porta Nigra kam nicht ungeschoren davon. Das Nordtor der im späten 2. Jahrhundert erbauten römischen Stadtmauer war 1035 nach dem Tod des Einsiedlers Simeon, der dort seine letzten Lebensjahre verbrachte, zur Kirche umfunktioniert worden - ein Umstand, der sie vor dem Steinbruch-Schicksal der drei übrigen großen Torburgen bewahrte. Der Franzosenkaiser ordnete an, alle nachantiken An- und Aufbauten samt 60 Meter hohem Turm zu entfernen. Dann erlebte Napoleon sein Waterloo, und immerhin die Ostapsis von 1150 und das Simeonstift (Domizil des Stadtmuseums) überlebten.

Der Wandel im Stadtbild vor 200 Jahren erlebt seit dem späten 20. Jahrhundert eine nachhaltige Neuauflage. Konversion ist das Zauberwort, sprich: Umwandlung von Militär-Liegenschaften für zivile Zwecke. Kasernen, Übungsplätze und Wohnsiedlungen hatte Trier, mit bis zu 15 000 stationierten Soldaten zeitweilig größte französische Garnison nach Paris, reichlich. Selbst mitten in der Altstadt war Sperrgebiet für Normalbürger: Im 1824/25 erbauten Kasino am Kornmarkt, einst Treffpunkt der literarischen Gesellschaft und Schauplatz rauschender Bälle, verkehrten nur Offiziere und die von ihnen eingeladene Hautevolee.

Nach dem Abzug der letzten französischen Einheiten 1999 lief die Konversion bereits hochtourig. Das Kasino beherbergt heute zwei Gaststätten, eine Buchhandlung und einen Veranstaltungssaal. Daran, dass der Platz vor seinen Türen bis zum Jahr 2000 ein Großparkplatz war, denkt man allenfalls mit leichtem Grausen zurück. Überhaupt präsentierten sich Triers schönste Plätze bis in jüngere Vergangenheit wie Ausstellungshöfe von Autohändlern. Einer von ihnen, der zu den Vereinigten Hospitien gehörende südliche Teil des Irminenfreihofs, ist seit seiner Entblechung und Umgestaltung ein echter Stadtoasen-Geheimtipp.

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Goethes Meinung über Trier hat wohl ebenfalls einen Konversionsprozess durchlaufen: "Ich wünschte wohl, die Stadt in guter Jahreszeit, an friedlichen Tagen zu sehen, ihre Bürger näher kennen zu lernen, welche von jeher den Ruf haben, freundlich und fröhlich zu sein", notierte er in Erinnerung an seinen zweiten und letzten Besuch der Stadt im Oktober 1792.

Käme er wieder, er fände nur wenig Anlass zum Maulen. Die Altstadt bietet auf nur einem Quadratkilometer Fläche zwischen frisch restauriertem Balduinbrunnen und mittelalterlicher Stadtmauer-Bastion in der Südallee weniger "Pfaffen" denn je, dafür aber Baudenkmäler aus zwei Jahrtausenden, darunter fünf Mal Unesco-Weltkulturerbe: Porta Nigra, Dom/Liebfrauen, Konstantin-Basilika, Kaiserthermen, Römerbrücke. Meinungswechsel a la Goethe - das können Trierer auch. Groß war das Geschrei, als das Land Rheinland-Pfalz einen von Stararchitekt Oswald Mathias Ungers geplanten Schutzbau aus viel Stahl und noch mehr Glas für die 1987 unter dem Viehmarkt entdeckten Römergemäuer, die einst als Thermenanlage dienten, baute. Wollte heute jemand der "Ungers-Vitrine" an den Kragen, wäre das Geschrei noch viel größer.

Quelle: RP
 
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