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Ausflug ins Wendland
Wandern zwischen Elbhöhenweg und Elbtalaue

Märchenhafte Wanderungen durchs Wendland
Märchenhafte Wanderungen durchs Wendland FOTO: dpa, pla
Hitzacker. Grün ist das Wendland. Waldig, moosig, mit wie aus der Zeit gefallenen Dörfern. Doch statt einer mittelalterlichen Magd zeigt sich die Herbstsonne und hüllt Alleen und Wälder glänzend ein. Sie macht Lust auf eine Region, in der es keinen Platz für Hektik gibt.

Hitzacker liegt an der Einmündung der Jeetzel in die Elbe, gesäumt von Elbhöhe und Elbtalaue. Beim ersten Anstieg in dem Luftkurort mit 13 Prozent Steigung merkt man: Dies ist eine Wanderregion. Diplom-Biologe Andreas Lange kennt sie wie kaum ein Zweiter. "Ich gehöre zum Inventar der Jugendherberge", sagt der 55-Jährige und zeigt auf das Gebäude hinter sich. Lange bringt Jugendgruppen den Elbe-Lehrpfad nahe - also ab ins Dickicht.

Laub raschelt unter den Füßen, wie braune Pergamentschnipsel bedeckt es den Waldboden. Darunter: Sand. Der Biologe lädt ein zur "kleinen Zeitreise, 200 000 Jahre zurück". Er berichtet von Gletschern, die Sand von Skandinavien und aus der Ostsee zu einem Wall auftürmten, zu einer Endmoräne - 150 Meter hoch, 15 bis 25 Kilometer breit. Die Wandergruppe steht auf den letzten Resten dieses Walls, doch nun soll es von 75 Metern über Normalnull sanft bergab gehen.

Die zehn beliebtesten Wanderregionen im Herbst FOTO: holidaycheck.de

Nicht aber, ohne kurz die Baldachinspinne am Wegrand zu beachten. Schließlich ist man im Biosphärenreservat unterwegs. Das ist eingeteilt in drei Schutzzonen, so Lange: "A sind Ortslagen, B die Landschaftsschutzgebiete, C umfasst die früheren Naturschutzgebiete - also das Heiligtum." Und durch dieses geht es achtsamen Fußes hinab in Richtung Elbe, die nach dem weißen Sand benannt wurde, der immer wieder auf den Waldpfaden im Herbstlicht aufleuchtet. Alba, weiß der Gästeführer, ist lateinisch für weiß. Irgendwann wurde aus dem Fluvius alba, dem weißen Fluß, die Elbe.

Die ufernahen Wälder waren bevorzugte Jagdgebiete für Wölfe, erzählt Lange an einem großen, hölzernen Schild mit der Aufschrift Wolfsschlucht: "Die lebten hier wie im Schlaraffenland, da alle Tiere praktisch an ihnen vorbei zum Wasser mussten." Das währte aber nicht ewig. "Irgendwann konkurrierten die Menschen mit den Wölfen um dieselbe Nahrung", erklärt der Biologe. Man entledigte sich der Konkurrenz. "Heute, viele Jahre nachdem die Wolfsschlucht ihren Namen bekam, gibt es in der Nähe bei Gartow wieder zwei Rudel Wölfe."

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Weiter geht es, durch Hochwassergebiete mit sumpfig-saftigen Böden. Das Laub wird weniger, die Brennnesseln mehr. Mischwald weicht der Elbtalaue. Ein Kuckuck, ein Kinderlachen, dann öffnet sich der Blick auf den Fluss. Das Ufer ist ein Eldorado für Storchenschnabel, Springkraut, Elbespitzklette, Girsch und mehr. 52 Fischarten existieren in der Elbe. Gehölze und Tümpel beherbergen etliche Frosch- und Krötenarten, Molche, Krebse, Schnecken. Irgendwo schimpft eine Amsel, während Andreas Lange Zahnspuren des Elbebibers an einem Baumstumpf zeigt. Der kehrte, nachdem seine Art nahezu ausgestorben war, etwa 1990 auch in die niedersächsische Elbtalaue zurück. Der geschätzte Bestand im Biosphärenreservat aktuell: mehr als 500 Tiere.

Die Natur ist mächtiger als die Auffassungsgabe. Überbordend, ursprünglich. Der Auenwald mit seinen Pappeln und Silberweiden verzaubert. Das leise Singen einer wandernden Frauengruppe klingt aus der Ferne wie Elbenmusik. Die Eingänge zu den Bunkern am Wegrand, in denen die Nationalsozialisten einst Treibstoff versteckten, wirken da fast surreal. Ebenso wie der Gedanke an einen der nördlichsten und kleinsten Weinberge Deutschlands auf der nächsten Höhe über der Elbe - mit nur knapp 100 Weinstöcken. Ein schneeweißer Gedenkstein an einer Kastanie lädt zum Halt ein. Viele Frauen wurden im Mittelalter als Hexen verbrannt. Der Stein erinnert an eine von ihnen.

Kleine Serpentinen ziehen sich durch den Weinberg, um an den Fundamenten einer slawischen Burg aus dem 7. Jahrhundert zu münden. Der Höhenweg entlang der Steilkante gipfelt an einem Aussichtspunkt mit Panoramablick auf Wälder, Wiesen und Wasser bis weit ins Mecklenburger Land. "Ein Märchen besagt, dass früher die Zwerge den Menschen der Region geholfen haben. Sie lebten im Weinberg und bekamen als Dank immer eine Pfanne und einen Krug mit Brot und Bier", sagt Lange. "Dann kamen Wanderer, haben das Bier getrunken, das Brot gegessen und ihre Notdurft in der Pfanne verrichtet. So entstand der Begriff Pannenschieter. Die Zwerge jedenfalls waren so erbost, dass sie den Weinberg verlassen haben."

Einige Kilometer weiter wird klar, wo die Zwerge danach gelandet sind. Die puppigen Rundlingsdörfer Jabel, Lübeln oder Gühlitz können nur von Märchengestalten erbaut sein, denkt man. Zu schön sind die Bauernhäuser mit ihren großen, halbrunden Türen, den kunstvollen Fachwerkfassaden mit geschnitzten und farbig bemalten Dekorationen.

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Laut dem Experten gibt es dennoch einige andere Theorien, wie die kleinen Dörfer mit dem speziellen Grundriss im 12. Jahrhundert entstanden. Möglich sei, dass die Wenden eben gern gesellig waren. Da die Häuser im Hufeisen zueinander stehen, konnte man sich folglich leichter sehen. Dagegen spreche, dass es Rundlinge von Kiel bis Prag gab. Während sie fast überall anders über die Jahrhunderte umgeformt wurden, blieben sie im Wendland erhalten. Theorie zwei bemüßigt den Gedanken einer Art Trutzburg, durch die Nähe der Häuser zueinander. Da die meisten Rundlinge reetgedeckt sind, scheint das aber im Brandfall gerade wenig sinnvoll. Fakt aber sei, dass die Dörfer nach den Wendenkreuzzügen von Norden nach Süden planerisch entstanden.

Entlang der Storchenstraße mit ihren zahlreichen Nestern auf Schornsteinen und Reetdächern geht es zurück nach Hitzacker. Die Stadtinsel präsentiert ihre denkmalgeschützten Fachwerkhäuser und Gassen in wohlig rot-orangem Abendlicht. Die wandermüden Knochen werden in den Kneipp-Anlagen des Kurortes wiederbelebt. Dann wartet der Elbstrand mit seinem feinen, hellen Sand und einer Ruhe, die heute selten geworden ist.

(dpa/ham)
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