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Fürstentum Andorra
Ein Bergdorf lädt zum Shoppen ein

Fürstentum Andorra: Ein Bergdorf lädt zum Shoppen ein
FOTO: Shutterstock.com/ Anibal Trejo
Das Pyrenäen-Fürstentum Andorra wird von zwei Prinzen regiert und taucht trotzdem selten in den Klatschspalten auf. Von Helge Sobik

Plötzlich ist alles wieder so, wie es gehört und erwartet. Von irgendwoher läuten Kirchturmglocken, deren Klang im Tal von den Bergen hin und her geworfen wird. Aus einem geöffneten Fenster klingt Gitarrenmusik. Vor einer Tapas-Bar plaudern und lachen noch ein paar Menschen, während jemand mit zwei wuscheligen Pyrenäen-Hütehunden an der Leine vorbeispaziert. Plötzlich ist wieder der Wind zu hören, die Bergluft zu schmecken. Auf einen Schlag hat sich aller Trubel gelegt, ist alles Geschiebe vorbei, der Alltag zurückgekehrt: Samstagabend in Andorra La Vella, der Hauptstadt von Andorra.

Gleich nach Ladenschluss ist das Fürstentum wieder ein stilles Land in den Pyrenäen, nur 468 Quadratkilometer groß. Dann sieht es auch in den eben noch verstopften Straßen der Hauptstadt wieder aus wie in den Ortschaften Encamp oder Canillo, wie in La Massana und Ordino weiter oben gelegen.

Ralph Lauren dagegen ist im Tal geblieben, Calvin Klein kam nie über 1100 Meter hinaus. Armani macht es nicht anders als Hilfiger, Rolex und viele andere Luxusmarken. Sie bleiben dort, wo sich die Menschen drängen, wo Andorra dicht bebaut ist und die Parkplätze schnell knapp werden. 22 000 Einwohner hat die Kapitale des Pyrenäen-Fürstentums, des sechstkleinsten souveränen Staates Europas. Und an manchen Tagen fühlt es sich an, als wären es ein paarmal so viele, die in den Edel-Boutiquen Bummeln gehen. Warum das so ist? Andorra gilt als Shopping-Paradies - wegen der niedrigen Zölle und der niedrigen Mehrwertsteuer. Luxusmarken sind spürbar günstiger als nebenan in Spanien oder Frankreich. Die Nachbarn kommen vor allem Ende der Woche in langen Autokolonnen, um Beute zu machen - ob mit Marken-Logo oder ohne. Nach Ladenschluss verläuft es sich wieder, und die Stadt mit all ihren Geschäften und den sechsstöckigen Wohntürmchen wird wieder zu dem, was sie eigentlich ist: ein Bergdorf - nur ein bisschen aus der Form geraten. Nicht der schönste Flecken in diesem Land.

Wo Andorra noch wie damals ist, bevor es Einfuhrzölle, Mehrwertsteuer und Schlussverkäufe gab? Weiter oben in den Bergen. Und abseits der Straßen. Am besten fährt man mit dem Auto und geht dann weiter zu Fuß. Vielleicht fährt man auch mit der Seilbahn. Hotels gibt es selbst hoch oben, dazu stille Seen und viele ausgeschilderte Wanderwege.

Manchmal kommt der Winter wieder zurück, mitten im Sommer, und tupft über Nacht die Bergspitzen weiß. Der Winter ist in Andorra nie weit - nicht in einem Land, das kleiner ist als die Insel Ibiza, und es doch auf 65 Gipfel bringt, die die 2000-Meter-Grenze überschreiten.

Die Luft ist besonders klar an solchen Tagen, und manchmal dauert es bis zum Mittag, bis die Moose neben den Wanderpfaden wieder so weit aufgewärmt sind, dass sie als Picknick-Plätze taugen, als Logenplatz mit Aussicht auf all die Berge drumherum - auf Granit, der den Blick auf Andorra La Vella verstellt, auf Ralph Lauren, Tommy Hilfiger und all die anderen Edelboutiquen da unten im Tal.

Den relativen Reichtum sieht man diesem Land an. Baufällig ist hier fast nichts, und wirklich alt sind nur die Kirchen. Andorra ist blitzsauber, einmal runderneuert. Anlage-Milliarden vieler Kontobesitzer machen es indirekt möglich, und niedrige Einkommensteuersätze haben es schon lange für viele erstrebenswert gemacht, sich um die Staatsbürgerschaft zu bemühen, hier eine Villa am Hang zu errichten, ein altes Gehöft zum Luxus-Domizil umzubauen oder in eine ultramoderne Zweitwohnung mit Panoramablick zu investieren. Was von all dem Geld nebenbei in den Staatskassen hängen blieb, wurde in Infrastruktur und Antlitz investiert.

Dabei geht es hier kaum jemandem ums Sehen und Gesehen werden, eher um das Gegenteil. Andorra ist weniger "klatschhaft" als Monaco. Und selten taucht das Fürstenhaus in den Spalten der Illustrierten auf, obwohl es zwei gleichberechtigte Prinzen gibt, die das kleine Land regieren. Seit vielen Jahrhunderten ist das schon so.

Aus derselben Familie sind sie nie: Der eine ist als Rechtsnachfolger des französischen Königs der gerade amtierende Präsident von Frankreich, der andere der Bischof von Urgell auf spanischer Seite. Beide führen den Titel "Ko-Prinzen von Andorra". Das Prinzip hat sich bewährt. Seit 1278, als noch niemand darüber nachdachte, das Andorra La Vella mal ein Shopping-Reiseziel werden könnte. Die beiden sind seltenen da, noch seltener gemeinsam. Und zum Wandern in den Bergen haben sie sich angeblich noch nie verabredet. Sicher ein Fehler.

 

Quelle: RP
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