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Eine Insel wird lässig

In letzter Zeit ist oftmals vom "neuen Norderney" die Rede. Und das hat viel mit dem Brune-Stil zu tun. Von Dirk Weber

Das Herz Norderneys schlägt in der Milchbar, direkt am Nordstrand, mit höchstens 80 Beats per minute. Zweimal im Jahr legt dort das DJ- und Produzenten-Duo Blank & Jones auf und sorgt mit super entspannten Klängen für relaxte Gesichter. Bei miesem Wetter gewährt die große Glasfront einen 270-Grad-Blick auf die tosende See. Bei gutem Wetter könnten sich die Gäste auf der Terrasse stapeln, so begehrt sind die Plätze.

Noch zwei Namen sind eng mit der Milchbar verbunden: die der Betreiber Marc (Architekt) und Jens (Hotelier) Brune. Ihnen gehören auch das Seesteg, ein Luxushotel der Relais und Châteaux-Gruppe schräg hinter der Milchbar, und das Inselloft, ein Konzepthotel schräg hinter dem Seesteg. Ebenso waren sie an der Neugestaltung des Badehauses (seitdem bade:haus) und des Conversationshauses beteiligt, eröffnen in diesem Monat ein Wiener Kaffeehaus auf der Marienhöhe und, wenn alles gut geht, in ein paar Jahren das Grand Beach Hotel, das erste Fünf-Sterne-Haus der Insel. Noch Fragen?

Die Familie Brune, gebürtig aus Bremen stammend, ist seit vier Generationen auf der Insel tätig. Ihr gehört das Haus am Meer (Wittehuus und Rodehuus, beide erste Reihe) und - seit 1922 - das Gästehaus Mondmuschel in der Halemstraße. Großvater Walter Brune, ein Stadtplaner und Architekt, entwarf unter anderem die Kö-Galerie und die Schadow Arkaden in Düsseldorf. Vater Ewald, ebenfalls Architekt, entwickelte Projekte für die Deutsche Bank, Beck's und Coca Cola. Jetzt sind die Söhne an der Reihe und deren Stil zeigt sich am besten in ihren Hotels: mondän, aber nicht aufgesetzt; lässig und trotzdem verbindlich. So würde man selbst gerne wohnen, wenn man es sich leisten könnte.

Wer bei Norderney reflexartig an Kegelclubs, Klassenfahrten und Kurgäste mit Spazierstock (inzwischen sind es Nordic-Walking-Stöcke) denkt, liegt damit nicht ganz daneben. Denn es gibt sie noch, diese etwas piefige, altbackene Seite, die nach Bohnerwachs riecht. Aber eben nicht nur. Die Insel steckt im Umbruch. Es gibt pfiffige Geschäftsleute mit frischen Ideen, die das Bild der Insel positiv verändern, so wie Tobias Pape, der seit 2012 ein Insel-Bier braut und, weil er mit der Produktion nicht mehr nachkam, deswegen umziehen musste; oder Karl Hans-Sigges, der im Yachthafen mit dem Restaurant "neys PLACE" (neben der Hafenkneipe "Aalkuhle") ein Gefühl von Côte d'Azur aufleben lässt. Beispiele, die einen neuen Geist beschwören. Und dadurch Gäste anlocken, die ihren Urlaub sonst vielleicht eher auf Sylt verbracht hätten.

Herbert Visser, Marketingleiter der Insel, kann den Vergleich nicht mehr hören. "Wir versuchen nicht, wie Sylt zu sein. Jede Insel hat ihren eigenen Charakter und ihre eigenen Fans. Norderney ist der bunte Strauß, der für alle etwas zu bieten hat - für Familien genauso wie für Sportler, für Ruhesuchende genauso wie für Kurgäste und Flaneure." Rund 6000 Norderneyer leben auf der Insel. 2015 empfingen sie 530.000 Gäste. Rekord! Visser: "Das reicht, viel mehr können wir gar nicht unterbringen."

Um zu verstehen, was auf der Insel passiert, lohnt ein Blick in die Vergangenheit. Norderney war das zweite Seebad Deutschlands (nach Heiligendamm), das erste an der Nordsee (seit 1797). So wie Baden-Baden seit dem 18. Jahrhundert das Modebad im Süden Deutschlands war, entwickelte sich Norderney 100 Jahre später zum Gesellschaftstreff im Norden. Nicht nur der europäische Hochadel gab sich hier die Klinke in die Hand. Auch Heinrich Heine, Theodor Fontane, Wilhelm von Humboldt und Clara und Robert Schumann kamen, um die salzige Luft zu schmecken. Risse bekam das Image erst, als man in den 1970er Jahren das Bauen anfing, leider nicht immer geschmackvoll. Den Traditionsgästen ist das egal. "Die beschweren sich eher darüber, dass ein bestimmtes Sinfonieorchester nicht mehr auftritt, obwohl es das seit Jahren nicht mehr gibt", erzählt Visser.

Und dann gibt es die, die etwas von dem alten Glanz des Seebads wiederentdecken möchten. Und die Brunes sind mittendrin. "Ich weiß noch, als ich mit meinem Bruder auf dem Dach des Rodehuus saß, und wir uns vorstellten, was wir als nächstes machen würden", erzählt Jens Brune. "Die Welt stand uns offen. Bis uns auffiel, dass viele Pensionen um uns herum leer standen. Da fassten wir den Entschluss, dass wir der Insel etwas zurückgeben wollten." Erst wurde das Badehaus auf Vordermann gebracht, sozusagen als öffentliches Schwimmbad, 2006 eröffneten sie das Hotel Seesteg, das so heißt, weil in dem Gebäude früher der Seesteg eingelagert wurde. Ein Luxus-Hotel mit nur 16 Zimmern, Sterneküche und einem Infinity Pool auf dem Dach - und das zu einer Zeit, in der das Motto "Geiz ist geil" die Runde machte. 2012 kam das Inselloft dazu, ein Designhotel mit familiärem Flair und einer Veranda, auf der im Sommer Dutzende Nicht-Gäste Schlange stehen, um sich die besten Brötchen der Insel zu kaufen. Typisch Brune. "Wir wollen den Gästen ein privates Refugium schaffen, in dem sie sich wohl fühlen", sagt Jens Brune.

Details sind ihnen wichtig. In der Beziehung seien er und sein Bruder wie Trüffelschweine. "Wir suchen akribisch nach bestimmten Materialien, um bei unseren Gästen ein Aha-Erlebnis auszulösen." Ein Beispiel: Der alte Klinker des Seestegs war salzdurchtränkt und marode, als sie das Gebäude übernahmen. Aus Kostengründen hätten sie eigentlich Industrieklinker verwenden müssen. Sie aber fanden eine Firma, die kohlegebrannte Ziegel herstellt, um damit den Charme der alten Lagerhalle zu erhalten. "Sagen wir so: Das neue Norderney ist die Integration des alten Norderneys", sagt Marketingleiter Visser. Die Brunes haben das verinnerlicht. Ganz lässig. Mit Stil.

Quelle: RP
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