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Rio De Janeiro
Eine Traumstadt mit Problemen

Rio De Janeiro. Copacabana, Zuckerhut, Samba. Rio de Janeiro hübscht sich auf für die Olympischen Spiele. Doch die großen Probleme der Stadt sind offensichtlich - auch für Besucher. Von Manuelmeyer

Rio de Janeiros weltberühmte Strände Copacabana und Ipanema können deprimierende Orte sein. Zumindest für schneeweiße Europäer mit Bürosesselfigur, die einfach nur zum Relaxen gekommen sind. Natürlich gibt es hier nicht nur durchtrainierte Muskelpakete, Ballkünstler und Bikini-Schönheiten am Strand. Doch niemand legt sich hier einfach nur zum Sonnen in den Sand.

Die Brasilianer schwimmen und surfen im türkisblauen Atlantik. Sie joggen auf der Strandpromenade, machen Liegestützen, spielen Fuß-, Beach- oder Volleyball. Fast könnte man glauben, alle trainieren, um auch an den Olympischen Spielen teilzunehmen, die hier im August ausgetragen werden. Bis tief in die Nacht hinein beleuchten Scheinwerfer die Strände, damit die Pelés der Zukunft auch nach Sonnenuntergang noch stundenlang im Sand kicken können.

"In Rio macht immer irgendjemand Sport. Die Stadt ist wahnsinnig dynamisch. Das Leben spielt sich auf der Straße und am Strand ab, was natürlich auch am fast immer guten Wetter liegt", erzählt Felipe. Der tätowierte Grafikdesigner spielt fast jeden Tag nach der Arbeit Volleyball am Strand von Ipanema zwischen dem Posto 9 und 10. An diesem Strandabschnitt treffen sich nur die Schönen, Durchtrainierten und Erfolgreichen. Es ist ein Sehen und Gesehen-werden. Hier trägt man Havaiana-Flipflops und Bikini-Modelle, die erst ein Jahr später auch in Europa in Mode kommen.

An den Strandbuden erfrischt man sich zu heißen Samba-Rhythmen mit eiskaltem Brahma-Bier, Caipirinha oder frisch aufgeschlagenen Kokosnüssen. Doch warum Rio den Beinamen "Cidade maravilhosa" trägt, versteht man erst richtig, wenn man die "wundervolle Stadt" aus der Vogelperspektive des Erlösers sieht.

Die gewaltige Christus-Statue thront imposant auf dem 700 Meter hohen Corcovado-Berg. Schon die steile Auffahrt mit der Zahnradbergbahn durch den dichten Regenwald des Tijuca-Nationalparks ist ein Erlebnis. Am Fuße der monumentalen Art-Déco-Statue aus dem Jahr 1931 wird so manch einer sprachlos. Oder auch nicht: "Einfach unglaublich. Das ist die schönste Stadt, die ich jemals gesehen habe", kreischt eine Amerikanerin, ohne jedoch den unvergesslichen Ausblick wirklich zu genießen. Schließlich muss sie ja Selfies von sich und ihrem Mann machen.

Von hier oben zeigt sich Rio als Mutter aller Ansichtskarten. Eine Sechs-Millionen-Metropole, eingekesselt zwischen dem subtropischen Regenwald und dem blauen Atlantik. Jedes Stadtviertel hat seinen Strand. Dschungelüberwachsene Granithügel trennen die Viertel abrupt. Ganz rechts liegt das Nobelviertel Leblon mit seinen markanten Zwillingsfelsen. Wer abenteuerlustig ist, sollte hier vom 520 Meter hohen Pedra Bonita einen Tandem-Flug wagen, der nach 30 Minuten Adrenalinüberschuss auf dem Strand von São Conrado endet.

Vom Corcovado aus konzentrieren sich die Blicke - und die Kameras - jedoch automatisch auf den weltberühmten Zuckerhut, den Pão de Açúcar. 395 Meter ragt der riesige Felsen auf der Halbinsel Urca steil aus dem Wasser. Dahinter breitet sich die Guanabara-Bucht mit ihren zahlreichen kleinen Inseln aus.

Wer mit der Gondel-Seilbahn auf den Zuckerhut fährt, wird mit einem grandiosen Stadtpanorama belohnt: Der Blick fällt direkt auf das hügelige Künstlerviertel Santa Teresa mit seinen Galerien und Cafés. Hier lebt Rios Bohème. Viele Maler, Dichter und Musiker verschlägt es zum Feiern aber ins alte Stadtviertel Lapa am Fuße des Hügels. Eine 215-Stufen-Treppe, die der Künstler Jorge Selarón mit 2000 bunten Keramikkacheln aus 60 Ländern verzierte, führt hinab ins Ausgehviertel.

In Lapa trifft sich Rios Samba- und Salsaszene. Das frühere Problemviertel und das angrenzende historische Stadtzentrum werden langsam wieder neu entdeckt. Es wurde viel investiert. Kolonialhäuser sind restauriert, die Sicherheit wurde verbessert.

Die "Arcos da Lapa", ein aus der Kolonialzeit stammendes Aquädukt mit 42 Bögen, wird derzeit für die Olympischen Spiele herausgeputzt. Mit Blick auf die Fußball-WM 2014 und Olympia ließ Bürgermeister Eduardo Paes die U-Bahn erweitern und den Flughafen ausbauen. Viele Favela-Armenviertel wurden "befriedet", ein Teil des Zentrums zur Fußgängerzone umgebaut.

Für die Außenbezirke wie Barra da Tijuca wurde eine Schnellbuslinie eröffnet. Zum Glück: Dort liegen nämlich 56 Kilometer außerhalb des Zentrums das Olympische Dorf und der Olympiapark. Und die geplante U-Bahnlinie, die mit 2,5 Milliarden Euro fast doppelt so viel kostete wie geplant, aber nicht rechtzeitig zu Olympia fertig wird.

Fast zehn Milliarden Euro pumpte Brasilien in die Sportstätten und Infrastrukturprojekte in Rio, damit die Welt im August eine tadellose Olympia-Stadt sehen kann. Doch dann brach vor zwei Jahren die Wirtschaft ein und damit auch die Olympia-Vorfreude vieler Cariocas, der Einwohner Rios. Rio ist plötzlich hoch verschuldet, muss Milliarden für die Olympia-Projekte zahlen. So gibt es kein Geld mehr für Lehrer und Ärzte. Und wegen leerer Staatskassen mussten im vergangenen Jahr gleich mehrere Krankenhäuser schließen. Die Ausstattung der Hospitäler ist ein Graus, die Wartezeiten für Patienten werden immer länger. Die Gefahr, Opfer eines Raubüberfalls oder eines anderen Gewaltverbrechens zu werden, ist erheblich höher als in Westeuropa. "In einer solchen finanziellen Lage Olympische Spiele auszurichten, ist einfach unverantwortlich", meint Jorge Darze, Sprecher der brasilianischen Ärztegewerkschaft, und ergänzt: "Die durch Olympia fehlenden Gelder sind für die Einwohner Rios ein größeres Gesundheitsproblem als das Zika-Virus."

"Olympia war eine Gelegenheit, die Infrastruktur zu verbessern. Wir haben viele zuvor heruntergekommene Stadtviertel wieder renoviert und attraktiv für Touristen und Einwohner gemacht", verteidigt sich Eduardo Paes. "Viele Stadtviertel sind nun schöner und sicherer geworden. Das stimmt. Aber wir können die gestiegenen Mieten nun nicht mehr zahlen", versichert João Neli. Der Maler wohnt in der Ausgehstraße Sacadura Cabral, wo es auch die Immobilienspekulanten hinzog. "Viele meiner Nachbarn mussten bereits wegziehen."

(dpa)
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