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Entspannte Tage für den Hund

Die Holsteinische Schweiz ist auch im Herbst eine Reise wert. Von Helge Sobik

Hunde können sehr albern sein, Retriever ganz besonders: Für Hoover, drei Jahre alt, ist das Schönste am Herbst, dass er sich als Hirsch verkleiden kann. Die passenden Accessoires hat der Sturm der letzten Nacht gebracht, der über die Reetdächer der Häuser pustete, über den Gutshof und die Vicelin-Kirche der Ortschaft Pronstorf irgendwo in Holstein. Nicht nur Stöckchen liegen jetzt in Massen auf dem Boden herum, auch ganze Äste mit ihren Zweigen hat der Wind abgerissen und in die Gegend geschleudert. Hoover packt sich einen solchen Baum-Trümmer - und sieht aus wie ein kleiner Hirsch in schwarz. Links und rechts knapp hinter den Ohren scheint das Geweih aus dem Kopf zu wachsen.

Windig ist es in der Holsteinischen Schweiz fast immer - zwischen Bad Segeberg im Westen, Pronstorf im Süden, Eutin ungefähr in der Mitte und Plön im Norden. Nirgends ist die Ostsee weit, und oft stürmt es ganz besonders im November und Dezember. Dieselben Felder, die jetzt braun und trist sind, leuchten im Mai knallgelb, wenn der Raps blüht. Es sind dieselben, über denen der Wind jetzt einzelne Wölkchen am blauen Himmel entlang schiebt. Wo nur der Ackerboden zu sehen ist, kann sich keiner daran stören, wenn Frisbee-Scheiben fliegen so weit der Wind sie trägt - und Hunde auf Herbst-Urlaub hinterherrennen und das Spielzeug gegen Belohnung zu Herrchen oder Frauchen zurückbringen. Und hoffen, dass es gleich noch mal geworfen wird.

Der Name "Holsteinische Schweiz" ist ursprünglich die Idee eines Hoteliers aus dem 19. Jahrhundert gewesen, der eine griffige Formel für die hügelige Landschaft suchte. Seine werbewirksame Kunstschöpfung ist heute zum festen Begriff für diese Region geworden. Gleichwohl, die höchste Erhebung dieser "Schweiz" bringt es auf nicht mehr als 168 Meter. Der Bungsberg ist der höchste Gipfel Schleswig-Holsteins, sein Plateau nach einem kurzen Spaziergang erreicht.

Hoover macht unterdessen seinem Staubsaugernamen alle Ehre, als ob Gerüche jetzt besonders intensiv sind. Er saugt hier auf und schnauft dort hinein. Er schnüffelt sich eifrig an Spuren entlang - und seien es zur Abwechslung bloß die eigenen im Ferienhaus-Garten von der Rasen-Runde vor zwei Stunden. Dabei macht er dieses Jagdhundgeräusch, das ungefähr wie "pfff-pifff-pfff" in stetem kurzem Wechsel klingt: einatmen, ausatmen, in der Nase bearbeiten, auswerten. Ob er dabei die Bilder von Hasen vor sich sieht? Oder Nachbars Katze? Er wird es nicht verraten.

Ein kühler Nachmittagsausflug an den Plöner See: Die letzten Sonnenstrahlen gleiten die weiße Fassade des Schlosses hinunter, und wenig später ist die sanft hügelige Landschaft in glutrotes Licht getaucht. Enten navigieren auf der leicht gekräuselten Oberfläche des Sees Richtung Ufer, werden dabei auf jedem Zentimeter ihres Kurses aufmerksam von Hoovers Blicken verfolgt. Zu gerne würde er mit ihnen schwimmen gehen - und herausfinden, ob sie sich lebend genauso gut apportierten lassen wie seine heiß geliebte Plüsch-Ente von Zuhause. "Diese Nacht wird es knackigen Frost geben", mutmaßt einer der brummigen Angler, die auf dem Holzsteg ausharren. "Und morgen wird das letzte Laub an den Bäumen knallrot verfärbt sein - wie beim Indian Summer in Nordamerika".

Und tatsächlich: Das Szenario hat sich nur 15 Stunden später verändert - als ob die Landschaft über Nacht in einen himmlischen Tuschkasten voller intensiverer Herbsttöne getunkt wurde. Als hätte die Natur noch mal ein gewaltiges Feuerwerk entzündet, das man so hierzulande nicht erwartet hätte. Der Wechsel aus wärmeren Tagen und Frostnächten verursacht chemische Reaktionen in den Blättern, die zur fortschreitenden Verfärbung führen: ein letztes Aufbäumen der Lebensgeister quasi, bevor das letzte Blattwerk endgültig abfallen wird.

Nur mit dem Gärtner des Eutiner Schlosses, weniger als eine Viertelstunde mit dem Auto von Plön entfernt, laufen die Hunde Gefahr, Ärger zu bekommen. Sauber hat er alles, was der Sturm heruntergeschüttelt hat, zu Laubhaufen zusammengeharkt - und ahnt nicht, was für eine Freude es offenbar für Hunde sein kann, durch eben diese Laubberge zu rennen. Einen Nachteil gibt es: Äste und Zweige muss er schon weggebracht haben - keine Munition fürs Stöckchenwerfen mehr da. Und keine Hirschverkleidung.

Quelle: RP
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