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Färöer-Inseln
Ein paar Kleckser Land im Nordatlantik

Fotos: So lebt es sich auf den Färöer
Fotos: So lebt es sich auf den Färöer FOTO: dpa, lea ah
Tórshavn/Berlin. Wale, Fische, Mythen und das Wetter - wer auf die Färöer Inseln reist, kommt um diese Themen nicht herum. Außer, er seilt sich ab und genießt die wilde Abgeschiedenheit der Inseln auf einer Wanderung - aber Vorsicht: Bloß nicht das "huldufólk" stören!

John Vaagseid spricht über den Walfang wie deutsche Landwirte über die Schweinemast. "Dieses Jahr waren die Wale mager", sagt er. "Das sagt uns, dass wir ein paar mehr umbringen müssen, damit sie wieder mehr Nahrung haben." Wie wichtig der Walfang für die Färinger ist, merken Urlauber auf den Färöer Inseln schnell.

Denn fast jedes Gespräch mit Einheimischen läuft zwangsläufig auf eins von vier Themen hinaus, nicht selten auf alle: Wale, Fische, Mythen und das Wetter. Da macht auch John Vaagseid keine Ausnahme.

Der Busfahrer kutschiert Touristen und Anwohner von Insel zu Insel - der Service mit Kleinbussen ist auf den Inseln preiswerter als die regulären Taxis. "Man weiß, dass die Wale kommen, weil dann alle anfangen zu rasen", erzählt Vaagseid. Denn dann müssen möglichst viele Bewohner rechtzeitig ihre Boote lostäuen, um die Grindwale an Land zu treiben. Dafür stellen Arbeitgeber sogar ihre Angestellten frei. In einem Halbkreis aus Booten treiben die Färinger die Wale an den Strand, dort töten sie die Tiere mit einem Stich ins Rückenmark.

Was dann folgt, ist ebenso Tradition wie der Walfang selbst. Fleisch und Tran werden nach einem alten und komplexen System geteilt: Die Fänger und Mitglieder der angrenzenden Gemeinde, in der die Wale an Land getrieben wurden, bekommen einen genau berechneten Anteil, den sie sich an Ort und Stelle selbst vom Wal nehmen. Von dort landet der Wal auf den Tellern.

So schön ist Malmö FOTO: Jörgen Lindström/Malmö Turism

Auch auf denen der Gäste im Restaurant "Koks", dem edelsten des Landes. Es befindet sich im Vier-Sterne Hotel "Føroyar" in der Hauptstadt Tórshavn. Tórshavn ist mit etwa 20 000 Einwohnern eine der kleinsten Hauptstädte der Welt. Sie liegt am südlichen Ende von Streymoy und ist Anlaufstelle für viele Kreuzfahrtschiffe auf ihrem Weg gen Norden. Den Schiffsgästen bietet sich beim Einlaufen ein Panoramablick auf die farbenfrohen Holzhäuser, die sich als rote, blaue und gelbe Tupfer von der Bucht über die grünen Hügel ziehen.

Im "Koks" serviert Leif Sørensen den Fang aus dem Atlantik. "Wir essen Walfleisch auf die gleiche Weise wie vor 100 Jahren", sagt der Koch. Damals waren die Bewohner der Färöer Inseln auf Walfang angewiesen: "Hätten wir keine Wale gefangen, hätten wir hier auf den Inseln nicht überlebt." Denn an anderen Lebensmitteln mangelte es den Inseln von jeher. "Man kann auf den Bergen nichts anbauen, dort ist zu viel Gestein, und es ist zu kalt."

Insgesamt sind nur sieben Prozent der Inseln kultiviert, erzählt Sørensen. Früher kamen nur zwei Fähren pro Woche, beladen mit Getreide - aus dem Mutterland Dänemark. Die 18 Inseln im Nordatlantik, auf halbem Weg zwischen Schottland und Island, gehören politisch noch immer zu Dänemark. Seit 1948 sind sie immerhin eine autonome Region innerhalb des dänischen Königreichs - mit einem eigenen Parlament und Ministerpräsidenten.

Dieser besondere Status hat eine weitere Besonderheit zur Folge: Die rund 50 000 Färinger sind keine EU-Bürger - obwohl Dänemark Teil der Europäischen Union ist. Das bringt die Inseln gerne in Streitigkeiten mit der EU über Fischfangquoten - Urlauber bekommen manchmal sogar das Wort "Krieg" zu hören.

Reise zum Polarlicht nach Lappland FOTO: visitfinland.com

Karl Mikkelsen regt sich über all das nicht mehr auf. Seine Karriere als Fischer hat der 69-Jährige schon vor langer Zeit an den Nagel gehängt. Mit 15 heuerte er an, wie so viele Jungen und Männer auf den Inseln. Die Fischerei war und ist der bedeutendste Wirtschaftszweig der Inseln. Fast der gesamte Export geht auf Fisch zurück. "Nach der Konfirmation gingen viele Jungs aufs Boot, fast alle", erinnert er sich. "Jetzt fangen sie nicht mehr an, bis sie 20 sind." Auch die Boote seien heutzutage anders: viel größer, viel effizienter, viel luxuriöser.

Mikkelsen lebt in Gásadalur, einem Ort auf Vágar, der bis vor kurzem der isolierteste der Inseln war. Schroffe Klippen begrenzen Gásadalur im Westen zum Meer, im Norden, Osten und Süden umzingeln steile Berge die kleine Ortschaft - nicht selten verschwinden deren Kämme in dichten Nebel- und Wolkenschwaden: Das macht den Ort atemberaubend schön und atemberaubend einsam zugleich. Etwa ein Dutzend Menschen leben hier. Für die Färöer Inseln eine ganz normale Ortsgröße.

Genau diese Abgeschiedenheit war es, der Mikkelsen seinen zweiten Beruf verdankte. Er wurde Postmann von Gásadalur. Ein echter Knochenjob. Dreimal pro Woche kraxelte Mikkelsen die alte Postroute entlang über den südlichen Berg Rógvukollur auf 464 Meter Höhe, bis in das nächste Dorf, um dort die Post, Medikamente und kleinere Einkäufe für die Bewohner von Gásadalur zu besorgen. "Es war ein besonderer Job", sagt er. Manchmal war es so stürmisch, dass sich der Postmann flach hinlegen musste, wenn er den Pass erreichte. Nur kriechend schaffte er es dann über den Berg.

Bis 2006 der Tunnel durch eben diesen fertiggestellt wurde. Seitdem hat Gásadalur eine Straßenanbindung, 1,7 Kilometer durch den Berg nach Süden. Mikkelsens Kraxelei wurde damit überflüssig, er ging in Rente. Auf Wanderer übt die alte Postroute noch immer eine große Anziehung aus. Denn wenn der Wind einem durch die Haare und die salzige Luft vom Nordatlantik in die Nase bläst, lassen sich die Färöer Inseln am besten erleben.

Dabei sollten Urlauber nicht allzu unbedacht durch die färöische Natur wandern. Denn hier wimmelt es von mythischen Wesen. Randi Meitil weiß, wie sie dem "huldufólk" aus dem Weg geht. Die Frau mit den feuerroten Locken fährt oft aus Tórshavn heraus, um zu wandern - manchmal allein, manchmal hat sie Touristen dabei. Das "huldufólk", die "Versteckten", ist den Menschen sehr ähnlich, erzählt sie.

Europas Lieblingsziele der Deutschen FOTO: gms

Die Lehrerin deutet auf einen Stein, der vom "huldufólk" bewohnt wird. Die Färinger würden hier einen Becher Milch stehen lassen, um das Wohlwollen der Versteckten zu erlangen. Denn wer ihren Unmut auf sich zieht, dem kann es sogar passieren, dass sie die Babys vertauschen - und den Menschen ein "huldufólk"-Kind untermogeln. "Das färöische Wort für eine Person mit geistiger Behinderung lautet deswegen "vertauscht"", erklärt Meitil.

Die Mythen sind in der färöischen Kultur noch immer sehr lebendig. Als vor wenigen Jahren eine Straße nahe der Kathedrale inmitten der Hauptstadt asphaltiert wurde, mussten die Bauarbeiten um einen großen Brocken herumführen, erzählt Meitil. Denn der Stein, so wusste jeder Färinger, gehörte dem "huldufólk". Ihn wegzuräumen, um die Straße zu begradigen: undenkbar.

Neben dem "huldufólk" leben auf den Inseln auch Trolle, Riesen, Zwerge, Hexen und der "nykur" - ein Pferdemensch, der in Seen wohnt und Ahnungslose auf deren Grund verschleppt. Die Fabelwesen tauchen überall in der Natur auf: Sei es beim Trøllkonufingur, dem Hexenfinger, ein Monolith an der Südküste von Vágar, oder auf der Postroute nach Gásadalur, wo ein Riese seinen Fußabdruck hinterließ, als er von dort zur Nachbarinsel Mykines absprang. "Ich mag es, an diese Dinge zu denken, wenn ich wandere, weil ich dann nicht nur die Natur sehe, sondern auch die Mythen, die Geschichte der Färinger", sagt Meitil, während sie auf den Hexenfinger blickt.

Von solchen Mythen ist Vigar Hvidbro weit entfernt - er hat Profaneres im Kopf: Das nächste Fußballspiel steht an. Hvidbro ist Manager vom nationalen Fußballverband, dem Fótbóltssamband Føroya (FSF). Die Nationalauswahl war schon häufiger Gegner der deutschen Kicker, zuletzt spielte Löws Elf im September 2013 in Tórshavn. Zu diesem Zeitpunkt mussten die Zuschauer noch ohne Überdachung auskommen - was auf den Inseln riskant sein kann. "Wir können viel Regen haben, und es ist sehr windig", spricht Hvidbro einen der färöischen Dauerbrenner an.

Der Fußball spielt für den Nationalstolz der Insulaner eine wichtige Rolle. Denn obwohl sie kein eigenständiger Staat sind, sind die Inseln vollwertiges Mitglied von FIFA und UEFA. In spektakulären Siegen über größere Fußballnationen konnte sich dieser Nationalstolz bislang selten zeigen: Über das 1:0 gegen Österreich vor mehr als zwei Jahrzehnten wird im Kneipen-Tête-à-tête bis heute am liebsten gesprochen. Ein Problem sei, dass talentierter Nachwuchs den Kickern mitunter verloren gehe, beklagt Hvidbro. "Viele gehen zum Studieren weg und kommen nicht zurück."

Denn die Inseln sind für manchen der Bewohner einfach zu klein und zu abgeschieden, um sich hier verwirklichen zu können. Aber nicht alle Färinger können ihre Inseln für immer aufgeben. So ging es zum Beispiel Simun av Skardi: "Wir haben zwölf Jahre in Dänemark gelebt, aber wir hatten immer Heimweh." Also kam der Deutschlehrer mit seiner Frau zurück nach Sandoy, im Süden der Inselgruppe.

Die Landschaft auf Sandoy sei sanfter als die der nördlichen Inseln, sagt av Skardi. "Die Hügel sehen femininer aus." Auf diesen Hügeln stehen viele der typisch färöischen Häuser mit ihrem Dach aus Gras.
Mit diesem Tarnkleid schmiegen sie sich an die grünen Hänge. Sie sind das einzige, das sich von den grünen Flächen abhebt: Bäume sind auf den Inseln eine Seltenheit.

Häufig hängen an einer Leine außen an den Häusern Fische zum Trocknen, daneben Schafsfleisch, Walstücke. Erst vergangene Woche haben die Bewohner von Sandoy rund 130 Wale an Land getrieben. "In zwölf Minuten waren sie alle tot", sagt der pensionierte Lehrer nicht ohne Stolz.

Das Bild dürfte ein ähnliches gewesen sein, wie es auf einem Gemälde bei av Skardi im Arbeitszimmer hängt: Gestrandete Wale in blutgetränkter See. Den meisten Touristen wird sich dieses Bild während ihres Urlaubs wohl nicht bieten - zum Glück. Ihnen bleiben vor allem das satte Grün, das wilde Meer und die wolkenumspielten Gipfel in Erinnerung. Und die einzige Brücke über den Atlantik, die sich nur ein paar Hundert Meter über die enge Passage zwischen Streymoy und Eysturoy spannt.

(dpa)
 
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