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Estland
Tallinn - baltisches Bonbon

Estland: Acht Orte, die Sie nicht verpassen dürfen
Estland: Acht Orte, die Sie nicht verpassen dürfen FOTO: Richard Cavalleri / Shutterstock.com
Tallinn. Die estnische Hauptstadt ist eine der attraktivsten Städte Europas. Doch nur wenige kennen die entlegenen und versteckten Winkel von Tallinn. Reiseführer Eduard gewährt einen Blick hinter die Kulissen der vielfältigen Metropole. Von Ekkehart Eichler

Was mag hinter dem Schlitz in der schiefen Fassade stecken? Unbezähmbar ist die Neugier, doch sie bliebe wohl ungestillt ohne Eduard. Denn der drückt einen verborgenen Knopf, und wie von Geisterhand öffnet sich eine hölzerne Pforte. Dahinter erscheint ein Mann wie aus einem russischen Märchenfilm: brauner Kapuzenpulli, blitzblanker Schädel und dichter Zottelbart. Ein Mönch, möchte man meinen, liegt aber grundfalsch. Anatoli Ljutjuk ist Künstler und leitet das ukrainische Gemeindezentrum, in das er nun freundlich einzutreten bittet.

Eine friedvolle Oase inmitten der mächtigen Altstadtmauern von Tallinn. Solche versteckten Orte entdeckt man sonst nicht. Es sei denn, man hat einen einheimischen Stadtführer wie Eduard Kohlhof dabei. Er nimmt einen mit zu den versteckten und entlegenen Winkeln der estnischen Hauptstadt - wie das Gemeindezentrum mit seinem kleinen Garten, den vielen Blumen und Skulpturen im Hinterhof. Mit Werkstätten, in denen geschnitzt, getöpfert und Papier geschöpft wird. Und nicht zuletzt mit der liebevoll restaurierten Ukrainischen griechisch-katholischen Kirche - ein wunderbarer Ort für Andacht und Gebet. Geweiht sei die Kirche der Dreihändigen Gottesmutter, erzählt Anatoli, während er in einem alten Steinofen Fleisch für seine Abendgäste schmort. Sie beschütze alle zu Unrecht Bestraften, "wenn ihr diesbezüglich Probleme habt, einfach auf einen Zettel schreiben und in den Briefschlitz werfen. Dann kümmert sie sich um eine Lösung". Eine himmlische Idee.

Für Stadtführer Eduard sind Begegnungen wie diese das Salz in der touristischen Suppe. Sein Credo: "Begnügt euch nicht mit den Bilderbuchfassaden, den Mittelalterkulissen und dem Hansezeitflair. Steckt eure Nase überall rein. Schaut in die Hinterhöfe. Plant Umwege und fragt auch einfach mal nach, ob ihr eintreten dürft." Gesagt, getan. Mit dieser Taktik landen wir zum Beispiel in einer winzigen Bäckerei, in der ein verhutzeltes Mütterchen selbst die Kleinstbeträge für ein paar Mandelkringel per Kreditkartenzahlung abwickelt. "Das ist hier so normal wie freies WLAN immer und überall", sagt Eduard und erinnert stolz an den Pioniergeist seiner Landsleute: "Denkt mal an Skype - wer hats erfunden? Wir Esten!"

Im Katharinengang, einer von Bögen überspannten Altstadtgasse, schleust der stadtkundige Este die Gruppe durch versteckte Hinterzimmer. Hinter den Steinmauern fertigen Frauen und Männer hochwertige estnische Mode und Kunsthandwerk. Und plaudern auch gern darüber.

Sehenswürdigkeiten in Tartu FOTO: dpa, ah

Im Marzipanmuseum zaubert Eduard seinen Freund Otto aus der Trickkiste des Reiseleiters, der sich wie kaum ein anderer auskennt im Universum der feinen Mandel-Süßspeise. Mehr als 50 Jahre hat er für die estnische Traditionsfirma Kalev gearbeitet, jetzt, im Ruhestand, erzählt er Geschichten rund ums Marzipan. Wer es erfunden hat zum Beispiel, denn in Tallinn ist man von der Urheberschaft genauso überzeugt wie die Platzhirsche von Niederegger in Lübeck von der ihren.

Während nebenan Marzipanmalerin Heli ihren Figuren und Torten sorgsam Farbe verleiht, erzählt Otto in entzückend altmodischem Deutsch, dass Marzipan ursprünglich gar nicht als Süßigkeit galt, sondern als Arzneimittel. "Man verschrieb es bei Nervosität, Kopfschmerzen und Herzweh, und es war auch sehr beliebt als Wundermittel gegen Liebeskummer." Die Marzipankünstler von Reval, wie Tallinn bis 1918 hieß, belieferten den Hof des russischen Zaren und auch die Herrscher im Sowjetreich waren ganz scharf auf die edle Masse - so ließ etwa Leonid Breschnew zu seinem 70. und 75. Geburtstag große Bärenfiguren anfertigen. Heutzutage seien vor allem Russen und Chinesen so versessen auf Kalev-Marzipan, "dass wir mit der Produktion kaum nachkommen".

Zwei volle Tage durchstreifen wir Tallinn auf diese intensive Art und Weise. Und ausschließlich zu Fuß - auch das ein Vorzug des kompakten Altstadtkerns rund um Rathausplatz und Domberg. Gleich nebenan, nur mal eben über die Straße, begeistert das Rotermann-Viertel nicht nur Architekten mit seiner kühnen Symbiose aus alten Fabrikanlagen und avantgardistischer Architektur. Wo früher die Schlote von Sägewerken, Textilfabriken, Webereien und Destillerien die Luft verpesteten, sorgen heute Wohnungen, Designerläden, Bistros und Büros für ein modernes, quicklebendiges Ambiente und den kompletten Kontrast zur benachbarten Altstadt.

Ebenfalls zu Fuß in nur zehn Minuten ist Kalamaja zu erreichen, was übersetzt Fischhaus bedeutet. Im ehemaligen Arbeiterbezirk schlendern wir durch Straßenzüge, in denen neben alten Fabrikgebäuden noch rund 500 traditionelle rote, grüne und braune Holzhäuser stehen, viele davon verziert mit schönen Schnitzereien - ein fast dörflicher Charakter. Vielerorts fasziniert der Charme des Unfertigen und des Umbruchs, womit Kalamaja ein bisschen an den Prenzlauer Berg in den 1990er Jahren erinnert.

Wie lange das noch so bleiben wird, vermag auch Eduard nicht vorherzusagen. "Die Zeit der Hipster jedenfalls scheint schon wieder vorbei zu sein, die Kalamaja nach der Wende eroberten und in einen Szene- und Kulturbezirk verwandelten. Jetzt haben hier die Investoren das Sagen, und bei dieser Superlage am Meer sind wir hier auf klarem Kurs Richtung Gentrifizierung", sagt Eduard mit leichtem Bedauern in der Stimme und biegt dann mit gewohntem Elan ein auf den "Kulturkilometer" am Meer, den es seit 2011 gibt, als Tallinn Kulturhauptstadt war. Dort werden wir in den nächsten Stunden erneut schwer beschäftigt sein - vor allem hinter den Kulissen der Stadt.

Die Redaktion wurde von Gebeco zu der Reise eingeladen.

Quelle: RP
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