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Europa
La Rochelle - Die schöne Rebellin am Atlantik

La Rochelle in Frankreich - Die besondere Hafenstadt
La Rochelle in Frankreich - Die besondere Hafenstadt FOTO: dpa, pla
La Rochelle. La Rochelle liegt direkt am Atlantik. Für Segler ist die Stadt schon deshalb eine gute Adresse. Für kulturinteressierte gibt es eine Reihe Museen, für Familien ein ungewöhnliches Aquarium. Und wer gerne isst und trinkt, braucht hier auch nicht lange umherirren.

Morgens um sieben ist die Welt noch ganz ruhig. Jedenfalls am Quai Valin in La Rochelle. Die Cafés und Bars, die am Abend so voll waren, dass man sogar auf dem Bürgersteig davor kaum vorwärts kam, sind nun verwaist. Genau wie die Restaurants am Hafenbecken des Vieux Port. Das Riesenrad am Quai de la Georgette steht still. Autos sind noch kaum unterwegs. Die Trikolore über dem Tour Saint Nicolas hängt schlaff im Wind. Wie still La Rochelle sein kann. Meistens ist es hier ganz anders. In der Hafenstadt am Atlantik sind die Nächte lang und die Tage laut.

La Rochelle war schon immer etwas anders. Eigensinnig, selbstbewusst, rebellisch, sagen die Rochelais, wie seine Bewohner heißen. Schon im Mittelalter, als die Stadt durch den Handel mit Salz und Wein reich wurde, ließen sich die Bürger nichts sagen, schon gar nicht vom französischen König. Im Zweifel gehörte man lieber zu England.

La Rochelle war eine Hochburg des Protestantismus

Von der Kirche ließ man sich auch nicht belehren: La Rochelle war eine Hochburg des Protestantismus. Kardinal Richelieu zwang die Stadt erst durch eine gnadenlose Belagerung dazu, zum alten Glauben zurückzukehren. Und in der jüngeren Vergangenheit war La Rochelle, Partnerstadt von Lübeck, frankreichweit immer mal wieder Vorreiter in Sachen Umweltpolitik. Die Altstadt ist schon seit 1975 autofrei - Frankreichs erste Fußgängerzone.

Auf Richelieu sind die Rochelais immer noch nicht gut zu sprechen. Aber von den brutalen Zeiten der Glaubenskriege ist nichts mehr zu spüren, im Gegenteil: La Rochelle steht heute für die Leichtigkeit des Seins. Mehr als 12 500 Studenten gibt es in der Stadt mit rund 76 000 Einwohnern. Das macht sich abends in den Kneipen, Bars und Restaurants eindrucksvoll bemerkbar: Hier ist jeden Tag viel los.

La Rochelle ist aber auch die Stadt der Segler: Der Jachthafen ist mit 4700 Liegeplätzen einer der größten der Welt. Die meisten Boote gehören Franzosen aus der Region. Und es sind tatsächlich überwiegend Segeljachten - anders als in vielen Marinas, wo PS-starke Motoren dominieren. Segelmacher, Mastbauer und die Werften für Jachten und Katamarane sind auch als Arbeitgeber noch eine Größe.

12.000 Meerestiere gibt es im Aquarium zu sehen

Daran, dass La Rochelle eine Stadt am Meer ist, wird man immer wieder erinnert, nicht nur direkt am Wasser. Eines der größten und populärsten Aquarien Frankreichs ist hier zu Hause. Zu empfehlen, bei schlechtem Wetter könne man ja mal dorthin gehen, ist doppelter Quatsch: Erstens scheint in La Rochelle meistens die Sonne, zweitens lohnt sich das an allen Tagen des Jahres geöffnete Aquarium immer.

Rund 12.000 Meerestiere gibt es zu sehen. In einem Tunnel aus Glas schweben Quallen auf allen Seiten über und neben einem. Seewolf und Rotbarsch lassen sich beobachten. Mal guckt man durch große Bullaugen in die Unterwasserwelt hinter der Beckenwand, mal läuft man unter den Becken durch, während Fischschwärme über einen hinwegziehen. Oder man sitzt wie in einem Amphitheater und schaut gebannt auf die Schwimmbewegungen der Barrakudas.

Ein etwas mulmiges Gefühl ist fast unvermeidbar, wenn ein Stierhai mit seinen drei Reihen scharfer Zähne plötzlich auf einen zuschwimmt. Dabei sind die Besucher von dem riesigen Haibecken durch eine dicke Glaswand getrennt. Den Meerbrassen zuzuschauen, wie sie langsam durchs Wasser ziehen, hat dagegen fast etwas Meditatives.

Buntes in der Markthalle 

Das kann man von der Markthalle nicht behaupten. Hier ist ständig Bewegung und vor allen Ständen Betrieb. Wer kulinarischen Genüssen nicht völlig abgeneigt ist, wird begeistert sein über das riesige Angebot. An den Markttagen gruppieren sich bereits vor der Halle aus dem 19. Jahrhundert etliche Stände: Faustgroße Tomaten, Berge von Weintrauben, Mirabellen, Feigen, Pfirsiche, Pflaumen und Avocados gibt es. Melonen aus dem Nachbardepartement Vendée, Girolles-Pilze, Bohnen, Kartoffeln. Und Saucisson d'Auvergne, eine Wurstspezialität, deren köstlichen Geruch man schon wahrnimmt, bevor man den Stand auch nur sieht, an dem sie verkauft wird.

Das Angebot an Erdbeeren ist ebenfalls beachtlich: "Deux pour cinque, trois pour six!", wiederholt der Händler mit markerschütternder Stimme - zwei Schalen gibt es für fünf Euro, drei für sechs. Und auch im Freien sind bereits Meeresfrüchte zu haben, für die die Region an der Atlantikküste so bekannt ist: Austern von der Ile d'Oléron etwa, Frankreichs zweitgrößter Insel direkt vor der Küste, kosten hier zwischen knapp sechs und neun Euro das Dutzend.

Wer den ersten Schritt in die Markthalle hinter sich hat, steht vor einem noch viel größeren Angebot. Hier geben sich La Rochelles Fischhändler ein Stelldichein. Doraden liegen im Dutzend gefächert auf Eis, neben Thunfisch, Butt und Sardinen. Langusten gibt es, Miesmuscheln für vier Euro das Kilo. Ein Fischhändler nimmt gerade ein Riesenstück Lachs hoch und zeigt seiner Kundin mit dem Messer, wie viel er abschneiden will. "D'accord - einverstanden."

Auch wer noch ein Kotelett vom Schwein fürs Mittagsessen braucht, Gratin oder geschmorte Auberginen, muss nicht lange suchen. In einer anderen Vitrine stapeln sich geschlachtete Hühner. Es gibt Fleisch mariniert oder auch Innereien - Nierchen glänzen in der Auslage. Manche Besucher, die sich nicht mehr zurückhalten können, essen gleich in der Markthalle: Paella Royale steht heute auf der Tageskarte und Couscous maison.

Fünf Minuten von dort entfernt findet sich seit rund drei Jahren in der Rue des Dames ein Museum der etwas anderen Art. Von außen sieht das Haus aus wie jedes andere, gegenüber ist ein Friseur, direkt daneben ein Nagelstudio. "Le Bunker" steht über dem Eingang, und auf dem Schild daneben macht eine schwarze Katze einen Buckel.

Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg

Was soll das? "Die Katze war das Emblem der 3. U-Boot-Flotte, die im Zweiten Weltkrieg in La Rochelle stationiert war", sagt Museumsleiter Hervé Sinquin. Und der Bunker wurde für deutsche Offiziere gebaut. Es gibt dort eine Reihe von historischen Fotos zu sehen - etwa von den Bombardements des U-Boot-Stützpunkts. Wolfgang Petersen hat in La Rochelle seinen Film "Das Boot" gedreht, auch dazu gibt es einige Informationen. An vielen Stellen sind Szenen aus dem Krieg nachgestellt, zum Beispiel mit Marinesoldaten am Funkgerät oder zur Befreiung der Stadt am 8. Mai 1945.

Zu Fuß in wenigen Minuten zu erreichen ist das Museum der Neuen Welt. Es widmet sich La Rochelles Geschichte in der Frühen Neuzeit. Kein bisschen verstaubt und immer auch mit Wechselausstellungen aktueller Künstler liegt der Schwerpunkt auf den Beziehungen der Stadt zu Nordamerika: Mit Sklavenhandel wurden viele Geschäftsleute aus La Rochelle reich. Andere versuchten weniger erfolgreich, vom Goldrausch in Alaska zu profitieren. Und viele Rochelais landeten im Osten Kanadas - von dort kommen jedes Jahr zahlreiche Besucher an den Atlantik, Nachfahren der Auswanderer früherer Jahrhunderte.

Egal, woher sie kommen, alle Besucher landen irgendwann am Alten Hafen, dem Wahrzeichen der Stadt. Er ist schon im 13. Jahrhundert angelegt worden. Verpassen kann man ihn nicht, weil die drei Türme, die in seiner unmittelbaren Nähe stehen, von weitem gut zu sehen sind. Das gilt vor allem für den höchsten von ihnen: Saint Nicolas direkt an der Hafeneinfahrt. Der Turm ist unbedingt einen Besuch wert: Es gibt ein ganzes Labyrinth an Gängen, Treppen und Räumen. Früher hat der Stadthauptmann hier gewohnt.

Bei Touren durch den Turm schlüpft der Führer schon mal ins Kostüm und zeigt mit dreiviertellanger Hose, bunter Weste, schwarzem Hut samt gelber Feder, wo die Wachen stationiert waren und die Bewohner durch ein "Mordloch" Steine auf Angreifer werfen konnten. Im obersten Stockwerk kommt man wieder ins Freie. Von dort hat man einen tollen Blick über den Hafen und die Dächer der Altstadt.

Nicht weit von Saint-Nicolas entfernt trainieren die Ruderer. In den Restaurants um die Ecke füllen sich währenddessen die Plätze. Ein älteres Ehepaar kommt mit Klapprädern den Kai entlang gefahren und verstaut diese auf ihrer ansehnlichen Jacht. Kurz darauf sitzen beide gemütlich im Heck. Auslaufen wollen sie nicht, nur den Abend an Bord genießen.

Am Quai Valin ist es inzwischen schon wieder ganz schön laut und trubelig. Und in den umliegenden Straßen im Saint-Nicolas-Viertel auch. Gemütliche kleine Restaurants gibt es viele, fast immer mit Tischen und Stühlen vor der Tür. Und weil es hier trotz der Nähe zum Atlantik abends selten kühl wird, sitzt man entspannt beim Essen draußen - idealerweise mit Blick auf die Schiffsmasten über dem Vieux Port. Schöner kann La Rochelle gar nicht sein.

(dpa)
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